11.04.2007 · Für 12,5 Millionen Euro wurde ein Hotel in Heiligendamm für den G-8-Gipfel mit einem Zaun gesichert. Ein Kunst-macht-die-Welt-besser-Spektakel will jetzt als Kunst am Bau gefördert werden - mit den üblichen 1,5 Prozent der Bausumme.
Nein. Hier geht es nicht um einen Lattenzaun mit Zwischenraum hindurchzuschaun. Hier geht es auch nicht um Kunst. Hier geht es um Geld und um Aufmerksamkeit. „Art goes Heiligendamm“ nennt sich ein Projekt, das den G-8-Gipfel, der Anfang Juni unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft im Ostseebad Heiligendamm stattfindet, mit Workshops, Vorträgen, Installationen, Performances und allerlei anderen symbolischen Kunst-Aktionen begleiten will - in gebotener Distanz: in Rostock.
Ausgedacht hat sich das Kunst-macht-die-Welt-besser-Spektakel die ehemalige Berliner Kultursenatorin und Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds Adrienne Goehler. Die Ziele sind hochgesteckt und kunstdiskursmäßig formuliert: Es solle aus der „dualen Logik Gipfel - Gipfelgegner“ ausgebrochen und „mit künstlerischen Mitteln zur Wahrnehmungserweiterung von Globalisierung und zur Deeskalierung vor Ort“ beigetragen werden. Ob es zur Friedfertigkeit beiträgt, wenn Fragen, die Kinder und Jugendliche zur Globalisierung stellen, in Reis aufgewogen über eine Weltkarte aus Reis verteilt werden, mag dahingestellt bleiben. Tatsache ist: So etwas kostet Geld.
Interpretation: nur im Notfall
Weil die Bundeskulturstiftung eine Förderung aber abgelehnt hat, ist man nun auf eine besonders schlaue Idee verfallen: Da rund um den Hotelkomplex, in dem das politische Gipfeltreffen stattfindet, für 12,5 Millionen Euro ein Schutzzaun errichtet wurde, hat man - nach Abschnitt K 7 der Richtlinien für die Durchführung der Bauaufgaben des Bundes (RBBau) - Mittel für Kunst am Bau beantragt. 1,5 Prozent von 12,5 Millionen - macht 187.500 Euro. Eigentlich ist damit alles über die Absurdität beider Maßnahmen gesagt - die der Errichtung des Schutzzauns und die des Kunst-am-Bau-Antrags. Was als symbolische Geste wenigstens einige Lacher auf seiner Seite hat, kann als Antrag nicht ernst genommen werden; nicht nur wegen der Verrenkungen, die man anstellt, um zwischen Zaun und Kunst und Projekt, zwischen öffentlicher Hand und baukultureller Verantwortung einen Anspruch abzuleiten, den es ohnehin nicht gibt - was vernünftig ist.
Kunst am Bau kann gefördert werden, muss aber nicht. Und sollte auch nicht müssen. Ein Symposion über dunkle Kanäle aus Anlass der Erneuerung der städtischen Kanalisation? Ein Kunst-Workshop zur Fertigstellung des neuen Gefängnisses? Es ist nicht Aufgabe von Kunst, zwischen Politik und Globalisierungsgegnern zu vermitteln oder sich für kuratorische Zwecke einspannen zu lassen. Künstlerische Interventionen sind aus anderem Holz: 1964 empfahl Joseph Beuys die „Erhöhung der Berliner Mauer um 5 cm (bessere Proportion!)“. Und er setzte hinzu: „Dies ist ein Bild und sollte wie ein Bild betrachtet werden. Nur im Notfall oder aus Schulungsgründen greift man zur Interpretation.“ Eben.
Erschreckend ist eher 12,5 Millionen
Kareem Shehadeh (Kareemrif)
- 12.04.2007, 00:27 Uhr