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Historiker Ernst Nolte Urgestalten der Kriegsphantasie

 ·  Wie schade, dass Mel Brooks diese Formulierung nicht als Titel für das Musical in „The Producers“ eingefallen ist! In seinem neuen Buch will der Historiker Ernst Nolte als Deuter des Islamismus „Gerechtigkeit für Hitler“ schaffen.

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Als der Berliner Historiker Ernst Nolte 1974 ein umfangreiches Buch mit dem Titel „Deutschland und der Kalte Krieg“ erscheinen ließ, das die Nachkriegszeit einer weltgeschichtlichen Deutung in ideenpolitischen Begriffen zuführte, rief es bei einigen Rezensenten Verwunderung hervor, dass der Verfasser seine Betrachtung über die Gründung der beiden deutschen Staaten durch einen Exkurs unter der Überschrift „Parallele und Kontrast: Israel“ ergänzte. Der amerikanische Historiker Charles Maier nahm den „seltsamen Abschnitt“ immerhin als Beleg dafür, dass das idealisierende Verfahren von Noltes philosophischer Geschichtsschreibung mit ihren überraschenden Gegenüberstellungen in Raum und Zeit zum Nachdenken anrege.

Seine Methode hatte Nolte schon mit dem ersten Buch, dem als Schlüsselwerk zeithistorischer Reflexion gefeierten „Faschismus in seiner Epoche“ von 1963, zum Außenseiter gemacht. Durch den „Historikerstreit“ von 1986 ist er sozial und politisch zum Paria geworden. Umso interessanter, dass Maier 1974 gerade in Noltes Haltung zu dem Thema, über das es 1986 zu seiner Verbannung aus der Geistesrepublik kam, etwas Repräsentatives, für die Intellektuellen der Bundesrepublik Charakteristisches erkannte: „Nolte hat mit anderen Deutschen eine philosemitische, aber trübe [,murky'] Neigung zur Beschäftigung mit der jüdisch-israelischen Rolle gemein.“ In der Tat ließ sich philosemitisch lesen, wie Nolte 1974 den Kontrast zwischen der Bundesrepublik und Israel akzentuierte: In Israel hatte sich eine Armee einen Staat geschaffen, der Deutschland, das seiner militärisch-staatlichen Tradition hatte abschwören müssen, als Vorbild der Selbstbehauptung dienen mochte.

Initiative und Verantwortung

In der Vorgeschichte des Streits von Israelis und Palästinensern um das Land hatte Nolte die Verantwortung paritätisch verteilt: Die „zielbewusste Ankaufs- und Ansiedlungspolitik des Jüdischen Nationalfonds“ riss in den zwanziger Jahren „von der einen Seite aus Gräben auf, und der Fanatismus des 1921 zum Mufti von Jerusalem gewählten Emin-el-Husseini von der anderen“. In seinem jüngsten Buch, das soeben in dem auf konservativ-revolutionäre Ausgrabungen spezialisierten Berliner Landtverlag erschienen ist („Die dritte radikale Widerstandsbewegung: Der Islamismus“), revidiert er diese Gewichtung. Dass der Mufti von 1941 an als Gast Hitlers in Deutschland residierte und von hier aus die Muslime zum Heiligen Krieg gegen die Juden aufforderte, hat, so Nolte heute, den „falschen Eindruck“ erzeugt, „die Araber hätten während des Zweiten Weltkrieges nicht auf ein drohendes Unrecht reagiert, sondern sie seien autonome Mitwirkende gewesen“.

Auch bei den kriegerischen Hauptereignissen der folgenden Jahrzehnte schiebt Nolte nun der zionistischen Seite Initiative und Verantwortung zu. 1974 hatte er den israelischen Sieg im Staatsgründungskrieg noch begünstigt gesehen „durch die verbreitete Flucht der arabischen Einwohner, die dabei anscheinend teilweise den Aufrufen arabischer Sender folgten“. Heute stellt Nolte es als den „größten Erfolg der Zionisten“ hin, „dass sie in aller Welt die Meinung“ hätten „verbreiten können“, 700.000 Palästinenser „seien auf Rat und Befehl der arabischen Armeen freiwillig fortgegangen“. Als Opfer der zionistischen Propaganda muss Nolte sich auch empfinden, wenn er seine frühere Darstellung des Sechs-Tage-Krieges von 1967 liest. 1974 fällte er das apodiktische Urteil: Die Aktion Israels war „zwar ohne jeden Zweifel ein Angriffskrieg, aber wenn es jemals einen gerechtfertigten Präventivkrieg um das nackte Dasein gegeben hatte, so war es dieser“. Heute weist Nolte die Schuld an dem „Überfall“, der „in den Augen zahlloser Menschen ein legitimer Präventivangriff war“, der Kriegspartei im israelischen Kabinett zu.

