Als Südstaaten-Rapper Nelly vergangenes Jahr mit einem Song namens „Tip Drill“ durch die Videokanäle rauschte, wurde es einigen schwarzen Frauen zu viel. Angela Davis, die Herausgeberin von „Essence“, dem größten Magazin für junge Afroamerikanerinnen, rief zu einer Boykott-Kampagne auf: „Take Back The Music!“ Ihr Ziel: Frauenerniedrigende Pornographie wie Nellys besagten Song mit Zeilen wie „I said it must be ya'ass / cause it ain't ya face“ („Es muss dein Arsch sein, weil es nicht dein Gesicht ist“) oder die Video-Szene, in der einer der männlichen Darsteller einer Stripperin seine Kreditkarte durch den Gesäßschlitz zieht, zu verbannen. Und den Hip-Hop zu einem Richtungswechsel zu zwingen. „Wenn schmuddelige Sexmagazin-Posen“, wettert Angela Davis, „zur normierenden Pop-Öffentlichkeit werden, müssen wir mit dem Konsumentendollar dagegenhalten!“
Nun ist die Neigung von Hip-Hop, sich mit den derberen Seiten der Libido zu beschäftigen, nicht wirklich überraschend. Weil er anders als Soul nicht aus der Kirche kommt, sondern von der Straße mit ihren Machowerten. Aus dieser Perspektive gehörte das schwarze „adult entertainment“ solcher Kopulationskomiker wie Rudy Ray Moore oder Redd Foxx zu den wichtigsten Vorläufern des Rap. Seit den fünfziger Jahren schon füllen deren Alben - mit halbnackten Paaren in sonderlichen Posen - die „Comedy“-Fächer schwarzer Plattenläden. Eine Tradition, die Rapper wie Luther Campbell und seine 2 Live Crew in den achtziger Jahren lediglich in ein anderes Plattenregal verlagerten: Hip-Hop. „Freaky tales“ nannten sie es selbst.
„Pimp juice“ von Nelly
Der entscheidende Unterschied zu früher ist jedoch, dass mit dem Heranwachsen von Hip-Hop zu einer milliardenschweren Unterhaltungsindustrie und weltweiter Pop-Dominanz die einstige schwarze Subkultur eine ganz neue Breitenwirkung erhalten hat. Ihre Inhalte durchdringen Werbung, Musikfernsehen und Kino, so dass selbst fromme Kirchgänger und Rap hassende Großmütter notgedrungen mitbekommen, dass eine von Nelly vermarktete Limonade sich etwa „pimp juice“ schimpft. Das steht im krassen Gegensatz zur „political correctness“, die vor allem die aufgeklärte Mittelschicht in Amerika seit einem guten Jahrzehnt wie eine Monstranz vor sich herträgt.
Könnte es eine geheime Beziehung zwischen beiden geben? Sind die Rapper mit ihren verbalen Ausfällen vielleicht nicht gerade wegen der sprachlichen Prüderie der amerikanischen Gesellschaft so erfolgreich? Bieten sie nicht all jenen ein Ventil, die sich und ihre Bedürfnisse im politisch korrekten Mainstream nicht wiederfinden? Antworten auf diese Fragen werden durch den Umstand erschwert, dass Macher und Konsumenten zumeist aus sehr unterschiedlichen Schichten stammen und die Getto-Zoten genau das Adrenalin liefern, nach dem gutsituierte, aber gelangweilte weiße Vorstadtkids so dürsten.
Karriere dank Zuhälter-Nimbus
Zwei Faktoren beschleunigten Anfang der neunziger Jahre die Verrohung und „Pornofizierung“ des Rap: Zum einen zerstörte Crack viele schwarze Unterschicht-Communities, zum anderen verloren Mütter, Väter, Jugendliche den Respekt voreinander - eine entsprechend verrohte Sprache etablierte sich im Getto. Die Plattenfirmen waren dabei der große Gewinner: Denn die derben Texte schreckten nicht ab, sondern verkauften sich blendend. Wen wundert es da, dass viele Rapper dann anfingen, auch tabulose Videos, explizite Kabelfernseh-Shows und Pin-up-Magazine mit Hip-Hop-Themen zu produzieren?
Calvin Broadus alias Snoop Dogg hatte Anfang der neunziger Jahre die Lawine losgetreten. Wenn der ehemalige Gangster aus Los Angeles zu den populärsten Persönlichkeiten des Rap gehört, dann vor allem wegen seiner charmant-augenzwinkernden Ausschlachtung des Zuhälter-Mythos. Zwar führte er in cartoonartigen Videos wie „Snoop Doggs Doggstyle“ keine direkten sexuellen Handlungen aus: Doch sein gerappter Kommentar suggerierte den jugendlichen Fans, dass im Getto zum Alltag gehört, was sonst nur in der Erwachsenenabteilung des Videohändlers zu sehen ist. Der Erfolg gab Snoop Dogg recht: MTV gab ihm eine eigene Show, Hollywood buchte den Mann mit dem Zuhälter-Nimbus für Filmrollen, und Larry Flints „Hustler“-Magazin diente dem Rapper als Steigbügelhalter für den Einstieg ins kommerzielle Pornovideo-Geschäft.
