13.12.2006 · Für die Deutschland-Folge seiner der Dokumentarserie „Aufstieg der großen Nationen“ hat das chinesische Fernsehen mit Heinrich August Winkler gesprochen. Der Historiker über seinen Experten-Auftritt, die Art der Fragen und sein Bismarck-Bild.
Für die Deutschland-Folge seiner der Dokumentarserie „Aufstieg der großen Nationen“ hat das chinesische Fernsehen mit Heinrich August Winkler gesprochen. Der Historiker über seinen Experten-Auftritt, die Art der Fragen und sein Bismarck-Bild.
Herr Winkler, Vertreter des Chinesischen Zentralfernsehens ...
... haben mich im September 2005 interviewt - ist also schon eine Weile her.
Und jetzt wurde es im staatlichen Fernsehen ausgestrahlt.
Ist das schon gesendet worden? Ich habe das nie gesehen.
Kennen Sie China gut?
Ich bin kein China-Kenner. Ich bin vor fast dreißig Jahren in Hongkong und Taiwan gewesen. Von der Volksrepublik bin ich in den achtziger Jahren einmal wieder ausgeladen worden, nachdem mich eine Einladung aus Peking erreicht hatte.
Wie kam man also jetzt auf Sie?
Man berief sich auf Gespräche mit chinesischen Historikern. Es wurde Bezug genommen auf „Der lange Weg nach Westen“, den offenkundig manche gelesen haben.
Wirkten die Fragen strategisch?
Es waren Fragen, die in einem manchmal nicht ganz leicht verständlichen Deutsch formuliert waren und die allesamt einen stark faktizistischen Zug hatten. Erkennbar waren Vorgaben jedenfalls nicht unmittelbar. Ich habe versucht, jeder Deutung zu widersprechen, die aus dem deutschen Fall eine Erfolgsgeschichte ableiten könnte.
Fühlten Sie sich verstanden?
Bedingt. Am Schluß folgten noch einige Fragen zur aktuellen Situation. Dabei ging es auch um die Ost-Erweiterung der EU und das Verhältnis von Europa zu Amerika. Ich legte großen Wert darauf, die Zusammengehörigkeit des Westens bei allen Meinungsverschiedenheiten zu betonen. Ich weiß nicht, wieviel davon übernommen worden ist.
Davon offenbar nichts. War ausgemacht, daß Sie das Interview freigeben?
Ich habe gebeten, daß ich eine Kopie bekomme. Da ich kein Chinesisch kann, hätte ich aber ohnehin nicht verifizieren können, ob das, was ich gesagt habe, adäquat übersetzt worden ist.
Im Hintergrund der Serie steht Paul Kennedys Buch über „Aufstieg und Fall der großen Mächte“, in dem ja auch der fulminante Aufstieg Chinas prophezeit ist.
Das entspricht allerdings nicht dem Duktus des Gesprächs. Ich habe auf die starken Mißverhältnisse im deutschen Modernisierungsprozeß hingewiesen: auf den Irrglauben, man könne sich in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht modernisieren, ohne die überfälligen Konsequenzen in Sachen Demokratie zu ziehen. Das genau war ja einer der Gründe für den Weg in die Katastrophe.
Da also könnte China etwas lernen?
Mir lag daran zu zeigen, daß Deutschland erst aufgrund einer Katastrophe zu der Erkenntnis gelangt ist, daß die pluralistische Demokratie die Stärke des Westens ausmacht. Ich habe versucht, auf die Menschen- und Bürgerrechte als diejenigen Elemente der politischen Kultur des Westens hinzuweisen, die Deutschland sich dauerhaft erst nach 1945 angeeignet hat: Das war sozusagen die kurze Botschaft des langen Wegs nach Westen, die ich da anzubringen versuchte - natürlich in der Hoffnung, daß das dann auch gesendet wird.
Die Filmemacher scheinen aber eine an Bismarck festgemachte Mixtur aus starkem Staat und bildungspolitisch-sozialer Verantwortung zu schätzen.
Diese Sicht von Bismarck widerspräche meinen Ausführungen diametral. Bismarck hat eine Teilmodernisierung Deutschlands herbeigeführt durch die Nationalstaatsgründung, aber seine „Revolution von oben“ stellte zugleich eine schwere Hypothek dar, weil Deutschland in seiner inneren Gestaltung hinter den westlichen Demokratien weit zurückblieb.