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Hecht-Galinski antwortet auf Lustiger Antisemitismus ist nicht gleich Antizionismus

In einem Artikel in der F.A.Z. äußerte sich Arno Lustiger zu dem Antisemitismus-Streit zwischen Evelyn Hecht-Galinski und Henryk M. Broder mit einer These über den jüdischen Selbsthass. Jetzt richtet Evelyn Hecht-Galinski das Wort an all ihre Kritiker.

© AP Vergrößern Gläubige an der Klagemauer: Darf man Israel kritisieren?

Im Judentum gibt es viele politische und soziologische Strömungen. Das Judentum war schon immer vielseitig und zersplittert. Im Gegensatz zu Arno Lustiger (siehe: Arno Lustiger über das Problem des jüdischen Selbsthasses) und anderen habe ich keine chronischen Identitätsprobleme und daher auch keinen jüdischen Selbsthass, den ich auf andere Juden projizieren müsste. Die deutsch-jüdische Erziehung, die ich in meinem Elternhaus genoss, kannte solche beleidigenden Anschuldigungen nicht. Ich wuchs schon seit meiner Geburt 1949 in der Mitte der Gesellschaft auf, wurde in einen Pestalozzi-Fröbel-Kindergarten und danach von meinen Eltern auf eine Waldorfschule geschickt. Mein Vater gab an mich seine humanistische Erziehung weiter, die er in Marienburg in Westpreußen genossen hatte. Das Lebensmotto meines Vaters nach seiner Befreiung aus diversen KZs war: „Ich habe Auschwitz nicht überlebt, um zu neuem Unrecht zu schweigen.“ Auch deshalb sehe ich es als meine Verpflichtung an, nicht zu schweigen, wenn die israelische Regierung Menschenrechtsverletzungen an den Palästinensern in Form von Vertreibung, Enteignung und Besatzung begeht.

Mein Vater hatte es sich zur Aufgabe gemacht, gerade in Deutschland, dem Land, in dem er Erniedrigung, Qualen und die Ausrottung seiner Familie erlebt hatte, wieder neues jüdisches Leben zu etablieren. Darum hat er sich von 1947 bis zu seinem Tod 1992 konsequent bemüht. Meine Eltern und ich lebten nie auf gepackten Koffern und betrachteten Deutschland nicht als „Feindesland“. Für meinen Vater war es auch eine Selbstverständlichkeit, in „seinem“ Berlin beerdigt zu werden, der Stadt, die eine Straße nach ihm benannt hat und deren Ehrenbürger er war. Daher war es für mich ein Bedürfnis, nach dem Tod meines Vaters den Namen Galinski meinem Ehenamen beizufügen. Das war auch ganz im Sinne meines Mannes, Benjamin Hecht, „auch Jude“.

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Im Frühstücksfernsehen oder live vom Kölner Gemüsemarkt

Arno Lustiger hat recht, es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus, aber es gibt einen inflationären und daher gefährlichen Umgang mit diesem Begriff, der sich als stumpfe Waffe herausstellen könnte, wenn er wirklich angebracht ist. Schon mein Vater wurde von seinem Nachfolger, Ignatz Bubis, als Berufsjude verunglimpft: Bubis bezeichnete sich selbst „als Juden mit Beruf nach einem Juden von Beruf“. Diese Sätze sprachen für sich und wurden von mir schon damals heftig kritisiert.

Heinz Galinski © picture-alliance / dpa Vergrößern Heinz Galinski war als Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland Ehrenbürger in Berlin

Am 12. März 2007 schickte Arno Lustiger nach meinem Interview im Deutschlandfunk einen Brief an den Intendanten Ernst Elitz. Darin beschrieb er mich als „notorische Hasserin der Vertreter der deutschen Juden und des Staates Israel und jüdische Selbsthasserin, mit völlig unqualifizierten Behauptungen, eine Person, die Minderheit einer Minderheit ist“. Lustiger gab gegenüber Elitz der Hoffnung Ausdruck, „dass diese Sendung ohne Ihr Wissen oder gar Ihre Zustimmung ausgestrahlt wurde“. Eine Kopie dieses Briefes ging an sämtliche Mitglieder des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland. Am 5. Mai dieses Jahres, zwei Tage nach meiner Teilnahme an der Sendung „Hallo Ü-Wagen“ im Radiosender WDR 5, schrieb der Anwalt von Henryk M. Broder, Nathan Gelbart, eine E-Mail an die Intendantin des WDR, Monika Piel, um gegen die Einladung von mir zu protestieren, weil ich keine Qualifikation hätte außer von Beruf Tochter zu sein. „Zum 60. Geburtstag des Staates Israel sollten in der Presse oder Journalistiklandschaft unserer Republik unbedeutende Personen nicht wirklich ein Forum erhalten. Natürlich sollte das ,Volk‘ zu Worte kommen, aber in einem hierfür geeigneten Rahmen, wie im Frühstücksfernsehen oder live vom Kölner Gemüsemarkt.“ Gelbart ist Nachfolger von Michel Friedmann als Vorsitzender des Keren Hayesod, des eingetragenen Vereins „Vereinigte Israel Aktion“, der nach seiner Selbstdarstellung „seit über 85 Jahren im Dienst des modernen Staates Israel und des jüdischen Volkes in aller Welt“ steht.

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