21.05.2009 · Zwei Kirchenmänner haben sich das falsche Feindbild gesucht, als sie gegen Navid Kermani als Preisträger intervenierten. Und sie haben ihn nicht genau gelesen. Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf zum Eklat beim hessischen Kulturpreis.
Von Friedrich Wilhelm GrafIm Streit um „Dominus Jesus“, die Erklärung der Glaubenskongregation, dass allein die römisch-katholische Kirche wahre Kirche Jesu Christi sei, suchte Karl Kardinal Lehmann im Herbst 2000 in blumigen Worten zu beschwichtigen. Der „Welt am Sonntag“ erklärte er, man müsse solche Lehrtexte im „größeren Zusammenhang anderer römischer Verlautbarungen“ würdigen. Es entspreche „guter theologischer Übung, Texte in ihrer ganzen Dimension zu erschließen und auszulegen, sie einzuordnen“. Allerdings „habe ich das Gefühl, dass die Kunst, solche Dokumente angemessen und sinngerecht zu lesen, auch in unseren eigenen Reihen eigentlich immer seltener anzutreffen ist“, fügte der Mainzer Bischof selbstkritisch hinzu.
Man darf dies nun als prophetische Einsicht preisen. Sein infamer Brief an Ministerpräsident Roland Koch, mit dem er die Vergabe des Hessischen Kulturpreises an Navid Kermani hintertrieben hat, lässt keinerlei Bereitschaft erkennen, einen anspruchsvollen religiösen Text in seiner „ganzen Dimension“ zu erschließen. Auch die theologischen Lesekünste Peter Steinackers, des einstigen Präsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, sind nur schwach entwickelt. Wer Kermanis Glaubensessays kennt, kann die von Lehmann und Steinacker erhobenen Vorwürfe nur für gegenstandslos erklären.
Ein moderierender Intellektueller
Navid Kermani ist kein intoleranter Feind des Christentums, der dessen „Zentralsymbol“, das Kreuz, verunglimpft, sondern ein frommer muslimischer Religionsintellektueller, der seinen Gott auf ganz eigene Weise verehrt und sich dabei einfühlsam auch den inneren Sinn christlicher Frömmigkeit zu erschließen sucht. Kein anderer unter den wenigen muslimischen Intellektuellen im Lande hat seit Jahren vergleichbar kundig und verständnisbereit die in sich spannungsreichen christlichen Symbolwelten ernst genommen. Kann dies den Herren Lehmann und Steinacker entgangen sein? Eine Antwort fällt schwer. Denn entweder muss man ihnen einen erschreckenden Mangel an theologischer Bildung oder aber einen durch Alterseitelkeit und Machtinstinkt genährten Willen zur Denunziation eines deutlich jüngeren Gelehrten attestieren, der, im Unterschied zu den hohen geistlichen Herren, ja keine einflussreiche Großorganisation, sondern nur sich selbst repräsentiert.
Kermanis Texte changieren oft zwischen religionswissenschaftlich informierter Glaubensanalyse und frommem Bekenntnis. Wie viele christliche Gottsucher der Moderne schreibt er als behutsam Tastender, aber auch provokativ Zuspitzender, um den Glauben der Väter in eigene Einsicht zu überführen. Großbürgerlicher Habitus spiegelt sich in demonstrativer Unabhängigkeit und bisweilen stolzem Mut, die Anpassung an die verlogenen Konventionen des „interreligiösen Dialogs“ im Land der korporatistisch verwalteten Religion zu verweigern. Mit ihm zu reden und zu streiten macht großen Spaß. Als Stipendiat der Villa Massimo hat dieser ebenso gebildete wie fromme Autor nun neugierig die barocke Glaubenskunst des päpstlichen Rom erkundet, bisweilen begleitet von katholischen Freunden.
Ein umstrittenes Symbol
Spiegelt seine Analyse von Guido Renis Gemälde „Die Kreuzigung“ schockierende religiöse Intoleranz oder „unversöhnliche Angriffe auf das Kreuz“? Nein, der muslimische Intellektuelle will dem Bild vom sterbenden Christus gerade Lebenssinn abgewinnen. Er schreibt nichts, was nicht auch viele christliche Denker seit Hunderten von Jahren gesagt haben. Harte Kritik von Christusikonen und Kreuzigungsbildern prägen die Konfliktgeschichten der diversen Christentümer schon sehr früh. In den Bilderstürmen der Reformation zerstörten protestantische Gotteswortgläubige Tausende von Christusbildern und Kruzifixen, weil sie in ihnen gotteslästerliche Idolatrie sahen. Kierkegaard, Dostojewski und Tolstoi haben über die amtskirchlich autoritäre Verfälschung des Christusglaubens ungleich härter geurteilt als Kermani, der Benedikt XVI. viel freundlicher würdigt als die große Mehrheit der deutschen Katholiken.
