27.11.2009 · Wirkliche Toleranz beginnt dort, wo das Einverständnis endet: Es kommt weniger darauf an, Widersprüche aufzulösen, als sie auszuhalten. Die Rede von Salomon Korn zum Hessischen Kulturpreis.
Von Salomon KornAls Ministerpräsident Roland Koch seine Laudatio hielt, fragte ich mich, wie weit diese der Eigengesetzlichkeit von Lobreden folgende Würdigung mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Beim Versuch, mir Klarheit darüber zu verschaffen, nahten sich zwei schwankende Gestalten: Goethe und Heine. Während Goethe mir zuraunte: „Nur die Lumpe sind bescheiden“, höhnte Heine: „Er lobt dich so stark, dass die Räucherkerzen im Preise steigen.“ Wer von beiden hat recht?
Diese Frage erinnert mich an jenen bekannten jüdischen Witz, in dem sich ein Kaufmann beim Rabbiner über seinen betrügerischen Teilhaber beklagt. Der Rabbiner hört aufmerksam zu und sagt schließlich: „Du hast recht.“ Eine halbe Stunde später erscheint der Teilhaber und schildert ihm denselben Sachverhalt aus seiner Sicht. Der Rabbiner wägt das Gehörte und entscheidet zuletzt: „Du hast recht.“ Die Frau des Rabbiners, die vom Nebenzimmer aus alles mitangehört hat, stellt ihren Mann zur Rede: „So geht das nicht: Entweder hat der eine recht oder der andere hat; beide können nicht gleichzeitig recht haben.“ Daraufhin schaut der Rabbiner seine Frau an und sagt: „Du hast auch recht.“
Haben Juden, Christen und Muslime denselben Gott?
Im Bereich der Naturwissenschaften ist die Frage danach, wer recht habe, sicherlich bedeutsam. Im täglichen Leben, so scheint mir, kommt es nicht so sehr darauf an, recht zu behalten, als vielmehr, klug zu handeln. Was aber gilt im Bereich der Religionen?
Im April 2009 traf ich mich mit Sari Nusseibeh, dem Präsidenten der Al-Quds-Universität in Ostjerusalem. Während unseres Gespräches im American Colony Hotel stellte ich ihm die Frage: Ist der Gott der Juden, Christen und Muslime jeweils derselbe Gott, oder sind es drei verschiedene Gottheiten? Daraufhin Sari Nusseibeh: Wenn es Gott gibt, dann ist es derselbe Gott, wenn es ihn nicht gibt, dann sind es drei verschiedene Götter.
Alles ist von Staub gemacht
Auf der Rückfahrt von Jerusalem nach Tel Aviv beschäftigte mich diese Antwort und die sich daraus ergebenden Schlüsse: Falls nur ein wahrer Gott existiert, warum sollte er mündigen Menschen unter Einschränkung ihrer Willensfreiheit vorschreiben, wie sie an ihn glauben müssen? Wer weiß denn, ob der Anspruch jedweder Religion, im Besitz des einzig wahren Glaubens zu sein, am Ende lediglich eine menschlichen Bedürfnissen nach Sicherheit und Beständigkeit dienende Konstruktion ist? Wer weiß, ob Gott es nicht jeder Religion, ja, jedem einzelnen Menschen überlässt, den Weg zu ihm auf je eigene Weise zu finden? Klingen solche und ähnliche Fragen nicht schon im Prediger Salomo an, wenn es dort beispielsweise im dritten Kapitel heißt: „Es fährt alles an einen Ort; es ist alles von Staub gemacht und wird wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Odem des Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehs unterwärts unter die Erde fahre?“
Ist aus diesen Worten nicht eher Zweifel als Gewissheit herauszuhören? Und ist nicht die Gnade des Zweifels weit eher Voraussetzung freier Willensbildung als dogmatische Gewissheit, die unweigerlich in fremdbestimmten Entscheidungen münden muss? Schließt diese Gnade des Zweifels nicht zuletzt auch die Frage nach der Existenz Gottes mit ein?
Paradoxe Kommunikation
Fragen über Fragen. Am Ende aller Überlegungen bin ich zu dem Schluss gelangt: Sowenig Menschen die Existenz Gottes „logisch“ beweisen können, so wenig können sie sie „logisch“ widerlegen - weder Richard Dawkins noch Michel Onfray, noch alle übrigen Skeptiker und Wissenschaftler, die sich aufgemacht haben, die Welt vom Glauben zu befreien. Entweder wir „glauben“ an die Existenz Gottes, oder wir „glauben“ an seine Nichtexistenz - beides aber bleibt „Glauben“ und damit linear ausgerichteter Beweisführung menschlichen Denkens, das stets auf Annahmen und Voraussetzungen gründet, unzugänglich. Zu welchen Missverständnissen eine Vermischung beider Ebenen führen kann, hat die Kontroverse um die Verleihung des Hessischen Kulturpreises 2009 anschaulich gezeigt.
