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Historikertag : Auf dem Podium sitzen keine Götter mehr

Dialoge mit der Politik

Sonderwege, über deren Sinn und Unsinn viel gestritten werden kann, gab es auch in der thematischen Anlage ausgewählter Veranstaltungen: Die Historiker suchten den Dialog mit der Politik. So war zum Beispiel Barbara Lochbihler, außen- und menschenrechtspolitische Sprecherin der Grünen im EU-Parlament, Gast der ansonsten von Wissenschaftlern besetzten Podiumsdiskussion zum Thema „Flucht und Grenzen“. Interessant war daran weniger, dass Wissenschaftler sich in der Lage zeigten, auch einmal mit einer Politikerin zu reden und diese wiederum ihre bekannten Positionen zur Flüchtlingspolitik vortrug. Entscheidend war vielmehr eine Frage, die Dieter Gosewinkel mit Blick auf die historische Migrationsforschung an die Politikerin richtete: „Wo brauchen Sie mehr Argumente von Historikern für Ihre politische Arbeit?“ Die Tragweite der Frage schien dabei gar nicht bemerkt worden zu sein. Denn seit wann betrachten es Historiker als ihre zentrale Aufgabe, Politiker zu beraten? Ist das als ein neues Selbstverständnis der Geschichtswissenschaft zu deuten? Oder waren diese Dialoge mit der Politik, wie sie auf dem Historikertag zu beobachten waren, nur zaghafte Versuche, die mehr irrten als sich bewährten und für Zustand und Entwicklung des Fachs nicht weiter ernst zu nehmen sind?

Einen Dissens wagt kaum noch jemand: Von der Idylle der Hamburger Speicherstadt war der Historikertag gar nicht mehr so weit entfernt.

Dass hier eine Selbstbestimmung möglicherweise noch aussteht, zeigte die Podiumsdiskussion über „Sinn und Unsinn des Reformationsjubiläums“. Matthias Pohlig deutete das Reformationsjubiläum, das eine „Tendenz zur Eventisierung der Geschichte“ zur Folge habe, als problematischen Musterfall öffentlicher Vermittlung von Wissenschaft. Aus seiner Sicht spiegelt sich darin eine nach wie vor ungeklärte Haltung der akademischen Geschichte gegenüber der Public History.

Podiumsdiskussion über Hitler

Muss das Fach also mehr Anknüpfungen zur Öffentlichkeit suchen? Eines fiel zumindest auf: Wenn es auf dem Historikertag überhaupt Streit gab, dann vor allem in den politischen Diskussionen. Warum diese Auslagerung in die Politik? Man sollte meinen, die Historiker hätten sich untereinander genug zu sagen. Oder gibt es für sie keine großen Fragen des Faches mehr, über die es sich intensiv zu diskutieren und zu streiten lohnt? Dass dafür durchaus noch Potential vorhanden ist, demonstrierte neben den neuen Fragen zu alten deutschen Sonderwegen eine Podiumsdiskussion über „Hitler: Eine historische Vergewisserung“. Im Hinblick auf die neue Edition von Hitlers „Mein Kampf“, die das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) herausgebracht hat, fand Ulrich Herbert deutliche Worte: Die Einleitung sei in einem volkspädagogischen Ton gehalten, die Kommentierung geradezu lächerlich und die ganze Edition unsäglich. Das Buch sei durch die Edition zu Unrecht auf einen Sockel gestellt worden, wodurch der problematische Eindruck entstehe, als handele es sich bei Hitler um eine hochbedeutende Figur, während die historischen Ereignisse und Strukturen aus dem Blick gerieten. Dieser Einwurf, den Andreas Wirsching vom IfZ ebenso vehement abstritt, ist deshalb so interessant, weil hier in einer wissenschaftlichen Debatte überhaupt einmal ein Dissens gewagt wurde, und zwar in aller Deutlichkeit, ohne die eigenen Thesen in der Artikulation gleich wieder weichzuspülen.

Auf dem Podium über das Reformationsjubiläum erinnerte der Moderator an einen Roman von Sibylle Lewitscharoff, in dem sich während einer Tagung auf einen Schlag alle Teilnehmer in Luft auflösen – wäre auch der Historikertag von einem solchen Phänomen betroffen gewesen, sagte er scherzhaft, würde dies gewiss ein besonderes Interesse bei den Medien wecken. Er irrt: Nicht das plötzliche Verschwinden der Tagungsteilnehmer wäre faszinierend für die Medien, sondern eine wachsame Wissenschaft, die sich selbstbewusst präsentiert und auf der Suche nach den großen Forschungsfragen ihren streitbaren Charakter nicht verliert.

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