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Historikerstreit : Die Habermas-Methode

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Mitverfasser der Europastudie für die SPD: der Philosoph Jürgen Habermas Bild: Helmut Fricke

Das Ausmaß der Zitate-Verkrümmungen war gigantisch: Ein Vierteljahrhundert nach dem Historikerstreit, der sich an einem Artikel von Ernst Nolte in der F.A.Z. entzündete, muss nach den fatalen Folgen gefragt werden. Eine Polemik.

          Der Historikerstreit zwischen Ernst Nolte und Jürgen Habermas wird nun ein Vierteljahrhundert alt. Damals gestaltete sich zum ersten Mal ein Disput um historische Themen und um Wissenschaftler gemäß massenmedialen Gepflogenheiten. Im massenmedialen Feld gilt das Gesetz, ein Maximum an Aufmerksamkeit zu erringen; darum stehen alle Massenmedien unter dem Zwang zur Produktion von Sensationen. Im wissenschaftlichen Feld herrscht ein gleichartiger Zwang, nämlich der Zwang zu ständigen Innovationen. Eine bestimmte Quote von Wissenschaftlern wird immer versucht sein, Innovationen vorzutäuschen, Originalität zu erschleichen. Allerdings hat die Wissenschaft ein entscheidendes Korrektiv: Ihre Leitidee ist die Wahrheit; und ihr internes Kontrollinstrument ist die kritische Prüfung der Innovationen entlang von Wahrheitsregeln.

          Am 11. Juli 1986 bezichtigte der Sozialphilosoph Jürgen Habermas mit einem langen Artikel in der „Zeit“ die Historiker Ernst Nolte, Andreas Hillgruber, Michael Stürmer und Klaus Hildebrand, sie arbeiteten an einer Revision der Geschichte des Nationalsozialismus, leugneten die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung und fabrizierten eine „deutsch-national eingefärbte Natophilosophie“. Habermas spannte vier Historiker zu einer Front zusammen, die sehr verschiedene Ansichten vertraten. Und er fälschte Zitate.

          Tricks, die sonst dem Lumpenjournalismus vorbehalten waren

          Allen seriösen Historikern, die in die Debatte einstiegen, egal auf welcher Seite, fiel auf, wie und wo der Frankfurter Sozialphilosoph Zitate verkrümmte und den Kontrahenten Positionen unterstellte, um denunziatorische Urteile loszulassen. Gar nicht selten verbarg diese „Habermas-Methode“, dass der Sozialphilosoph keine Ahnung hatte von den theoretischen Voraussetzungen, mit denen etwa Nolte operierte. Es hätte keine Nachsicht geben dürfen, denn das Ausmaß der Zitate-Verkrümmungen war gigantisch; und sie hat kein Vorbild in der Geschichte deutscher Polemiken unter Wissenschaftlern. Habermas bediente sich journalistischer Tricks, und zwar solcher, die sonst dem Lumpenjournalismus vorbehalten waren. Es bleibt als Armutszeugnis bestehen, dass die Fachdisziplin sich nicht geschlossen dagegen wehrte. Die politischen Gräben waren plötzlich tiefer als Fundamente der Verpflichtung auf gemeinsame wissenschaftliche Standards. Das war das Neue; und es wäre ohne die mediale Zurichtung der Debatte wohl kaum passiert.

          Plädierte für eine vernünftige Augewogenheit: Ernst Nolte, an dessen Thesen sich der Historikerstreit vor 25 Jahren entzündete
          Plädierte für eine vernünftige Augewogenheit: Ernst Nolte, an dessen Thesen sich der Historikerstreit vor 25 Jahren entzündete : Bild: dpa

          Wie ernst darf man das Gerede von Diskursethik noch nehmen, wenn der Großprediger dieser Ethik auf die ethische Regel pfeift, die seit der griechischen Klassik in jeder Debatte zu gelten hat: die Rechenschaftslegung (logon didonai) - unter dem strengen Auge der Schiedsrichter im intellektuellen Agon? Seien wir offen: Das hat natürlich auch mit Bildung zu tun. Wahrscheinlich verlangt das logon didonai zu viel von Habermas, der, wie so viele seiner Schüler, unter Vergangenheit die letzten acht Jahrzehnte versteht. Bildung hat Habermas stets anderen überlassen; dementsprechend sehen seine Werke aus.

          Die Mahnung der diffamierten Historiker

          Für Habermas war Noltes „Versuch der Entexzeptionalisierung von Auschwitz“ der Hebel zu einer Renormalisierung des Geschichtsbewusstseins. Allerdings hatte keiner der diffamierten Historiker bestritten, dass das Gedenken an die Untaten des NS-Regimes erhalten bleiben muss, auch Nolte nicht. Worum es ihnen ging, war eine vernünftige Ausgewogenheit.

