Home
http://www.faz.net/-gsf-x13v
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Henryk M. Broder bei Plasberg In was für einer Zeit leben wir denn?

Sein beifallsüchtiger Populismus ist bekannt. Wie sich Börne-Preisträger Henryk M. Broder allerdings in Plasbergs Talkrunde über Castingshows gab, war bodenlos: Er demütigte Personen, weil sie hatten, was ihm fehlte: Respekt vor der Würde des Menschen.

© dpa Vergrößern Verzicht auf Takt und Anstand: Henryk M. Broder

Sie sehen es als Ihre Aufgabe, darauf zu achten, was Ihre elfjährigen Kinder im Fernsehen anschauen? Dann sind Sie ein hoffnungsloser Fall, der wohl auch von Verantwortung faselt. Natürlich haben Ihre Kinder das Recht der freien Wahl. So wie Sie berechtigt sind, Ihre sechzehn- oder siebzehnjährigen Sprösslinge in Shows wie „DSDS“ („Deutschland sucht den Superstar“) zu lotsen, auch zu zwingen.

Dieter  Bartetzko Folgen:  

Sollte ein zerrütteter Fast-Sieger dieser als Talentsuche getarnten Schauprozesse wie der zeitweise prominente Daniel Küblböck sagen, er sei von quoten- und profitgeilen Sendern und Konzernen missbraucht worden, dann lachen Sie und reden von Freiwilligkeit; schließlich leben wir in einer Zeit, in der Ellbogen nicht früh genug stahlhart werden können. Und sollte eine phänomenale Rock- und Jazzsängerin wie Joy Fleming widersprechen, machen Sie sie mit einem Hinweis auf ihr methusalemisches Alter stumm und weisen sie aufs Altenteil.

Mehr zum Thema

Im Brennspiegel unserer verrohten Gesellschaft

Diese Einsichten verdanken wir dem Journalisten und Publizisten Henryk M. Broder, der, gerade mal ein Jahr jünger als Joy Fleming, am Mittwochabend in der Sendung „Hart aber fair“ die Frage, ob Shows wie „DSDS“ ein Brennspiegel unserer verrohten Gesellschaft seien, durch seinen Auftritt bejahte (siehe auch: Fernsehkritik: Casting-Debatte bei Plasberg). Ihm zur Seite stand der Medienmanager Thomas M. Stein, Juror der beiden ersten „DSDS“-Staffeln, ein Musterexemplar der Lemmingmentalität von Wirtschaftsgrößen („Die Leistungsgesellschaft ist längst global und darum zu praktizieren“).

Sonst abgebrüht, erklärte er einmal mit der Tor- und Reinheit eines Parzival, dass man beim Start von „DSDS“ Psychologen verpflichtet habe, um Verlierer „aufzufangen“. Die Ungeheuerlichkeit einer Sendung aber, die Menschen entblößt und bewusst an den Rand des Abgrunds treibt, war ihm offenkundig entgangen.

Ein eitler, zynischer, selbstgefälliger älterer Mann

Nicht aber dem Börne-Preisträger Broder. Genau danach giere das Publikum, und zu Recht. Weswegen er auch nur beißende Häme für den Kinderpsychologen Wolfgang Bergmann übrighatte, der wagte, Begriffe wie Verantwortung und Moral zu nennen. Selbst das könnte man Broder als den gewieften, von ihm gewohnten beifallsüchtigen Populismus abnehmen, der Talkrunden würzt. Bodenlos aber ist sein Verzicht auf das, was das Miteinander einer halbwegs zivilisierten Gemeinschaft regelt: Takt und Anstand.

Da Herr Broder gern andere Geistesgrößen neben sich öffentlich als „postsenile Plaudertasche“, „bekennenden Irren“ oder „promovierten Clochard“ tituliert, sei ihm nach diesem Abend gesagt: Wir erlebten einen eitlen, zynischen, selbstgefälligen älteren Mann, der überheblich grienend Personen demütigte, weil sie das hatten, was ihm fehlte: Respekt vor der Würde des Menschen.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Herzblatt-Geschichten Ich finde das unfair

Ungerechtigkeit war in dieser Woche das bestimmende Thema des Boulevards: Helene Fischer steht unter Plagiatsverdacht, Kevin Costner wird ein Zehn-Stunden-Western verweigert, und Walter Freiwald vermisst im RTL-Dschungel die Fairness. Mehr Von Jörg Thomann

18.01.2015, 11:36 Uhr | Gesellschaft
Start der Bundesliga-Rückrunde Wolfsburg demütigt die Über-Bayern

In einem packenden Match gewann Gastgeber Wolfsburg am Freitag gegen Bayern München mit 4:1 - und verpasste dem Tabellenführer damit in einem Spiel so viele Tore, wie der zuvor in der kompletten Hinrunde bekommen hatte. Mehr

31.01.2015, 10:25 Uhr | Sport
Alltag im Jugendgericht Anschiss am laufenden Band

Sigrid Christ ist seit 20 Jahren Jugendrichterin. Ihre Fälle liefern keinen Stoff für die Abendnachrichten: Halbstarke, denen noch keiner gesagt hat, dass sich Schwarzfahren nicht gehört und Kiffen dumm machen kann. Eine Geschichte vom alltäglichen Wahnsinn. Mehr Von Andreas Nefzger

27.01.2015, 13:28 Uhr | Gesellschaft
Die Nobelpreisträger von 1901 bis heute

Der Nobelpreis wurde von dem schwedischen Erfinder und Industriellen Alfred Nobel das erste mal 1901 gestiftet. Die interaktive Übersicht informiert Sie über die Preisträger aus den unterschiedlichen Kategorien. Mehr

06.10.2014, 18:44 Uhr | Wissen
Dschungelcamp-Tagebuch Nackt auf der Metaebene

Bei Ich bin ein Star - Holt mich hier raus! steigt das Niveau ins Unermessliche: Mit Selbstreflexion und Ironie werden die Mechanismen der Sendung penibel durchleuchtet und eingeordnet. Mehr Von Stefan Niggemeier

25.01.2015, 10:51 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 10.04.2008, 17:02 Uhr

Tim, nicht Charlie

Von Andreas Platthaus

Das Comicfestival in Angoulême ist das größte Europas. Nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ war diesmal alles anders. Mehr 5