07.04.2006 · Nachdem die Kollegen von der Rütli-Schule ihren Protestbrief an die Öffentlichkeit gebracht haben, bricht es aus den Lehrern Neuköllns heraus: Wut, Ärger, Verzweiflung. Szenen einer Berliner Lehrerversammlung.
Von Heinrich WefingDie Berliner Karlsgarten-Grundschule liegt in Neukölln. Im Norden von Neukölln, um genau zu sein. Im pädagogischen Notstandsgebiet, unweit der Rütli-Schule, der „Haß-Schule“, wie sie in den Boulevardzeitungen nur noch heißt, im Epizentrum der jüngsten Debatte um Integration, Gettobildung und eine verlorene Generation.
So sehr ist Neukölln in den letzten Tagen zum Synonym für Gewalt und Verwahrlosung geworden, daß der Besucher beinahe schon erleichtert ist, nicht in einem rauchenden Slum anzukommen, zwischen ausgebrannten Häusern, zertrümmerten Autowracks und marodierenden Banden, wenn er die U-Bahn-Station Boddinstraße verläßt. Dies mag ein sozialer Brennpunkt sein, eines der schwierigsten Quartiere der Hauptstadt, aber es ist nicht South L.A. oder die Bronx. Es gibt kleine Fahrradläden und Bäckereien hier, ein Tapetenfachgeschäft, Kopfsteinpflaster und Straßenbäume. Die meisten der Mietshäuser aus der Gründerzeit haben frischgestrichene Fassaden, und in der Hasenheide, einem alten Berliner Volkspark, der gleich an den Schulhof der Karlsgartenschule grenzt, zwitschern die Vögel.
Kollegenlob für Rütli-Lehrer
Doch man lasse sich von der Idylle nicht täuschen. Nur ein paar Schritte vom Schultor entfernt, vor den Augen der Kleinen, liegt, von einem Blumenmeer markiert, der Ort, an dem vor ein paar Tagen ein Zivilfahnder der Polizei von einem Straßenräuber ermordet wurde, ohne Vorwarnung, mit sieben Schüssen. Ein neununddreißigjähriger türkischstämmiger Mann hat die Tat mittlerweile gestanden.
Auch aus den Schulen ist keine Entspannung zu melden. Im Gegenteil. Im lichten gelben Neubau der Karlsgartenschule, deren Wände mit schillernden selbstgebastelten Fischen geschmückt sind, haben sich reichlich hundertfünfzig Lehrer aus den umliegenden Grund-, Haupt- und Realschulen Nord-Neuköllns versammelt, um ihre Solidarität mit den Kollegen von der Rütli-Oberschule zu bekunden. Redner auf Redner preist die Rütlianer für den Mut, mit ihrer Verzweiflung und Ratlosigkeit an die Öffentlichkeit gegangen zu sein, endlich das dekretierte Schweigen gebrochen, den „Vorhang zerrissen“ zu haben, wie es ein Lehrer ein wenig pathetisch formuliert. „Dafür gebührt euch Dank und Hochachtung“, ruft einer, „euer Schritt wärmt mein Herz“, eine andere.
Als sei eine Flasche entkorkt worden
Als mit einiger Verspätung auch Petra Eggebrecht eintrifft, bis vor wenigen Tagen kommissarische Direktorin der Rütli-Schule, da gleicht ihr Auftritt einem Triumphzug. Beifall brandet auf, der gar nicht enden will, die Kamerateams stürzen sich auf die zierliche grauhaarige Frau: Einzug einer Heldin. Jeanne d'Arc in Neukölln. Oder, wie eine begeisterte Lehrerin vor sich hin flüstert: „Das ist ja wie bei Julia Roberts.“
Das Kollegium der Rütli-Schule hat ausgesprochen, das ist die erste Botschaft dieses Nachmittags, was viele, viele Lehrer seit Jahren bedrückt, deprimiert, krank macht. Und wie aus einer Flasche, aus der einer den Korken gezogen hat, sprudelt es nun aus allen Mündern, allen Seelen. Seit fünfundzwanzig Jahren, berichtet ein Lehrer, der aussieht, als lasse er sich nicht leicht aus dem Gleichgewicht bringen, unterrichte er an der 2. Grundschule, in einem Hinterhof am Hermannplatz. Neunzig Prozent der Kinder dort stammten aus Familien mit „Migrationshintergrund“. Neunzig Prozent. Sogleich gibt es Zwischenrufe, fast wie bei einer Versteigerung: „Bei uns sind's zweiundneunzig Prozent!“ - „Bei uns vierundneunzig Prozent.“ Als er damals angefangen habe, fährt der Redner unbeirrt fort, habe es alte und junge Lehrer gegeben, erfahrene und viele frisch aus dem Referendariat. Mittlerweile sei der jüngste seiner Kollegen mehr als fünfzig Jahre alt. Man muß nicht viel von Pädagogik verstehen, um das für ein Desaster zu halten.