          Denn eine Nation - oder eine politische Gemeinschaft überhaupt - hat die Pflicht zum Gedenken an vieles und Vielfältiges. Die Mahnung der diffamierten Historiker war eine sehr schlichte, nämlich dass die Vergangenheit der Deutschen nicht zwölf Jahre beträgt, sondern ein gutes Jahrtausend, und - so klang es bei Stürmer und Nolte gelegentlich an - dass die Vergangenheit der Deutschen als Teil der europäischen Kultur mindestens bis zur griechischen Klassik zurückreicht. Denn von dort stammt der Großteil genau jener politischen Errungenschaften, aus denen sich die „westliche Kultur“ so lange gespeist hat. Wenn diese Errungenschaften für uns von Bedeutung sind, dann ist es grober Unfug, dass die Erinnerung an die Untaten des NS-Regimes den Kern unserer Memorialkultur darstellen soll. Denn das kulturelle Gedächtnis jedweder politischen Gemeinschaft muss notwendigerweise nicht nur die mala, sondern auch die bona exempla einschließen.

          Das Grundrecht jeder Generation auf Erden

          Worum es hierbei aber praktisch geht, hat Christian Meier hellsichtig umrissen: Mit einer solchen Verantwortung, wie die Deutschen sie tragen, lasse sich nur leben, wenn die anderen Völker es „uns nicht zu schwer“ machen. Damit ist schon alles gesagt: Es lässt sich also damit schwerlich leben. Denn was heißt es im praktischen politischen Leben, solcher „Verantwortung“ gerecht zu werden? Ganz simpel: Nicht tun dürfen, was andere tun; tun müssen, was die anderen nicht tun. Es ist längst vorherzusehen gewesen, dass bereits bei geringen Konflikten manche Regierungen - und vor allem die Massenmedien - diesen immensen Vorteil gegenüber den Deutschen ausspielen, indem sie alte Rechnungen auskramen und präsentieren. Solche Erpressungen sind ein legitimes Mittel auf dem internationalen Spielfeld, solange gedächtnispolitische Pflege jene Untaten in hohem Kurs hält und solange keine Weltrepublik die Spieler ihren Regeln unterstellt. Daher sind sie gar nicht verhinderbar.

          Dauerhaft bestehen - auch im europäischen Rahmen - kann das deutsche Volk freilich nur als normales Volk, nicht als stigmatisiertes. Denn die Folgen solcher Stigmatisierung ähneln sich stets, egal welche Anlässe sie selber haben mag. Diese Normalität ist das Grundrecht jeder Generation auf Erden. Denn moralisch beginnt bei jedem Menschen die Welt aufs Neue, auch wenn wir geschichtlich immer befangen bleiben. Normalität dürfte - nach Habermas und seinesgleichen - nicht sein: nicht für die Deutschen. Nun ist eine verweigerte Normalität eine Zwangsversetzung in die Abnormalität. Die Deutschen sollten also ein abnormales Volk sein.

          Die Qualität des Einzigartigen

          Abnormalität als Dauerzustand, verhängt von moralisierenden Fanatikern? Kann das gutgehen? Gewiss nicht. Wieder stellt sich die Frage: Wie konnte das passieren? Es konnte passieren, weil an der zu verweigernden Normalität eines Volkes die mythische Einzigartigkeit hing. Als schon 1987 die umfangreiche Dokumentation zum „Historikerstreit“ erschien, trug sie den Untertitel „Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung“. Die Ungeheuerlichkeit des Untertitels war augenblicklich spürbar. Denn kein einziger der von Habermas diffamierten Historiker hatte diese Einzigartigkeit bestritten. Aber Nolte setzte als selbstverständlich voraus, dass das Einzigartige vergleichbar war, ja, dass der historische Vergleich notwendig war. Jeder intelligente Mensch und jeder Historiker, der die theoretischen Grundlagen seines Handwerks kennt, weiß das.

          Viele Historiker glaubten damals, die Qualität des Einzigartigen hafte objektiv an den Dingen selber. Alles Einzigartige erscheint jedoch nur deswegen als einzigartig, weil man ein spezifisches Merkmal als Besonderes hervorhebt, ihm also eine besondere Bedeutung zuspricht. Das ist aber nur möglich, weil Menschen als Kulturwesen in der Lage sind, aus dem unendlichen Weltgeschehen einzelnes zu selektieren, indem sie es für bedeutsam halten. Das sich orientierende und erkennende Subjekt verleiht diese Bedeutung. Jegliche Besonderheit ist darum ein ganz und gar semantisches Phänomen.

