09.10.2008 · Den Fragen des Publikums hatte sich Frank Plasberg in seiner zweiten Runde zur Finanzkrise verschrieben. Seine Gäste antworteten mit Ratlosigkeit oder Gottvertrauen - während der Dow Jones schon in den ersten drei Minuten um 60 Punkte fiel.
Von Andreas PlatthausUnmittelbar vor Beginn von Frank Plasbergs Sendung, also um 15.44 Uhr New Yorker Zeit, stand der Dow Jones Index bei 9456 Punkten, drei Minuten später waren es schon sechzig Punkten weniger. Die Dramatik, die Plasberg in der Spezialausgabe von „Hart aber fair“ beschwor, erfuhr also geradezu echtzeitliche Bestätigung. Denn das Leitthema des Abends lautete: „Wenn die Angst das Geld frisst“. Zehn Minuten nach Beginn waren wir noch nicht klüger geworden, aber der Dow Jones fiel noch einmal um fast hundert Punkte. Da wurde reichlich Geld gefressen, aber die Experten lächelten freundlich, weil wohl selbst bei den größten Hiobsbotschaften ein Fernsehgesicht nicht einfrieren darf. Nur bei Frank Plasberg, der wie ehedem Alfred Herrhausen die Sitzung stehend zu leiten pflegt, hatten sich in den letzten drei Wochen die Ernstfalten noch etwas tiefer eingegraben.
Die Teilnehmer seiner gestrigen Sendung standen bis kurz zuvor nicht fest. Mit Überraschungsgästen hatte Plasberg vor drei Wochen bei seiner ersten Sendung zur Finanzkrise gute Erfahrungen gemacht, als der zuvor unangekündigte Hilmar Kopper, früherer Vorstandssprecher der Deutschen Bank, allen Gesprächspartnern die Schau stahl und das eigene Unternehmen nolens volens beschämte, als er sein eigenes, äußerst konservatives Anlageportfolio enthüllte - ein Normalkunde, der solche Wünsche am Schalter geäußert hätte, wäre wohl verlacht worden, denn kein anderes Institut soll so viele Zertifikate verkauft haben wie die Deutsche Bank.
In drei Wochen das Staunen gelernt
Aber Kopper, der dem Verfasser dieser Zeilen in der Zwischenzeit nur bei der Eröffnung des Frankfurter Museums für Komische Kunst wiederbegegnet war, wo er sich als Redner jeden Scherz auf Kosten der Krise verkniff, kniff nun auch selbst, obwohl man wetten darf, dass Frank Plasbergs Crew sich um jeden Teilnehmer der vorangegangenen Sendung bemüht haben wird. Mit Ulrich Stockheim, ehemaliger Redakteur des „Wall Street Journals“ und jetzt Berater, war aber immerhin der größte Optimist der damaligen Sendung wieder mit dabei, der in den drei Wochen, wie er verriet, nicht nur das Staunen gelernt, sondern auch zehn Prozent seines Anlagevermögens in Gold umgeschichtet hat - ein Anlagetipp, den er seinerzeit von Hilmar Kopper bekommen haben könnte.
Um ihn reihten sich als weitere Kenner der monetären Materie Hermann Josef Tenhagen, Chefredakteur der Zeitschrift „Finanztest“, Stephan Paul, Professor für Finanzen und Kreditwirtschaft in Bochum (von Plasberg zum „Bankologen“ ernannt), Paul Nolte, notorischer Talkshowgast und im Nebenberuf Zeithistoriker an der Freien Universität Berlin (mutmaßlich also Geschichtologe), und Anton F. Börner als Präsident des Deutschen Groß- und Außenhandelsverbands. Die größte Uneinigkeit zwischen den Gästen bestand zwischen Stockheim und Tenhagen, denn letzterer warnte eindringlich vor Investitionen in Gold, weil das derzeit auch nur noch Spekulationsobjekt sei. Für Stockheim dagegen stellen seine goldigen zehn Prozent die letzte Reserve dar, die er im schlimmsten Fall zum Überleben gesichert sehen will.
Er schrie es fast in die Kamera: „Wir müssen uns vertrauen!“
Ansonsten war die Runde sich sofort einig. Alle hängt am Vertrauen, und Börner schrie es fast in die Kamera: „Wir müssen uns vertrauen!“ Fein gesagt, wenn woanders der Aktienkurs mittlerweile schon bei 9258 Punkten angelangt ist (um 16.09 Uhr New Yorker Zeit). Nun wird sicher kein amerikanischer Börsenmakler „Hart aber fair“ geguckt haben, aber das Unheimliche der gegenwärtigen Situation ist ja, dass es keine ruhige Minute mehr gibt, weil irgendwo anders garantiert gehandelt wird. Man war ja am vergangenen Wochenende schon froh, dass zur finanziellen Stützung der Hypo Real Estate bis zwei Uhr Montagmorgens Zeit war, weil dann in Tokio die Börse öffnete. Wie schön, dass die anderen Finanzplätze die Sonntagsruhe wahren. Für Politiker und Kommentatoren gibt es längst kein Wochenende mehr.