Es brennt
Die Klassen seien mit fünfundzwanzig, sechsundzwanzig Schülern viel zu groß, setzt eine andere Lehrerin die Beschreibung der düsteren Lage fort. Keinem Kind könne da die Aufmerksamkeit zuteil werden, die es brauche, und eigentlich brauchten alle unendlich viel. Ausnahmslos jeden Satz, den ihre Schüler sprächen, müsse sie korrigieren, wieder und wieder, ohne echte Aussicht auf Besserung, bei den Kindern „nichtdeutscher Herkunft“ sowenig wie bei den ethnisch deutschen Kindern, die vorwiegend aus sozial schwachen Familien stammten, „verwahrloste, bedürftige“ Geschöpfe. Brisant sei die Situation, heißt es immer wieder, unerträglich, „nicht mehr zu handhaben“. - „Es brennt.“ - „Die Dämme brechen.“ Nach den Osterferien wollen sich die Lehrer Neuköllns zu einer „Notstandskonferenz“ treffen.
Aber es ist erkennbar nicht nur die Erleichterung, endlich einmal öffentlich Gehör zu finden für die Sorgen, die viele zu lange nur mit sich selbst und den Kollegen herumgeschleppt haben, die sich hier Bahn bricht. Angestaut hat sich eine hilflose Wut, eine bittere Empörung, die einen klaren Gegner hat: die „Besserwisser aus Politik und Schulverwaltung“. Die Stimmung ist entschieden vorrevolutionär. Immer mehr Schüler würden in die Klassen gestopft, die Stellen von Sozialarbeitern und Schulpsychologen aber gestrichen. Die jüngste Reform habe die Vorklassen für Schüler mit drastischen Deutschdefiziten abgeschafft, ebenso die ersten Klassen der Sonderschulen, Ein-Euro-Jobber übernähmen mittlerweile Ausfallstunden, weil viel zuwenig Lehrer eingestellt würden. Und Kritik an alldem werde unterdrückt, auf Versetzungswünsche mit ironischer Herablassung reagiert: „Sie können nicht mehr? Aber Sie sehen doch aus wie das blühende Leben!“
Verlust einer Generation?
Fast beiläufig erwähnt Frau Eggebrecht schließlich, daß die Schulverwaltung disziplinarische Ermittlungen gegen sie eingeleitet habe, um herauszufinden, ob sie den Hilferuf des Rütli-Kollegiums an den Berliner „Tagesspiegel“ weitergegeben habe. Als ob sie eine Verräterin von Staatsgeheimnissen sei.
Natürlich gibt es, wie bei solcherlei Veranstaltungen unvermeidlich, auch ein paar Redner, die rasch ins Ideologische oder in die Rechthaberei abrutschen. Eine Lehrerin lädt die versammelten Journalisten ein, doch einmal die Archive der GEW, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, aus den vergangenen dreißig Jahren zu studieren. „Die Abschaffung der Hauptschule haben wir schon damals gefordert!“ Und dann schiebt sie noch nach, man möge doch jetzt bitte nicht auf die Sprüche der Berliner CDU hereinfallen, das sei doch alles nur Wahlkampf. In solchen Kategorien zu argumentieren hat etwas nachgerade Naives. Es scheint, manche der Lehrer aus Neukölln hätten noch gar kein Gespür dafür entwickelt, was sie in Gang gesetzt haben. Vielleicht ist ihnen tatsächlich entgangen, daß die Debatte längst über die lokale Administration und ihre taktischen Manöver hinaus ist.
Womöglich sind die Neuköllner Lehrer Agenten eines Wandels, der nicht nur ihre Schulhöfe erfaßt, sondern das Bild, das diese Republik von sich selbst entwirft. „Wir dürfen nicht zulassen“, spitzt es eine andere Kollegin dann doch in denkbarer Klarheit zu, „daß uns eine ganze Generation verlorengeht.“
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