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Zu Besuch bei Henda Ayari : Die Frau, die nein sagte

Mit sich und dem Glauben im Reinen: Henda Ayari Bild: AFP

Nach dem Attentat im „Bataclan“ legte die Salafistin Henda Ayari den Schleier ab und schrieb den Bestseller „Ich wählte die Freiheit“. Jetzt hat sie den Intellektuellen Tariq Ramadan der Vergewaltigung bezichtigt. Ein Besuch in Rouen, wo sie unter Polizeischutz lebt.

          Rendezvous in Rouen, der Stadt von Gustave Flaubert und Jeanne d’Arc, die hier auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. An die Heilige Johanna erinnert in der Kathedrale ein Memorial, das an diesem Vormittag von einer chinesischen Reisegruppe belagert wird. Wie ein Schwert ragt der Vierungsturm der von Monet gemalten Kirche, die bei ihrer Fertigstellung das höchste Gebäude der Welt war, in den blauen Himmel. Der Weihnachtsmarkt auf dem Parvis ist abgeriegelt, zwei Polizisten halten Wache.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Einwanderer aus dem Maghreb prägen das Bild der Banlieue. Im Vorort Saint-Étienne-du-Rouvray wurde im Sommer vergangenen Jahres dem Priester Jacques Hamel während der Messe die Kehle durchgeschnitten. Gemeindepräsident von Saint-Étienne – das gelegentlich als „Molenbeek-sur-Seine“ beschrieben wird – war damals der Kommunist Hubert Wulfranc, der im Juni als Abgeordneter in die Pariser Nationalversammlung gewählt wurde. Präsident Hollande kam zur Trauerfeier in der Kathedrale. „Wir sind in Saint-Étienne-du-Rouvray“, erklärte der mehrfache Minister François Bayrou, „alle wissen oder mussten wissen, dass es hier eine salafistische Moschee gibt und eine fanatische Gemeinschaft mit vielen Angehörigen, die sich in Syrien dem Islamischen Staat anschlossen, was auch der Mörder versucht hatte.“

          Letzte Anweisungen per SMS

          In dieser salafistischen Gemeinde verkehrte die vierzigjährige Tunesierin Henda Ayari, die zwangsverheiratet worden war und sich jahrelang nur im Schleier in der Öffentlichkeit bewegte – und auch das nur, um die Kinder zur Schule zu bringen. Sie hat Ende Oktober den Schweizer Staatsbürger Tariq Ramadan, die bekannteste und brillanteste Identifikationsfigur der französischen Muslime, ihr Vertreter und Verteidiger in der Gesellschaft, der Vergewaltigung bezichtigt. Sie wird seither mit Beschimpfungen und Morddrohungen überzogen. In den französischen Medien äußert sich Henda Ayari nicht mehr. Die Kontaktaufnahme erfolgte über ihren Anwalt Jonas Haddad, der mit der renommierten Pariser Kommunikationsagentur Havas zusammenarbeitet.

          Trauerfeier in Saint-Étienne-du-Rovray ein Jahr nach der Ermordung des Priesters Jacques Hamel.
          Trauerfeier in Saint-Étienne-du-Rovray ein Jahr nach der Ermordung des Priesters Jacques Hamel. : Bild: EPA

          Der dreißigjährige Haddad ist Chef der Jugendsektion der „Republikaner“, der Partei von Sarkozy und Fillon, und schied bei der Parlamentswahl mit 5,5 Prozent aus – der Kommunist Wulfranc brachte es in der Stichwahl auf sechzig Prozent. Am Tag vor dem Besuch – Bedingung: kein Interview, ein Porträt mit Zitaten – berichtet Frankreichs größte Boulevardzeitung „Le Parisien“, dass Henda Ayari unter Polizeischutz gestellt worden sei. Die letzten Anweisungen bezüglich des Orts kommen per SMS: im Hotel „Bourgtheroulde“, in der bestens erhaltenen mittelalterlichen Altstadt.

          Henda Ayari ist noch nicht da. Ihre beiden Anwälte – Haddad und Grégoire Leclerc – sind bezüglich des Ausgangs zuversichtlich. Vier, fünf Jahre wird das Verfahren dauern. Gegen Ramadan haben zwei Frauen auf Vergewaltigung geklagt, weitere formulieren den Vorwurf in Interviews und kündigen rechtliche Schritte an. Henda Ayari habe den Islam-Intellektuellen ein einziges Mal in ihrem Leben getroffen: anlässlich der Versammlung der französischen Muslime im Pariser Vorort Le Bourget, auf der er als Starredner auftrat und sie in sein Hotel einlud. Ramadans Anwalt hat ebenfalls Klage – Verleumdung, Falschaussage – eingereicht und Auszüge aus späteren Facebook-Protokollen veröffentlicht. Aus ihnen scheint hervorzugehen, dass sich Henda Ayari nach der Vergewaltigung für falsche Beschuldigungen entschuldigte: „Ich war in einer schwierigen Phase und wankelmütig. Leute, die dich hassen, haben mich gegen dich aufgebracht und dich als herzloses, perverses Monstrum dargestellt.“ Haddad und Leclerc bezeichnen die Zitate als Manipulation.

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