http://www.faz.net/-gqz-8uhl9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 11.02.2017, 09:30 Uhr

Kommunikation mit Hashtags #Echorufe in einen grenzenlosen Raum

Der Hashtag ist nicht nur Symbol, sondern zugleich das Vehikel einer neuen Form von Kommunikation. Doch wie verändert sich Öffentlichkeit, wenn Kommunikation nicht mehr auf dem Austausch von Argumenten beruht?

von
© dpa Was haben Albert Einstein und der Slogan „Refugees welcome“ genauer miteinander zu tun? Der Hashtag schreibt nichts fest, sondern öffnet ein Netz loser Assoziationen.

Sprachliche Verständigung beruht auf Begriffen. Begriffe erlauben es, sich auf eine geteilte Vorstellung der Realität zu beziehen, und zwar so, dass jeder versteht, was gemeint ist. Begriffe lassen einschätzen, worauf man sich verlassen kann. Mit ihnen kann man planen. Man kann Argumente bilden. Man kann darüber streiten, was im Einzelfall Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit bedeuten. Man kann Verträge schließen, Gesetze schreiben und Staaten gründen. Und wenn jemand mal einen Begriff nicht versteht, kann er ihn im Wörterbuch nachschlagen.

Kolja Reichert Folgen:

Der Begriff verknüpft das Einzelne und das Allgemeine. Er erlaubt es, das eine vom anderen zu differenzieren, sich ins Detail zu versenken, es aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und wieder zum Allgemeinen zurückzugelangen. Er schafft (Größen-)Verhältnisse und erlaubt es, in diesen zu navigieren. Er ist eine Grundlage der modernen Öffentlichkeit, die auf verlässlichen Institutionen und einem über den Tag hinaus gültigen Kanon an Werten und Wertvollem beruht.

Atmosphärische Angebote zur Identifikation

Jetzt ist das Planen schwierig geworden. Vom Brexit bis zum Exodus aus dem Internationalen Strafgerichtshof: Verträge werden aufgekündigt. Und es kommen Menschen in höchste Staatsämter oder halten sich dort, denen das Recht relativ egal ist oder die es gar nicht interessiert, wie der Austausch von Argumenten funktioniert. Dass es Mehrheiten gibt, die das von ihnen auch gar nicht mehr erwarten, ist in praktischer Hinsicht beunruhigend. Es zeigt, dass Öffentlichkeit dabei ist, anders zu funktionieren, als man sich das seit dem achtzehnten Jahrhundert vorgestellt hat: weniger über ein gegenseitiges Schärfen von Positionen unter Bezugnahme auf einen gemeinsamen Werte- oder Bildungskanon und mehr über das implizite Aufrufen und Verstärken kollektiver Intuitionen. Weniger über das Überzeugen durch Argumente, mehr durch atmosphärische Angebote zur Identifikation. Es ist, als würden die Begriffe beschleunigt und mit einem Spin versehen, einer Fliehkraft, die Öffentlichkeit in viele vorübergehend sich knüpfende und wieder auflösende Teilöffentlichkeiten zersplittert. Es ist, als schiebe sich vor die Worte (und Begriffe) ein hinterlistiges #Doppelkreuz: der Hashtag.

Das Verlinken eines Schlagwortes durch das Voranstellen der Raute (#hashtag) setzte sich 2009 durch, als Twitter diese Funktion vom Chat-System IRC übernahm. Man klickt etwa auf #faz und bekommt alle Beiträge angezeigt, die ebenfalls mit dem Hashtag #faz versehen sind. Man klickt auf Instagram auf den Tag #foodporn und bekommt lauter in ironisierter Eitelkeit gepostete Fotos von Essen zu sehen.

Ein Ruf in die Zukunft

Ein Hashtag kann ein Name sein (#FCBayern), ein spontaner Ausruf (zum Beispiel der populärste Hashtag auf Twitter, #love, der dem Gebrauch nach ungefähr so viel heißt wie „toll“) oder ein politischer Slogan, der eine Überzeugung oder Forderung zum Ausdruck bringt, wie #blacklivesmatter. Der Hashtag funktioniert fundamental anders als der Begriff. Mit ihm lassen sich Mitteilungen machen, ohne Sätze bilden zu müssen. Seine Bezugnahmen sind nicht eindeutig. Der Hashtag schreibt nichts fest, sondern öffnet ein Netz loser Assoziationen.

