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Hessischer Kulturpreis Keine Mail von Dieter Beine

16.05.2009 ·  Mit freundlichen Grüßen aus dem katholischen Köln: Wie ich den Hessischen Kulturpreis aberkannt bekam, was ich über das Kreuz denke, wie der Dialog funktioniert - und warum Roland Koch sich schämen sollte.

Von Navid Kermani
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Am 20. März, dem iranischen Neujahr, teilte mir der Protokollchef des Landes Hessen, Dieter Beine, telefonisch mit, dass mir der Hessische Kulturpreis verliehen werden soll. Die anderen Preisträger seien Kardinal Karl Lehmann, der frühere evangelische Kirchenpräsident Peter Steinacker und der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn. Gewürdigt werden solle der kulturelle Beitrag der Religionen, mein Preisgeld betrage 11.250 Euro.

Ich erfuhr, dass der Frankfurter Islamwissenschaftler Fuat Sezgin die Auszeichnung mit Hinweis auf die Stellungnahmen Salomon Korns zum Krieg in Gaza abgelehnt hatte. Ob ich den Preis dennoch annehme? Ja, sagte ich, nachdem ich überlegt hatte, ich nehme den Preis an, sofern ich die Möglichkeit habe, bestehende Differenzen bei der Preisverleihung anzusprechen. Dass ich nicht nur mit Herrn Korn Differenzen habe, sondern mehr noch mit dem hessischen Ministerpräsidenten Koch, der den Preis vergibt, fügte ich hinzu.

Es gebe ein Problem

Die Vorbereitungen begannen, das Rahmenprogramm wurde besprochen, die iranische Musikgruppe Zarbang engagiert, die Liste meiner Gäste angefordert. Ende April - das genaue Datum weiß ich nicht mehr - rief mich Herr Beine nochmals an. Es gebe ein Problem, sagte er und klang bestürzt. Herr Lehmann und Herr Steinacker seien wegen eines Textes von mir als Preisempfänger zurückgetreten. Sie würden sich weigern, mit mir zusammen ausgezeichnet zu werden, da ich ihrer Ansicht nach das Christentum beleidigt habe. Zuerst dachte ich, es liege eine Verwechslung vor oder ein Missverständnis. Mir fielen alle möglichen Texte ein, über die sich Herr Korn oder Herr Koch geärgert haben könnten, aber ich begriff nicht, was ich Verwerfliches über das Christentum gesagt oder geschrieben haben sollte. Meine religionswissenschaftlichen Bücher, in denen ich mich intensiv mit dem christlichen Glauben beschäftige, werden in theologischen Zeitschriften gelobt, regelmäßig werde ich von kirchlichen Institutionen eingeladen, selbst ein Theaterstück, das auf einer Erzählung von mir beruht, wurde auf dem Kirchentag aufgeführt.

Gerade im letzten Jahr, das ich in Rom verbrachte, veröffentlichte ich in der „Neuen Zürcher Zeitung“ eine Serie von Texten über katholische Kirchen und Kunstwerke in Rom, die mir ebenso zahlreiche wie bewegende Zuschriften christlicher Leser beschert haben, auch aus dem Vatikan selbst. Und kürzlich hielt ich in Berlin eine Rede im Martin-Gropius-Bau, nach der ich mich dafür rechtfertigen musste, in diesen Wochen allzu positiv von der katholischen Kirche gesprochen zu haben. Und jetzt sollte ausgerechnet ich das Christentum beleidigt haben? Aber womit?, fragte ich Herrn Beine.