Man wird von einem Kardinal keine innere Distanz zu volksfrommer katholischer Bildmagie, der Anbetung Christi im Kreuzesbild, erwarten dürfen. Aber vom protestantischen Kirchenpräsidenten wünschte man sich schon ein wenig gebildetes Verständnis dafür, dass „das Kreuz“ ein polyvalentes, in der Christentumsgeschichte fortwährend umstrittenes Symbol ist. Kermanis These, der Jude Jesus von Nazareth sei „nicht Sohn Gottes“, haben zahlreiche Theologen vertreten. Nun hat der Dogmatikprofessor Karl Lehmann die gelehrte Unterscheidung von geschichtlichem Jesus und verkündigtem Christus 1985 zu einer „verhängnisvollen Alternative“ erklärt, gegen die große Mehrheit katholischer Neutestamentler. Aber dies gibt ihm nicht das Recht, einen denkenden Muslim zu denunzieren, wenn dieser in subtiler Bildmeditation kirchliche Lehrformeln problematisiert – dogmatische Deutungsmuster, die christliche Theologen seit mindestens dreihundert Jahren kontrovers diskutieren.
Ich hatte Kermanis Artikel an Theologiestudierende verteilt. Weil ich sie antichristliche Intoleranz lehren will? Nein, weil seine Texte wunderschöne Beispiele für jene Fortschreibung des Glaubens sind, die Religionsforscher Hybridisierung nennen, Übernahme von Symbolen der einen Religion in die Sinnbilder einer anderen, bezeichnen.
Kreuz und Gekreuzigter
Kein anderes Problemfeld christlicher Lehre ist so umstritten wie die Soteriologie, die begrifflich voraussetzungsreiche Lehre von der Heilsbedeutung Jesu Christi und seines Kreuzestodes. „Wahrer Gott und wahrer Mensch“, „eine Person mit zwei Naturen“, Golgatha und leeres Grab sind wahrlich schwierige Themen. Es ist intellektuell unredlich, wenn die einst Systematische Theologie lehrenden Herren Lehmann und Steinacker so tun, als bewege man sich in der Christologie nicht in einem dicht verminten Feld ungelöster Probleme.
Nur ein Beispiel: Wer von Jesu Kreuzestod spricht, muss die Rede vom „Tod des lebendigen Gottes“ (Eberhard Jüngel) als christlich legitim anerkennen. Darf ein gottgläubiger Muslim dann nicht seine Schwierigkeiten mit dem christlichen Symbolsystem bekunden? Am Karfreitag geht es um das definitive Ende der autoritären Metaphysik vom allmächtigen Gott. „O große Not! Gott selbst liegt tot. Am Kreuz ist er gestorben; hat dadurch das Himmelreich uns aus Lieb erworben“ lautet die zweite Strophe eines ursprünglich katholischen Chorals, vom Lutheraner Johannes Rist 1641 gedichtet.
Vom genuin christologischen Sinn der Rede vom Tode Gottes hat Kermani mehr erfasst als ein Mainzer Bischof, der, ich kann es nicht für wahr halten, am Karfreitag „das Kreuz verehrt“. Ich dachte bisher, dass für Christen nicht „das Kreuz“, sondern der gekreuzigte Jesus lebenswichtig ist. Die Erinnerung an seine Passion diente Christen immer auch dazu, ihre eigene Sterblichkeit zu reflektieren.
Ausgehöhlte religiöse Formelsprache
Kermani nimmt den Gekreuzigten ernst, indem er in Renis Christus den idealen Repräsentanten der sterblichen Menschheit sieht: „jeder Tote, jederzeit, an jedem Ort“. Kant, Hegel, Schleiermacher haben nicht anders gelehrt. Auch ist radikale Kritik an der religiösen Verklärung barbarischen Leidens ein uralter Topos in den innerchristlichen Deutungskämpfen um Jesu Heilstod. Vom „spekulativen Karfreitag“ (Hegel), der geistigen Vergegenwärtigung des einst Geschehenen zur Begründung menschlicher Freiheit, sollten habilitierte Theologen schon einmal gehört haben. Allzu denkfaul agieren sie nun als Kirchenfürsten, wenn sie den Stachel des Negativen in Kermanis Text nicht ertragen können. Selbst seine Behauptung „die katholische Vorstellungswelt erscheint mir heidnisch“ („Neue Zürcher Zeitung“ vom 9. Mai) entspricht nur altem reformatorischem Urteil.
Woher die episkopale Aggressivität gegen den muslimischen Intellektuellen? Kermani macht in seinen Erfahrungsberichten aus dem katholischen Rom all jene innerchristlichen Konfliktlinien neu sichtbar, die man in ökumenischer Konsensschummelei verdrängt. Auch demonstriert er durch glaubenssprachliche Kreativität, dass vielen christlichen Theologen zu den eigenen Überlieferungen nur noch hohle Formelsprache, lebensferner Klerikaljargon einfällt. Oder muss man die Episkopalintrige schlicht aufs Beleidigtsein zweier älterer Herren zurückführen, die die intellektuelle Strahlkraft des Jüngeren nicht zu ertragen vermögen? Lehmanns Unterstellung, dass Kermani noch kein relevantes Lebenswerk vorzuweisen habe, ist christlich ruinös. Ein Blick aufs „Ganze“ eines Menschenlebens steht selbst einem Kardinal nicht zu Gebote.