Mehr zum Thema

Über Begriffe lässt sich streiten, mit dem gemeinsamen Ziel, dass sie für lange Zeit gelten. Bücher erklären ihre Bedeutung und ihre Geschichte. Kein Buch aber wird einen Hashtag erklären. Denn er spricht nicht zur Allgemeinheit, sondern nur zu Leuten, die sich von ihm gemeint fühlen. Er muss nicht mal den Gegenstand beschreiben, er muss ihn nur interessant und in Bewegung halten, in der Öffnung hin auf ein unbestimmtes Drittes. Er will nicht vor der Geschichte bestehen, sondern ist ein Ruf in die Zukunft. Der Hashtag steht in einem Netz fluktuierender Beziehungen. Das tut der Begriff laut Wittgenstein auch - aber weil er über so lange Zeiträume hinweg stabil ist, erweckt er den Anschein, als entspräche ihm etwas vom Gebrauch Unabhängiges, während Hashtags kommen und gehen wie Wetter.

Was allerdings möglich wäre: die Geschichte der zurückliegenden fünf Jahre anhand etwa der folgenden Hashtags zu erzählen.

#Egypt

#PrayForJapan

#OccupyWallStreet

#BringBackOurGirls

#BlackLivesMatter

#MakeAmericaGreatAgain

Es wäre ein Buch, das voller Leben wäre. Das ist das Wunderbare am Hashtag: Sein Autor ist die anonyme Menge, er schöpft sich nur aus ihr, und er gehört auch nur ihr. Es gilt noch herauszufinden, wie sich das Internet produktiv als Forum gesellschaftlichen Streits nutzen lässt. Wie sehr es zum Forum intuitiver Verständigung taugt, demonstriert der Hashtag. In ihm ist die alte Utopie des Internets als voraussetzungslose Verständigung unter vielen lebendig. Man erkennt mit ihm im Fremden den Vertrauten. Dafür ist es egal, wie latent und beschränkt oder schlicht eingebildet diese Vertrautheit ist: Die Bedeutung dieses Auf-Sendung-Seins, der ausgefahrenen Antennen, ist nicht zu unterschätzen.

Klebrig wie ein Fliegenfänger

Der Hashtag ist wie ein Echolot. Oder wie ein Ruf, den man ausstößt und der von anderen erwidert wird. Er schafft Resonanzräume, die sich auf unkontrollierbare Weise füllen. Man muss ihn gar nicht auf Plausibilität und Zweckmäßigkeit prüfen. Er lädt ein, Teil einer Bewegung zu sein, und sei sie nur semantisch. Man kann mit Hashtags ganz neue Spiele treiben, ein frivoles gegenseitiges Herausfordern, Augenzwinkern, Bestätigen oder auch erst Kennenlernen der eigenen Neigungen. Der Hashtag fördert Verständigung in Vorläufigkeiten, Offenheit für widersprüchliche Perspektiven, das Denken auf vielen Gleisen zugleich, also: Ironie #richardrorty.

44673963 © dpa Vergrößern #BringBackOurGirls ist der Protestslogan mit dem Demonstranten in Nigerias Hauptstadt Abuja im Jahr 2015 auf die Straße gehen. Sie fordern die Rückkehr der von der Terrormiliz Boko Haram entführten Mädchen.

Seine Bindekraft macht den Hashtag aber zugleich zu etwas Verzähendem. Er bringt ein latentes Trägheitsmoment mit, er ist klebrig wie ein Fliegenfänger. Setzt man ihn nur im Vertrauen auf die Gleichgesinntheit der anderen ein, dann befördert er das bequeme Einmummeln in der Filterblase. Der Begriff dient der Unterscheidung, der Hashtag der Verknüpfung. Der Begriff erlaubt die Organisation von Dissens, der Hashtag die von Konsens. Der Begriff stützt Gesellschaften - der Hashtag bildet Stämme. Und so stehen sich heute zunehmend Konsense gegenüber und können gar nicht mehr fassen, warum die anderen wie denken und empfinden.

