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Historikertag : Auf dem Podium sitzen keine Götter mehr

An der Universität Hamburg fand der 51. Deutsche Historikertag statt. Bild: dpa

Haben die Wissenschaftler das Streiten verlernt? Der 51. Deutsche Historikertag in Hamburg widmet sich zentralen Glaubensfragen, zeigt sich dabei aber weitgehend zahm.

          Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Die Versuchung, die Gretchenfrage immer wieder neu auszuhandeln, ist groß – wie es scheint, auch für Historiker: „Glaubensfragen“ lautete das Motto des Historikertages, der gerade in Hamburg zu Ende gegangen ist. Im Herbst 2016 Glaubensfragen zu stellen klingt naheliegend, zumal auf einem deutschen Kongress: Das Lutherjahr steht kurz bevor, die Migrationsströme konfrontieren die Gesellschaft mit der Ungleichzeitigkeit des Säkularisierungsprozesses, die Bezugnahme auf die eigenen Werte gewinnt an Relevanz.

          Unter den Bürgern ist allerdings in gleichem Maße eine wachsende Kirchenferne festzustellen, religiöse Praxis schwindet aus dem Bewusstsein, es herrscht eine verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber der Religion des eigenen Kulturkreises, und gleichzeitig nehmen Furcht und Vorurteile gegenüber fremden Religionen zu, vor allem gegenüber dem Islam. Angesichts dieser komplexen Gemengelage kann es hilfreich sein, einen Blick in die Geschichte zu werfen. Wie das mit übergeordneten Themen auf großen Tagungen so ist, hatten indes längst nicht alle Veranstaltungen etwas mit Glaubensfragen zu tun.

          Die Vieldeutigkeit der Religion

          Als „umstrittene Kategorie“ wurde Religion in einem Panel verhandelt, das die begrifflichen Grundlagen der Säkularisierung – verstanden als historischer Prozess, in dem die Religion ihre staatliche und gesellschaftliche Deutungshoheit zunehmend verliert – zu klären versuchte. „Vieldeutigkeit“ war dabei das zentrale Stichwort: Religion sei vieldeutig, Säkularisierung sei vieldeutig, das Verhältnis zwischen beidem sei vieldeutig. Eindeutig war für die Referenten nur, dass es keine „binäre Opposition“ der Begriffe mehr gebe. Wie kann dann eine Religionsgeschichte der letzten zweihundert Jahre geschrieben werden? Offenbar nur, indem deren innere Widersprüchlichkeit nicht aufzulösen versucht wird. Lucian Hölscher brachte das moderne Religionsverständnis mit einem Zitat Bonhoeffers auf den Punkt: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ Religion bezeichne so gesehen „keine dogmatische Position, sondern ein Verhältnis des Menschen zur Welt“.

          Was es bedeutet, Religion als zentralen Strukturbegriff der Geschichtswissenschaft zu verstehen, zeigte die interdisziplinäre Podiumsdiskussion über „Religionsgeschichte heute“. Wenn permanent eindeutige Begriffe in Frage gestellt werden, fragte jemand aus dem Publikum, schaffen die Forscher ihren Gegenstand dann nicht selbst ab? Nein, stellte Gangolf Hübinger klar: „Es sitzen bloß keine Götter mehr auf dem Podium, die substantialistisch sagen, was Religion ist.“

          Die Legende vom deutschen Sonderweg

          Während sich die Referenten mithin nicht als Verkünder einer Wahrheit verstanden, sondern als säkularisierte Forscher einer religiösen Glaubensgeschichte, erzählte ein Panel über den „Volkslauf auf dem Sonderweg“ eine Geschichte des Glaubens ganz anderer Art. Der deutsche Sonderweg? Ist das nicht eine Interpretation der Geschichtswissenschaft, die längst als widerlegt gilt? In der Tat werde genau das offiziell proklamiert, erklärte Hedwig Richter, doch es mehrten sich nicht nur die Stimmen, die auf diesen Weg zurückführen wollen, sondern er sei trotz gegenteiliger Verlautbarungen erst gar nicht wirklich verlassen worden. In der Demokratiegeschichte sei die Legende von der deutschen Andersartigkeit besonders zählebig. Einig waren sich die Referenten dieses Panels darin, dass nach wie vor der internationale Vergleich zu wenig Berücksichtigung finde und es dadurch zu Verzerrungen in der Wahrnehmung der deutschen Geschichte komme. Muss die deutsche Geschichte also doch noch einmal neu geschrieben werden? Forschungsbedarf scheint es jedenfalls genug zu geben.

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