Asymmetrien der Machtverteilung
Und man wird die Jury fragen dürfen, was an Herrn Steinackers Lebenswerk denn kulturpreiswürdig ist: Das biedere Kirchenfunktionärsgehabe? Die islamophoben Stereotypen in Vorträgen über „Absolutheitsanspruch und Toleranz“? Die seit Jahren rituell wiederholte Kritik an Lessings Ringparabel und dem freien Geist der Aufklärung?
Gern behaupten deutsche Bischöfe, dass die Christen Religion und Politik ganz aufgeklärt getrennt haben, im Unterschied zu den Muslimen. Deshalb müsse man ihnen durch interreligiösen Dialog demokratische „Werte“ vermitteln. Herr Steinacker wirft Navid Kermani vor, die „drei Grundsätze“ im Gespräch der Religionen verletzt zu haben. Der Vertreter der christlichen Mehrheit beansprucht die Definitionsmacht über Regeln des öffentlichen Diskurses in Glaubenssachen. Und er merkt nicht einmal, dass er so nur alte Diskriminierung fortschreibt. Nirgends kommt er auf die Idee, dass zwischen Mehrheit und Minderheit Macht asymmetrisch verteilt ist.
Macht statt Glauben
Im System der hinkenden Trennung von Staat und Kirchen wird diesen viel Macht eingeräumt. Nicht wenige deutsche Kirchenführer machen davon gern Gebrauch. Eine irritierende Entwicklung lässt sich beobachten: Je mehr die tiefe Glaubenskrise und die schleichende Erosion der beiden großen Volkskirchen sichtbar werden, desto mehr setzen viele Kirchenführer auf Klerikalmacht. Aber die Politisierung tut dem Glauben nicht gut. Und durch Arroganz der Bischofsmacht lässt sich der eklatante Mangel an Geistesgegenwart und intellektueller Glaubwürdigkeit nicht überspielen.
Die offene Gesellschaft muss um der gleichen Freiheit aller willen Kirchenmacht wie die Macht anderer Verbände demokratisch begrenzen, etwa durch Erzeugung von Öffentlichkeit. Weil Jesus Christus „Licht der Welt“ ist, „treten die Glaubenden . . . gegen jede Geheimpolitik und Geheimdiplomatie ein“, hat Karl Barth über „Christengemeinde und Bürgergemeinde“ geschrieben. So hat es seinen guten theologischen Sinn, dass die arkanen Machtspiele der hohen geistlichen Herren einmal transparent geworden sind.
Integrationspolitischer Schaden
Herr Steinacker hat in dieser Zeitung zwar bestritten, irgendwie Einfluss genommen zu haben. Aber will er den Leuten wirklich weismachen, ganz unabhängig von Herrn Lehmann auf die Idee gekommen zu sein, den Preis nicht anzunehmen, wenn auch der unwürdige Herr Kermani ihn erhält? Sollte ihm der Kardinal gar nichts von seinem Brief erzählt haben? Immerhin haben sie den jungen Muslim in ökumenischer Komplizenschaft gemeinsam via Staatskanzlei bitten lassen, seinen inkriminierten Text zu erläutern. Auch teilte der Kardinal dem Herrn Ministerpräsidenten mit, dass die Ehrung Kermanis eine Zumutung für Herrn Steinacker sei. Woher nur wusste er dies?
Laut Homepage des Hessischen Landtages ist der Abgeordnete Roland Koch römisch-katholischer Konfession. Als Ministerpräsident und Vorsitzender der Jury des Hessischen Staatspreises hat er der „Lehrmäßigen Note zu einigen Fragen über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben“ entsprochen, die die Kongregation für die Glaubenslehre 2002 veröffentlicht hat: Vorgaben des kirchlichen Lehramtes seien gerade in religiösen und moralischen Fragen für katholische Politiker unbedingt verpflichtend. Zwischen Ostern und Pfingsten, Auferstehungsfreude und Geistausgießung darf die Öffentlichkeit nun laut über diese Herren lachen. Da lässt sich ein Provinzpolitiker, der so gern den ganz Starken, Trickreichen gibt, von zwei Spitzenklerikern als Kirchenmaus vorführen. Und die Herren Lehmann und Steinacker gefährden nicht nur ihr persönliches Ansehen, sondern werden nun gar dafür ausgezeichnet, dass sie großen integrationspolitischen Schaden angerichtet haben. Aber nicht einmal das haben diese Lesekünstler gemerkt.
Ich verstehe die Aufregung über Kermanis Ablehnung nicht...
Norbert Pütz (4nevergiveup)
- 21.05.2009, 20:03 Uhr
Armutszeugnis
Volker Kulessa (solelite)
- 21.05.2009, 20:18 Uhr
Kant und Kermani im Unrecht
Volker Kulessa (solelite)
- 21.05.2009, 20:19 Uhr
Über den Inhalt
resi mayer (kimwales)
- 21.05.2009, 20:54 Uhr
Haben Sie das "Wort vom Kreuz" im Glauben verstanden, Prof. Graf?
Jöns-Peter Schmitz (Schmitz4)
- 21.05.2009, 21:06 Uhr