Mit „Blue Feed, Red Feed“ hat die„Washington Post“ eine Website bereitgestellt, die es erlaubt, Filterblasen bei der Arbeit zuzusehen: Links sind Facebook-Postings von Quellen zu sehen, die als liberal eingestuft sind, rechts solche von Quellen, die als konservativ eingestuft sind. Links zitiert die Website „Democracy Now“ aus einer Rede der Schauspielerin America Ferrera beim „Women’s March on Washington“: „Wir marschieren heute für die moralischen Grundlagen dieser Nation, gegen die unser neuer Präsident Krieg führt“, rechts verkündet die ultrakonservative Website „World-NetDaily“: „Ein unterdrückerischer, gottloser Geist hat soeben die Macht verloren.“

Eine Dynamik des gegenwärtigen Tribalismus

„Blue Feed, Red Feed“ zeigt zwei Hälften, von denen Facebook-Nutzer sonst nur eine sehen. Das Atemberaubende spielt sich dazwischen ab, in der Lücke, die sich zwischen zwei Weltzugängen auftut, unter denen kaum noch eine Vermittlung denkbar ist. Man sieht einer Gesellschaft beim Aufspalten in unterschiedliche Stämme zu, mit je unterschiedlichen Glaubenssätzen und unterschiedlichen Sprachen.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

Die Logik des Hashtags verstärkt eine Tendenz, die der Kurator und Philosoph Christian Kobald beobachtet hat: Interessensunterschiede werden immer seltener über offene Konflikte ausgetragen, sondern über Allianzbildung. Die Allianz schafft Fakten, über die man nicht mehr verhandeln muss oder kann. Man muss gar nicht verstehen, warum man zu einer Gruppe nicht dazugehört, und man kann Zugehörigkeit auch nicht einklagen. Man passt einfach nicht dazu. Das ist die Dynamik des gegenwärtigen Tribalismus.

Außer man wirft sich gestaltend ins Getümmel

Wenn die Assoziation nach Schlagworten dominiert, dann verliert das Argument als Verständigung über das Tatsächliche, das Mögliche und das Wünschenswerte an Wirksamkeit. Nicht Verständigung über Fakten, sondern das Schaffen von Fakten wird zum Argument. Es geht nicht darum, wer gründlicher, sondern wer schneller ist. Nicht darum, wer das plausiblere Programm hat, sondern wer durch das Wecken und Verstärken von Assoziationen neue Tatsachen schafft.

#MakeAmericaGreatAgain: Das ist der im strategischen Sinne schlaueste Slogan dieser Tage. Im oben entworfenen fiktiven Geschichtsbuch würde er über dem Kapitel stehen, das davon handelt, dass die Bedingungen für Öffentlichkeit, Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit andere sind als früher; und dass man sie vielleicht in der Geschwindigkeit, in der sie sich verändern, kaum noch reflexiv einholen kann, außer man wirft sich gestaltend ins Getümmel, in dem jeder seine eigene Welt ist oder zumindest seine eigene Sendeanstalt. „Es ist dies nicht das eigentliche Zeitalter der Kritik“ #JeanLucNancy. Es ist eine Zeit der Selbstzuwendung und eines enthemmten Vitalismus. Millionen Amerikaner fühlen sich wieder lebendig. Die freilich, die Grund haben, sich dadurch bedroht zu fühlen, müssen sich etwas Neues einfallen lassen.

Glosse

Wutprobe mit Wedel

Von Hubert Spiegel

Bei den Bad Hersfelder Festspielen hat der Luther-Darsteller Paulus Manker seine Rolle bei Dieter Wedel verloren. Halb so schlimm, es gab vier Thesen-Anschläger auf der Bühne. Doch Manker will klagen. Mehr 4 7

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“

Zur Homepage