16.10.2006 · Ministerpräsidenten sind empört, über Mauscheleien bei der Kür der ersten deutschen Spitzenuniversitäten wird getuschelt. Trotz allem hat der Präsident des Wissenschaftsrates Muse genug, über den Tag hinauszudenken.
Von Christian SchwägerlDie Gerüchteküche brodelt, über Mauscheleien zugunsten des Südens bei der Kür der ersten deutschen Spitzenuniversitäten in München und Karlsruhe wird getuschelt - doch die Vertreter der Wissenschaft geben sich ruhig und souverän, gestärkt vom Zuspruch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): Alles sei bei der Auswahl der drei Universitäten für die Spitzengruppe und bei der Vergabe von insgesamt 900 Millionen Euro für Graduiertenschulen und „Exzellenzclustern“ mit rechten Dingen zugegangen, allein wissenschaftliche Kriterien hätten eine Rolle gespielt, sagte der Präsident des Wissenschaftsrats, Peter Strohschneider, am Montag mittag bei einer Pressekonferenz in Berlin.
Die Erwartung der Wissenschaftsminister von Bund und Ländern, sie könnten ein abschließendes Wörtchen mitreden, wer in Deutschland zur Exzellenz zähle und wer nicht, bezeichnete Strohschneider als „Mißverständnis“. Auch bei der Vergabe der zweiten Exzellenzmilliarde im kommenden Jahr dürfe die Wissenschaft nicht gezwungen werden, Zweifelsfälle vorzulegen, damit Politiker diese nach eigenen Kriterien, etwa dem Nord-Süd-Ausgleich, verteilen könnten. „Wenn wir Wissenschaftler uns einig sind, sind wir uns einig“, sagte Strohschneider.
Strohschneider: Verabredung nicht gebrochen
Der Wissenschaftsrat hatte den Wettbewerb, für den Bund und Länder bis 2011 rund 1,9 Milliarden Euro zusätzlich zur Verfügung stellen, gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) organisiert und jene Gutachtergremien bestückt, in denen 27 Wissenschaftler aus elf Ländern die Auswahl der besten Projekte trafen. Am Freitag sollten die Wissenschaftler gemeinsam mit den Wissenschaftsministern eine abschließende Entscheidung treffen, doch es kam zum Eklat: Die Wissenschaftler hatten den Politikern eine fertige Liste ohne Zweifelsfälle vorgelegt.
„Wir konnten das nur noch abnicken“, empört sich der Kieler Wissenschaftsminister Dietrich Austermann. Sogar die Forderung nach einem Rücktritt des DFG-Präsidenten Winnacker vom Vorsitz des Bewilligungsausschusses wurde erwogen. Am Ende fügten sich die Minister, um ein öffentliches Zerwürfnis zu vermeiden und die Mitarbeit internationaler Experten im Wettbewerb nicht zu gefährden. Ähnliche Kritik kam auch vom nordrhein-westfälischen Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) und vom Berliner Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS): Es habe eine Verabredung gegeben, daß die Minister auch mit auswählen dürfen. Diese Verabredung sei gebrochen worden. Davon will Strohschneider nichts wissen. Zu Details wolle er sich aber nicht äußern.
Wissenschaftsrat sieht Selbstbeobachtung gestärkt
Mit Genugtuung nahmen es die Spitzenvertreter der Wissenschaft auf, daß sich am Wochenende Bundeskanzlerin Angela Merkel demonstrativ hinter sie und die an der Auswahl beteiligten Wissenschaftler gestellt. „Wenn der Süden besser ist, dann ist er es“, sagte Frau Merkel. Dies müsse auch ausgesprochen werden können. Die drei Universitäten in München und Karlsruhe hätten die Ernennung zur Spitzenuniversität verdient. Dies sei auch durch die „langfristige Politik“ in Bayern und Baden-Württemberg ermöglicht worden. „Es hat keinen Sinn, wenn wir uns einreden, jede Universität ist gleich“, sagte die Kanzlerin und betonte, sie rechne mit weiteren Verteilungskämpfen zwischen Politik und Wissenschaft. Mit Blick auf den weiteren Fortgang des Wettbewerbs, bei dem bis 2011 insgesamt 1,9 Milliarden Euro zu vergeben sind, sagte Frau Merkel „noch manchen Kampf“ voraus. Forderungen, die Mittel nach dem „Gießkannenprinzip“ gleichmäßig zu verteilen, erteilte sie eine Absage. Deutschland müsse sich zu seiner Exzellenz bekennen.
Strohschneider wünscht sich denn auch, daß bei allem Streit über das Verfahren die positive Wirkung und die ersten Lehren des Wettbewerbs nicht in den Hintergrund rückt. Die Gutachter aus dem Ausland hätten besonders den deutschen Nachwuchswissenschaftlern ein erstklassiges Zeugnis ausgestellt und sich von der Qualität ihrer Arbeit begeistert gezeigt. Die „Dynamisierungswirkung“ des Wettbewerbs auf Universitäten könne gar nicht überschätzt werden, sagte Strohschneider. Während ein Großteil der Universitätshaushalte für Personal und Bauinvestitionen gebunden sei, stocke der Wettbewerb frei verfügbare Mittel für die Forschung deutlich auf. Die Kräfte „der Selbstbeobachtung und der Selbstkritik“ würden gestärkt, der Wettbewerb zwischen den Hochschulen komme in Gang.
Wie in der Fußball-Bundesliga
Zugleich müsse man die Kritik der ausländischen Gutachter ernst nehmen: Deutsche Wissenschaftler seien im Vergleich zu ihren Kollegen in Amerika oder Skandinavien unterbezahlt, was die Abwanderung von Spitzenkräften ins Ausland nach sich ziehe. Zudem sei die Autonomie der Hochschulen bei Investitions- und Personalentscheidungen viel zu gering.
Strohschneider, selbst im Hauptberuf Mediävist an der siegreichen Ludwig-Maximilians-Universität München, hatte inmitten der erregten Diskussion um die Exzellenzkür sogar Muße genug, über den Tag hinauszudenken: Der Wettbewerb um die Spitzenplätze solle auch nach 2011 fortdauern und „verstetigt werden“. Dabei solle es Regeln geben wie in der Bundesliga. Aus dem Kreis der geförderten Hochschulen müsse eine bestimmte Zahl in jeder Runde ausscheiden, um für Aspiranten Platz zu machen. Garantien könne es aber nicht geben, nicht einmal dafür, daß eine bestimmte Zahl von Spitzenuniversitäten gekürt werde, nur weil das Geld da sei. „So denken wir Wissenschaftler nicht“, sagte der Mann mit dem reinen Gewissen.