Verfahrene Situation

Herr Lehmann und Herr Steinacker, sagte Herr Beine, hätten an einer meiner Bildbeschreibungen aus Rom Anstoß genommen, einem Text über Guido Renis Darstellung der Kreuzigung. Es stimmt, dass ich in den ersten Sätzen die Ablehnung der Kreuzestheologie, die einem Nichtchristen doch zugestanden werden muss, sehr drastisch formuliere. Aber der Artikel hört nicht bei diesen ersten Sätzen auf, sondern zeigt, wie mich das ästhetische Erleben bis an den Rand der Konversion führt. Dort heißt es: „Erstmals dachte ich: Ich - nicht nur: man -, ich könnte an ein Kreuz glauben.“ Er begreife es auch nicht, sagte Herr Beine. Er habe den Text mehrfach gelesen, aber er könne daran nichts Anstößiges finden, im Gegenteil: Gerade weil er gläubiger Christ sei, habe ihn der Text sehr berührt. Dennoch verlangten Herr Lehmann und Herr Steinacker eine öffentliche Erklärung von mir, die den Text „einordne“. Ob ich dazu bereit sei? Nein, sagte ich sofort, natürlich nicht. Das verstehe er, sagte Herr Beine. Nun müsse man sehen, wie man aus der verfahrenen Situation herauskomme. Notfalls müsse man die Preisverleihung nutzen, um genau diesen Konflikt zu diskutieren. Das fände ich sehr gut, sagte ich, und so beendeten wir das überaus freundliche Gespräch. Die Vorbereitungen für die Preisverleihungen liefen weiter, ein Text zu meiner Person wurde mir geschickt, den ich Korrektur las. Ein Filmteam, das einen sogenannten Trailer mit mir drehen sollte, meldete sich.

Vergangene Woche rief mich jemand an, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der . . . in der Jury sitzt, und las mir einige Passagen des Briefes vor, den Kardinal Lehmann über mich geschrieben hat. Offenbar kursierte dieser Brief bereits in Frankfurt, nur ich hatte nichts davon erfahren. Ich kann nur hoffen, dass jemand diesen Brief noch veröffentlicht, denn zumindest die Passagen, die ich hörte, sind derart aggressiv, dass sich der Verfasser damit selbst diskreditiert. Ich war Kardinal Lehmann zuvor zwei Mal begegnet und muss gestehen, dass er mir alles andere als unsympathisch war. Es gelingt mir noch immer nicht, den diffamierenden Ton des Briefes mit der Person zusammenzubringen, die ich meinte, kennengelernt zu haben.

Nach der politischen Priorität entschieden

Der Jemand, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der ..., sagte mir, dass die Hessische Staatskanzlei offenbar erwäge, die Preisverleihung abzusagen. Das könne ich mir nicht vorstellen, erwiderte ich und schickte zur Sicherheit eine Mail an Herrn Beine, um mich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Herr Beine, den mein Text über Renis Kreuzigung so berührt hatte, antwortete mir nicht. Ich hätte ihn anrufen können, schließlich besaß ich seine Handynummer, aber jetzt ahnte auch ich, dass Kardinal Lehmann es nicht bei dem Brief belassen und dass Herr Koch nach der politischen Priorität entschieden hatte. Das Filmteam meldete sich auch nicht mehr.

Am Mittwoch rief mich ein Redakteur dieser Zeitung an und bat mich um eine Stellungnahme. Wozu?, fragte ich. Ob ich denn nicht wisse, dass mir der Hessische Kulturpreis aberkannt wurde? Nein, ich wusste es nicht. Später erreichte mich eine Mail der Hessischen Staatskanzlei mit der Presseerklärung und einem Brief des Ministerpräsidenten, in dem er mich zu einer Podiumsdiskussion einlädt. Um es kurz und anders als Kardinal Lehmann von vornherein öffentlich zu machen, möchte ich ihm an dieser Stelle antworten: „Sehr geehrter Herr Koch, ich hoffe, dass Sie sich wenigstens schämen. Mit freundlichen Grüßen aus dem katholischen Köln, Navid Kermani.“ Wenigstens Herr Beine hätte mich anrufen können. Und der Musikgruppe sollten sie auch noch Bescheid geben.

Navid Kermani, Schriftsteller und Orientalist, wurde 1967 als Sohn iranischer Eltern geboren. Zuletzt erschien von ihm: „Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime“, Verlag C. H. Beck, 2009.

Quelle: F.A.Z. vom 15. Mai 2009
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