          Grenzlinie zur Sakralisierung der Schoa

          Jeder Mensch hat das Recht, einer Sache Bedeutung zu geben. Es gibt keinen semantischen Gerichtshof, welcher verbieten würde, einem Geschehnis Bedeutung zu verleihen, und der anordnen könnte, einem anderen Geschehnis Bedeutung zu entziehen. Und wenn ich behaupte, die athenische Demokratie sei ebenso einzigartig wie die Schoa, dann kann ich dafür einen guten Grund nennen: Sie ist nämlich für mich bedeutsamer als die Schoa. Und wer kann mir verbieten, ihr diese Bedeutsamkeit zu verleihen? Ein solches Denkverbot ist zwar möglich, aber in der freien Welt noch nicht explizit erlassen.

          Indes, dieses Verbot hat sich angekündigt. Die Grenzlinie zur Sakralisierung der Schoa hat Dan Diner 1987 formuliert. Wo die logische Argumentation unerwünscht ist, muss man das Denken verbieten - nötigenfalls, indem man den Denkenden droht, sie moralisch zu diskreditieren. Diese Einschüchterung hört sich so an: „Es ist narzisstisch kränkend, einem Ereignis ausgesetzt zu sein, das sich menschlicher Vorstellungs- und Fassungskraft entzieht. Eine solche Negation ist schwer zu ertragen. So ist es nicht verwunderlich, dass in verborgen bleibender teleologischer Absicht gegen die Dimension eines solchen Geschehens rebelliert wird: Verstehen wird eingeklagt - auch um den Preis von Relativierung und Banalisierung.“

          Aller Zwang zum Entbanalisieren mündet ins Sakralisieren

          Mythen erzeugt man, indem man das historisch Besondere isoliert, es aus dem Kontext herauslöst und den Kontext mit wuchtigen Schlägen zertrümmert und pulverisiert. Das radikal dekontextualisierte Besondere lässt sich dann bequem auf ein Podest stellen. Und dann braucht man bloß noch den Weihrauch schwenken. Der Tanz ums goldene Kalb „Unerklärbarkeit“ kann beginnen. Dieser Götze wird unweigerlich seine Opfer fordern, und zwar blutige. Wo liegt das Problem? Diner benennt es genau, nämlich die Kränkung. Daher ist der Vorwurf, man „banalisiere“, ein Indiz dafür, dass man auf der richtigen Ebene gräbt und die richtige Schicht angestochen hat.

          Denn Erkennen ist nur möglich, wenn man so sehr als möglich kontextualisiert, relationalisiert, relativiert und revidiert. Aller Zwang zum Entbanalisieren mündet ins Sakralisieren. An diesem Zwang entscheidet sich, ob es um wissenschaftliche Wahrheit geht oder ob man quasireligiöse Sinnstiftung betreibt. Alle quasi-religiöse Sinnstiftung muss Feind-Erklärungen aussprechen und moralische Vernichtungsdrohungen. Diner spricht sie aus: „Ernst gemeinte Historisierungsbemühungen endeten bislang in geschichtstheoretischen Aporien. Anders gemeinte, relativierende und das Ereignis einebnende Historisierungsversuche enden hingegen notwendig in einer Apologie.“

          Wir sind Zeugen geworden eines Kulturbruchs

          Das musste kommen. Die Sprache des moralischen Terrors ist einfach und klar. Hier endet das griechische logon didonai. Wir sind Zeugen geworden eines Kulturbruchs, nämlich einer weitgehenden Negierung der Errungenschaften des Griechentums. Da die Verbindlichkeiten nicht mehr über den Streit entlang von Wahrheitsregeln herstellbar sind, müssen neue, ganz anders geartete Verbindlichkeiten moralisch erzwungen werden. Daher die pestartige Virulenz der Political Correctness und des Gutmenschentums mit seiner spezifischen Intelligenz. Die moralischen Diffamierungen müssen folglich immer mehr zunehmen. Bequemer als das logon didonai ist die habermassche Diskursethik: Audacter calumniare, semper aliquid haeret.

          Egon Flaig ist Professor für Alte Geschichte an der Universität Rostock. Sein Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus dem in diesen Tagen erscheinenden Buch: „Singuläres Auschwitz? Ernst Nolte, Jürgen Habermas und 25 Jahre ,Historikerstreit'“, hrsg. von Mathias Brodkorb, Banzkow 2011.

          Quelle: F.A.Z.

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