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Jörg Baberowski über Gewalt : „Natürlich kann auch ein Analphabet einen Asylgrund haben“

„Tarantinos Filme sollen sich Menschen anschauen, die sich noch überraschen lassen wollen“, sagt Jörg Baberowski – eine Szene aus Quentin Tarantinos „Death Proof“ von 2007. Bild: Andrew Cooper, SMP

Der Historiker Jörg Baberowski gilt als enfant terrible seiner Zunft. Ein Gespräch über die Folgen der Flüchtlingskrise, menschliches Verhalten in Situationen des Krieges und die Gewalt in Quentin Tarantinos Filmen.

          In seiner Jugend war er Mitglied des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands und sammelte Geld für Pol Pot. Heute ist der 54-jährige Jörg Baberowski ein schonungsloser Aufdecker des stalinistischen Terrorregimes, der zu provozieren weiß. Vor kurzem forderte der Osteuropa-Historiker an der Berliner Humboldt-Universität angesichts der Flüchtlingskrise eine restriktivere Asylpolitik, der Tenor: Nicht jeder Einwanderer ist eine Bereicherung für Deutschland. Jetzt hat er ein Buch über Gewalt geschrieben, das diese Woche erscheinen wird. Wenn man mit Baberowski spricht, wird man schnell angesteckt von seiner Forscherleidenschaft. Aber man zuckt auch immer wieder zusammen.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Herr Baberowski, sind Sie ein Rechtsintellektueller?

          Ich verstehe meinen Hinweis, man müsse die Aufklärung verteidigen und die Wünsche der Bevölkerung berücksichtigen, als Ausweis liberaler Gesinnung. Sie etwa nicht? In Deutschland wird gern nach der Gesinnung dessen gefragt, der einen Vorschlag macht. Man stigmatisiert ihn, und schon ist er für das Gespräch nicht mehr zu gebrauchen. Auf dieses Spiel mit dem Ressentiment lasse ich mich nicht ein. Ich interessiere mich für Argumente.

          Wer entscheidet in Deutschland, dem „Reich der Tugendwächter“, wie Sie es nennen, über den Wortgebrauch? Wer verbietet die freie Meinungsäußerung? Ihre Ansichten über die Flüchtlingskrise haben Sie ja beispielsweise Anfang letzter Woche sehr prominent auf der ersten Seite des F.A.Z.-Feuilletons frei äußern können?

          Es gibt keine Instanz, die den Wortgebrauch festlegt, aber es gibt eine Atmosphäre, in der jene, die das wollen, anderen vorschreiben können, wie sie zu reden haben. Und zwar jene, die die Hoheit über die Kommunikation im politischen Raum haben. Sie können in Deutschland nur noch in einer verordneten Sprache sprechen, wenn Sie sich nicht selbst vom Gespräch ausschließen wollen. Ohne die Freiheit der Sprache aber kann manches überhaupt nicht mehr diskutiert werden, weil nur noch zählt, wer spricht und wie gesprochen wird, aber nicht mehr gelten soll, was jemand sagt. Es gilt inzwischen schon als ungewöhnlich, dass ein Aufruf zur Besonnenheit im Feuilleton der F.A.Z. erscheinen darf.

          In Ihrem Text fordern Sie eine Asylpolitik, die ihre Bewerber nach individueller Qualifikation, nicht nach Verfolgungsgrund auswählt. Für einen Analphabeten aus Homs ist in Deutschland kein Platz?

          Nein, das habe ich nicht geschrieben, ich habe vielmehr verlangt, Einwanderung nicht über das Asylverfahren zu steuern. Natürlich kann auch ein Analphabet einen Asylgrund haben. Ich denke, dass Politik sich am Machbaren orientieren muss. Wenn die Notlage von Menschen der einzige Grund soll sein, der zur Einwanderung berechtigt, dann müsste Deutschland jeden aufnehmen, der sein Land verlässt und zu uns will. Das kann aber nicht die Grundlage politischer Entscheidungen sein. Die Politik sollte mit Augenmaß darüber befinden, wer einwandern darf und wer nicht. Alle Einwanderungsländer verfahren so, und sie haben damit ihren Gesellschaften Halt gegeben. In Deutschland geschieht gerade das Gegenteil, weil das Asylrecht darüber entscheidet, wer kommen darf, nicht der politische Wille.

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