Prävention und Täuschung

Nolte hat für seine spekulativen Kühnheiten stets das Recht der für die Wissenschaft lebensnotwendigen Revision in Anspruch genommen, die mit der Korrektur eigener Irrtümer beginnt. Er beruft sich für seine Thesen zur Vertreibung der Palästinenser auf die Forschungen der „neuen Historiker“ in Israel, und auch seine neue Sicht des Sechs-Tage-Krieges mag man im Lichte der Quellen diskutieren können. Gleichwohl ist es kein Vorgang des normalwissenschaftlichen Alltags, wenn ein Präventivkrieg, der zunächst das welthistorische Musterbeispiel eines solchen Aktes abgeben soll, zum Täuschungsmanöver umgedeutet wird. Ein Überschuss von Noltes Urteilen kommt durch diese Revision an den Tag, der Grund gibt, ihre Machart prinzipiell für fragwürdig zu halten.

Es wimmelt in Noltes Kosmos von welthistorischen Singularitäten, beispiellosen Handlungen, die einen Typenbegriff reiner als alle vergleichbaren Akte erfüllen. So gesehen ist es fast kurios, dass ihm vorgeworfen werden konnte, er leugne die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenmorde, die er auch im neuen Buch in seiner umständlichen Art definiert und begründet. Wenn je ein gerechtfertigter Präventivkrieg, dann 1967: Billiger macht er's wohl nicht, und so ist heute eben umgekehrt „das Urteil schwerlich abwegig, dass kein Krieg des 20. Jahrhunderts so sehr der Urgestalt des Krieges als Form der gewaltsamen Verdrängung nahegekommen sei wie der ,Unabhängigkeitskrieg' des eben entstandenen Staates Israel“.

Verstehen und Rechtfertigen

Seit dem „Faschismus in seiner Epoche“ steht Noltes Werk im Bann einer Universalisierung des Präventivkrieggedankens. Die oft gerügte Prämisse der Ineinssetzung von Verstehen und Rechtfertigen erklärt sich von diesem Phänomen her. Als Beitrag zur Synthese von Geschichte und Philosophie stellte Fritz Stern das Faschismus-Buch wegen Noltes existentialistischer Rückführung der weltumwälzenden Macht der Hitler-Bewegung auf Hitlers „Angst“ über Hannah Arendts „Ursprünge des Totalitarismus“. Im „Historikerstreit“ trat Noltes Streben hervor, den Nachweis zu führen, dass Hitlers Wille zum Gegenschlag gegen den Feind seiner Angstphantasien gute Gründe gehabt habe. Im neuen Buch prägt er nun für diese Präventivweltkriegsbereitschaft die Formel der „Verteidigungsaggressivität“, unter die er auch den Islamismus subsumiert. Aber warum eigentlich nicht den Kreuzzug von George W. Bush im Irak?

Noltes Buch erscheint in einer Zeit, da in den Staaten des Westens nur noch in der deutschen und in der amerikanischen Öffentlichkeit eine philosemitische Einstellung die Bewertung der israelischen Politik bestimmt. Es enthält Gedanken, die auf Resonanz treffen könnten, wenn er etwa zu bedenken gibt, Nichtjuden könnten sich die religiösen und ethnischen Maximen des Zionismus nicht zu eigen machen, eine säkulare und universalistische Begründung des Existenzrechts Israels könne nur darin gesucht werden, dass der Staat auf arabischem Boden den zivilisatorischen Fortschritt repräsentiere - dieser Kolonialismus sei allerdings im heutigen westlichen Diskurs tabuisiert. Mit politischer Rezeption dieser Gedanken ist nicht zu rechnen. Sie sind hier hoffnungslos verwoben mit Noltes bizarrem Privatprojekt: Die Demonstration, dass „seit mehreren Jahrzehnten ein nicht bloß verstehbarer, sondern im Kern gerechtfertigter ,Antisemitismus'“ existiere, „nämlich der ,Antisemitismus'“ der palästinensischen Flüchtlinge, soll endlich „Gerechtigkeit für Hitler“ möglich machen.

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Jahrgang 1967, Feuilletonkorrespondent in New York.

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