Jung, wütend, geil
Gegenwind bekamen die Porno-Rapper vor allem durch eine ältere schwarze Frau: Dolores C. Tucker, eine Bürgerrechtskämpferin aus der Schule von Martin Luther King und Jesse Jackson, hatte Anfang der neunziger Jahre ihre Kampagne gegen die Verderbnis der schwarzen Jugendkultur bis in den Kongress getragen. Dabei griff sie die Rapper nicht einmal direkt an, behauptete vielmehr, sie würden von ihren weißen Plattenbossen erst zu dem ganzen Schweinkram angestiftet. Dafür erhielt sie nicht nur Beifall von rechten Politikern, sondern scharte auch einen Großteil der afroamerikanischen Kirchenprominenz hinter sich.
Tatsächlich steht im Kampf um den Porno-Hip-Hop weniger Schwarz gegen Weiß, sondern christlicher Wertkonservativismus contra Getto-Mythologie beziehungsweise Law and order contra Redefreiheit. Vor allem aufgrund dieses weltanschaulichen Überbaus haben sich schwarze Kulturkritiker immer wieder reflexartig vor die Redefreiheit ihrer rappenden Brüder gestellt. Im Gegensatz zur „erwachsenen Liebe“, die im Blues und Soul verhandelt werde, meint etwa der HipHop-Autor George Nelson, sei der „typische Rap-Protagonist eben ein junger, wütender, geiler Mann, der ernsthafte Beziehungen als Schwäche verachtet“.
Rassistische Vermarktung
Wer aber bewahrt die jüngsten und verletzlichsten Konsumenten vor deren Tiraden? Schließlich scheint ein effektiver Schutz Minderjähriger kaum möglich. Weil das Böser-Junge-Image im HipHop eines der zugkräftigsten Verkaufsargumente darstellt. Dazu kommt eine latent rassistische Vermarktungspolitik: Die sexuellen Phantasien durchschnittlicher amerikanischer Vorstadtjugendlicher lassen sich wunderbar auf schwarze Video-Stripperinnen projizieren - beziehungsweise deren bewegte Hinterteile, zu denen sie die meisten Filmclips reduzieren. Zumal der Begleit-Rap klarmacht, dass es sich nur um „hoes“ und „bitches“ handelt, subhumane Wesen also, die sich vor allem über den aggressiven Verkauf von Sex definieren.
Eine gewisse Kontinuität ist dabei nicht zu leugnen: Schon in den siebziger Jahren reduzierten „Blaxploitation“-Filme wie „Shaft“ Frauen zu schmuckem Beiwerk des männlichen Heldenkults. James Brown stellte seine Sängerinnen angeblich erst ein, nachdem sie mit ihm den Bett-Test bestanden hatten. Und selbst weibliche Mitglieder der Black Panther klagten über den Machismo in den eigenen Reihen. Neu aber ist die Akzeptanz, die Hip-Hop einst eindeutig sexuell abwertenden Begriffen wie „bitch“ verschafft hat. Neu ist auch die Gleichsetzung solcher Inhalte mit authentischer schwarzer Kultur. Nicht nur weiße Rap-Fans glauben diesem Zerrbild. Oft erliegen die Produzenten selbst den Klischees: Der erfolgreiche Südstaaten-Rapper Lil Jon zum Beispiel sagte der „New York Times“, er sei aus Imagegründen ins Pornogeschäft eingestiegen - um nicht „too mainstream pop“ zu wirken. Genau hier liegt die Crux des kommerziellen Hip-Hop: Zuhälter, Nutten und Stripperinnen werden als authentische Zutaten schwarzer Straßenkultur verkauft. Eine Phantasie, die an die übelsten Rassismen in Amerikas Kulturgeschichte erinnert.
Immergleiche Stereotypen
Dabei waren es weniger Rapper, die der Pornoindustrie halfen, von ihrem einstmaligen Stigma wegzukommen, als vielmehr die flächendeckende Einführung von Videorekordern und Internet. Inzwischen setzen selbst einige der reputierlichsten Kleider- und Parfummarken auf „Porn Chic“. Hat Dolores Tucker am Ende doch recht? Liefert der alles verschlingende Bastard Hip-Hop womöglich nur, was die mehrheitlich weißen Konsumenten fordern? „Essence“-Herausgeberin Angela Davis beklagt vor allem den Mangel an Alternativen: „Jugendliche werden mit den immergleichen Stereotypen gefüttert. Weil sie nur gewalttätige und frauenverachtende Bilder vorgesetzt bekommen, werden ihre Gehirne desensibilisiert.“
Eine Botschaft, die offensichtlich selbst an Snoop Dogg nicht gänzlich vorübergeht. Der dreifache Vater gestand jüngst, er werde seinen Kindern auf keinen Fall von seinen Pornogeschäften erzählen - „meine Videos bekommen die nie zu Gesicht“. Und die Hip-Hop-Bibel „XXL“ mahnt in einem Editorial: „In unserer Unterhaltung schätzen wir Ästhetik und Phantasie höher als Verantwortung und Realität.“ Auf den nachfolgenden Seiten besteigen Pin-up-Girls Autofelgen, schmiegen sich Bikinifrauen an Zuhältertypen. Hauptsache, die Auflage stimmt.
Tja, der Autor ist Musikjournalist oder so
gisbert heimes (gisbert4)
- 18.04.2007, 01:12 Uhr
Wortwahl
Jens Doll (jens611)
- 18.04.2007, 10:41 Uhr
HipHop 2-ways
Benjamin Titzck (Buuurnz)
- 18.04.2007, 13:11 Uhr