Debatten über Glaubensinhalte bewegen sich oft unversehens auf einer Ebene paradoxer Kommunikation, weil Denken auf der Ebene nachprüfbarer Schlussfolgerungen keine Entsprechung auf der des Glaubens hat. Die das Denken des Menschen vorwiegend bestimmende diskursive Logik bleibt unvereinbar mit dem eher präsentativ ausgerichteten Symbolcharakter religiöser Offenbarungen. Diese wiederum scheinen bei vielen Menschen ein tiefes Verlangen nach Sinn, Bedeutung, ja, Zauber des Spirituellen weit eher zu stillen als eine durch kühle Rationalität bestimmte Wirklichkeit. Jean Paul wusste von diesem sich gegen die Entzauberung der Welt stemmenden Verlangen: „Eine Religion nach der anderen löscht aus, aber der religiöse Sinn, der sie alle schuf, kann der Menschheit nicht getötet werden.“
Es gibt keine Welt, nur Welten
Aus der Überzeugung heraus, den einzig wahren Glauben zu besitzen, kann ein Gläubiger nicht auch mit Gewissheit ableiten, damit gleichzeitig die einzig wahre Sicht der „profanen Realität“ zu haben. Eine solche Sicht existiert nicht. Nietzsche zufolge hat die Welt unendlich viele Mittelpunkte: Es gibt keine Welt, nur Welten. Anstelle von „Wirklichkeit“ bestehen danach ebenso viele Wahrnehmungen von Wirklichkeit, wie Menschen existieren.
Davon ist kein Mensch, ob religiös, atheistisch oder agnostisch, ausgenommen. Ein Annäherungsprozess an diese „übersubjektive Wirklichkeit“ kann nur auf der Grundlage gegenseitiger Aufklärung erfolgversprechend sein. Dabei erfahren wir nicht ausschließlich etwas über andere Menschen, andere Lebenswirklichkeiten und Sichtweisen, sondern gleichzeitig auch etwas über uns selbst, über Relativität und Kontextgebundenheit unserer eigenen Wahrnehmung.
Interreligiöser Dialog
Ohne Verständnis und Offenheit für andere Blickwinkel und Daseinsformen muss das Unternehmen „Wirklichkeitsannäherung“ scheitern, zumindest aber höchst unvollständig bleiben. Somit kann Toleranz im Sinne vorbehaltloser Anerkennung alternativer Perspektiven und Lebensentwürfe Voraussetzung dafür sein, Wirklichkeit in ihrer Komplexität und Vielfalt umfassender zu begreifen. In diesem Kontext dient interreligiöser Dialog auch dem besseren Verständnis einer zunehmend komplexer werdenden gesellschaftlichen Realität.
Dazu bedarf es, unter Wahrung der Würde aller am interkulturellen Gespräch Beteiligten, gemeinsam abgestimmter, von Denk- und Sprechverboten freier Kommunikationsformen. Die aus vielfältigen Einflüssen hervorgegangene europäische Kultur als säkularer Abkömmling von Religion bietet dafür die Grundlage. Allein die Trennung von Staat und Religion, von Ratio und Glauben als Errungenschaft der Aufklärung gewährt Aussicht auf erfolgreiche interkulturelle Gespräche. Wegen fehlender konsensfähiger Bewertungsmaßstäbe sind dabei weniger Glaubensinhalte von Interesse als vielmehr deren Auswirkungen auf Kultur, Politik und Fragen des täglichen Zusammenlebens. Einen fruchtbaren interreligiösen oder interkulturellen Dialog wird es aber nur geben können, wenn alle am Gespräch Beteiligten Bereitschaft zeigen, sich mit Geschichte und gegenwärtigen Strömungen der eigenen Religion kritisch auseinanderzusetzen.
Widersprüche sind unvermeidbar
Die jeweiligen Regeln und Grenzen solcher Gespräche, vor allem diejenigen gegenseitiger Zumutbarkeit, lassen sich nicht ein für allemal festlegen, sondern bleiben selbst fortwährend Gegenstand interreligiöser Dialoge, sofern sie mehr sein sollen als nur Austausch folgenloser Absichtserklärungen. Widersprüche sind dabei unvermeidbar. Es kommt aber weniger darauf an, sie aufzulösen, als vielmehr im Geiste von Verständigung, Rücksichtnahme und gegenseitigem Respekt auszuhalten. Schließlich beginnt Toleranz dort, wo Einverständnis endet. Der deutsch-israelische Lyriker Jehuda Amichai hat dafür die angemessenen Worte gefunden:
An dem Ort, an dem wir recht haben,
werden niemals Blumen wachsen
im Frühjahr.
Der Ort, an dem wir recht haben,
ist zertrampelt und hart wie ein Hof.
Zweifel und Liebe aber
lockern die Welt auf
wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.
Und ein Flüstern wird hörbar
an dem Ort, wo das Haus stand,
das zerstört wurde.
Ich danke der Jury für ihre Entscheidung, mir gemeinsam mit Kardinal Lehmann, Navid Kermani und Peter Steinacker den Hessischen Kulturpreis 2009 zu verleihen.