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Holocaust-Mahnmal Komm herein in den Stelenwald!

31.08.2005 ·  Bis heute haben 165.000 Menschen das Holocaust-Mahnmal besucht. Der ungarische Schriftsteller György Konrad, einst ein Gegner von Peter Eisenmans Entwurf, ist nun voll des Lobes: Aufzeichnungen eines Wanderers.

Von György Konrad
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Höher und tiefer geht der Weg. Als hätte sich die Säule erhöht, als hättest du dich hinab in die Tiefe begeben. Einerlei. Im Vergleich zur Mauer bist du kleiner geworden. An vier Stellen führen Stufen zu einer Stahltür, an der es weder Schloß noch Klinke gibt. Darüber die Mitteilung: „Notausgang.“ Durch den du nicht hinausgelangst. Absolut nichts. Nur das Verlorensein des Menschen. Lassen wir uns darauf ein!

Vom Rand aus beobachten sie, fotografieren das Mahnmal. Es gibt einen beruhigenden und humoristischen Blickwinkel auf die Gedenkstätte. Geweiht den ermordeten Juden Europas. Kinder und Liebespärchen dringen tiefer ein, spielen Haschen und Verstecken, küssen sich. Auf den äußeren Stelen, aus der Stadt kommend, rasten. Nach den Zerknirschungen des Tourismus eine nachmittägliche Stärkung zu sich nehmen und einen Blick werfen in die quadratischen, parallelen, schmalen Korridore. In denen gibt es kein Arm-in-Arm-Schlendern, hier kann der Mensch nur allein vorankommen. Immer kleiner und immer einsamer.

Stabilstes Bauwerk der Stadt

Die Gedenkstätte ist nun da, daran läßt sich nichts mehr ändern, auch nichts verbessern, zurücknehmen, vielleicht kann sie nicht einmal abgerissen oder mit Kanonen in Grund und Boden geschossen werden. Sie ist ebenso vorhanden wie eine historische Tatsache. Stabilstes Bauwerk der Stadt. Alte Menschen verbergen sich in der Schneise. Von draußen könnte ich annehmen, das Mahnmal sei leer. Doch bin ich erst einmal drinnen, wimmelt es dort von Zeitgenossen aus aller Herren Ländern. Ein ernstes Mädchen sitzt am Rand und informiert sich lesend. Von hier aus sind die Quadriga zu sehen, das Viergespann auf dem Dach des Brandenburger Triumphtors, und die Kuppel des Reichtages. Darunter tobte die Geschichte so, wie sie gewesen ist: Man redete, entschied, marschierte. Und nun das Mahnmal: stumme Mahnung. Kein einziger Buchstabe auf den Stelen, keinerlei Gravur. Grabstein für alle.

György Konrad: Komm herein in den Stelenwald!

Das Leben ist Gott sei Dank banal. Das Baby im Kinderwagen schreit aus Leibeskräften, die Mama schiebt es, denkt nach, sagt manchmal etwas Liebes. Das städtische Leben schluckt das vielleicht größte Monument der Welt. Ganz dennoch nicht. Auch dem Werk gelingt es, die Umgebung an sich zu reißen. Denn dem Besucher wird der Schock, der schön langsam kommt, kaum erspart. „Was ist das? Wo bin ich?“ Alle Worte sind in uns, stehen nicht geschrieben auf dem Stelenwald, wir haben sie mitgebracht.

Schauder vor dem Heiligtum

Wir schlendern über eine der unendlich vielen möglichen Wegstrecken. Random walk, zufälliges Schlendern - dies die Bezeichnung der Theorie eines ungarisch-jüdisch-amerikanischen Mathematikers. Jugendliche mit Rucksäcken auf dem Rücken kommen vom Trivialen ins Einmalige. Vom Schauder vor dem Heiligtum sind sie nicht weit entfernt. Kleine Jungen versuchen, ob sie von einer Stele zur anderen treten oder springen können. In wortloser Reglosigkeit stehen die rechteckigen Betonanthrazitsäulen da. Wer sich hier küßt, der weiß, was er tut.

Draußen verschiedene frivole Bewegungen, hier drinnen sich verdüsternde Mienen. Ob wir wollen oder nicht, Unsicherheit breitet sich aus. Es gibt feinfühlige, jedoch um sich selbst ein wenig besorgte Menschen, die sich, obwohl sie in der Umgebung der Gedenkstätte wohnen oder arbeiten, dennoch nicht entschließen können, in sie einzudringen. Ebenso wie sie sich vielleicht auch im Englischen Park nicht das Erlebnis des Erschüttertwerdens wünschen würden. Willst du allein sein? Möchtest du ein bißchen Beklommenheit haben? Komm herein in den Stelenwald!

Gedenkstätte für die Baracken?

Eine Gedenkstätte für die Opfer oder die Baracken? In Birkenau reihen sich die Baracken in einer ebensolchen quadratisch-geometrischen Ordnung aneinander. Diese Stelen, Häuser, Baracken, die in ihrer Höhe schwanken, sich über uns drängen, dann wieder besänftigen, könnten auch sagen: Siehst du, wohin du geraten bist? Glaubst du noch immer, daß es einen Ausweg gibt? Gibt es auch. Doch es kann auch sein, daß es keinen gibt, daß du dich hin und her bewegst, nach rechts oder links, statt dich aus dem System zu entfernen.

Ein zivilisierter Ort. Kommt uns hier jemand entgegen, können wir ihm leicht ausweichen, seitlich in eine andere Straße einbiegen, von wo wir, eine kleine Kurve nehmend, sogleich mit nachdenklichen Schritten zu unserer ursprünglichen Wegstrecke zurückkehren können. Wir können höflich sein, auf und ab, Hügel und Tal, ein ausgezeichneter Spielplatz, ein jeder findet dort das Seine. In deiner gewählten Straße kannst du sagen: „Auf der Hälfte des Weges eines Menschenlebens bin ich in einen großen finsteren Wald geraten.“ Zwischen den zweitausendsiebenhundertundelf Stelen können sich zahllose Wegstrecken ergeben. Zufällig. An einem relativ kleinen Ort ausreichend Wegkreuzungen für eine Stadt.

Es sausen die Rammböcke

Voran geht die Frau, und der Frau hinterher der Mann. Würde ich allein spazieren gehen wollen, um über etwas Ernstes nachzudenken, käme ich gelegentlich hierher. Es sausen die Rammböcke der im Bau befindlichen amerikanischen Botschaft nieder. Am Rand kannst du dich dann wieder hinsetzen und ausruhen. Du versinkst in rasendes Fotografieren, hebst jenes Etwas vor die Augen, um schlechter zu sehen. Das Bild, in dem du drinnen bist, legst du für ein anderes Mal beiseite, um es dann hervorzuholen und erneut von außen zu betrachten. Dazu wirst du keine Geduld haben.

Für einen Augenblick durchzuckt uns vielleicht das, wovon diese verdichtete Steinwildnis erzählt. Wenn schon Kompaktheit, dann kein einziges Wort! Den Besucher ratlos zurückzulassen, das ist Sache des Werks. Ein kleingläubiger, einfältiger Kritiker bin ich gewesen. Der Künstler hat recht. Rätselhafter und klarer hat er verwirklicht, was ich vorgeschlagen habe: Inmitten der Stadt hat er einen Spielplatz geschaffen.

In Birkenau habe ich mich in den Einzelheiten verloren: „Wie ist das passiert? Wie haben sie das gemacht?“ Hier kann man sich wiegen und auch weinen, wenn du willst, wie vor der Mauer stehend, dies aber ist schlendernd ein Ort der Besinnung. Auch im Voranschreiten kann man seufzen. Westlicher Geist reflektiert während des Spaziergangs. Weiter im Inneren wird der Mensch allmählich ein Zwerg. Im Hintergrund steigt ein blaugrüner Riesenballon auf. So hoch, daß ich von dort die ganze Stadt sehen könnte und der schwarze Steinwald nur noch als ein Sprenkel erscheinen würde. Sei es nun oben oder unten, du nutzt ihn, wofür du willst. In den Sinn kommt dir, was dir in den Sinn kommt. Das ist deine Sache. Begräbnisstätte? Tatsächlich. Dort denkst du an den Tod derer, die du verloren hast und vermißt.

Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke.

Quelle: F.A.Z., 31.08.2005, Nr. 202 / Seite 35
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