Stephan Paul erhob um viertel nach zehn die Forderung an die Runde wie an die Zuschauer, schlauer zu sein als die Meute, sich also nicht in die Schlangen an den Geldautomaten und Verkaufsschaltern einzureihen. Indessen war der aktuelle Dow-Jones-Zähler bei 16.09 Uhr stehengeblieben. Schockstarre? Oder wurde wie in Moskau der Handel ausgesetzt?
Angst um das eigene Konto, nicht um das eigene Land
Erstaunlich zurückhaltend zeigte sich Paul Nolte, der aber die originelle Beobachtung anbrachte, dass man noch vor kurzem über die dreistelligen Einkommen von Hartz-IV-Empfängern gestritten habe, um heute über staatliche Einlagengarantien über Höhen von 100.000 Euro pro Person zu debattieren. Was aber mag sich Plasberg davon versprochen haben, Nolte in eine Sendung einzuladen, die sich explizit („Ihre Fragen zur Finanzkrise“) praktischen monetären Ratschlägen verschrieben hatte? Als „Spezial“ war die planmäßige Sendung deshalb ausgewiesen, weil diesmal genau jene Fragen im Mittelpunkt stellen sollten. Die Debatte lief denn auch schnell nur noch unter vier Gästen, die sich zu Riester-Renten, Festgeldkonten oder Subprime-Anlagen austauschten, während sich für das von Nolte vertretene Thema, nämlich ob die Demokratie in Gefahr sei, wenn das Wirtschaftssystem kollabiere, keinen Zuschauer interessierte - alle von Plasberg verlesenen Fragen widmeten sich konkreten Befürchtungen, die das eigene Konto, nicht aber das eigene Land betrafen.
Natürlich gab es auch die bei „Hart aber fair“ obligatorischen Einspielfilme, die weitaus einseitiger argumentieren als der Moderator selbst. Zum Beispiel zeigte man die Monate alten Aufnahmen der Schlangen von um ihre Einlagen besorgten Kunden vor den Filialen der britischen Bank Northern Rock, nicht aber die aktuelleren Schlangen vor denselben Niederlassungen, nachdem die britische Regierung Teile des Instituts übernommen und deren Einlagen garantiert hatte - nur waren es dann Schlangen von Einzahlungswilligen, die aber auch nicht alle erfolgreich waren, weil mittlerweile die gesetzlich festgelegte Obergrenze an Einlagen erreicht worden ist.
Der sympathischste Rat des Abends
Auch obligatorisch: der Einzelgesprächsgast, dem sich Frank Plasberg etwa fünf Minuten alleine widmen darf. Diesmal war es der Psychologe Borwin Bandelow, der in „Hart aber fair“ als Angstforscher ausgewiesen wurde und dementsprechend vor allem vor Panik warnte. Für sein eigenes Geldvermögen, so Bandelow, bete er lieber, als es panisch umzuschichten. Das war der sympathischste Tipp, den Plasbergs Gäste zu bieten hatten.
Um 16.30 Uhr New Yorker Zeit war der Dow Jones wieder online und wies unverändert 9258 Punkte aus. Das dürfte wohl der Schlusskurs gewesen sein. Schade, man hätte so gerne die Kursentwicklung mit dem Diskussionsverlauf bei Plasberg korreliert. So mussten für die letzte halbe Stunde allein die Teilnehmer der Runde für Spannung sorgen. Immerhin schon um 22.43 Uhr nahm der Moderator zum ersten Mal das Wort vom Ende der Krise in den Mund, wenn auch nur im Irrealis und als Frage, ob man denn dann wieder solch exorbitante Entlohnungen von Managern dulden werde, wie wir sie bisher kannten.
Anton F. Börner relativierte als Unternehmer diese Suggestivfrage, wandte sich aber als ordentlicher Firmenpatriarch auch gegen eine Beteiligung der Mitarbeiter an Verlusten - sonst behandele man sie ja wie Eigentümer. Mitleidlos dagegen kommentierte Börner die Aktienkursentwicklungen, denn bei Aktionären handele es sich schließlich tatsächlich um Eigentümer. Wahre Kapitalisten müssen Spaß daran haben, wenn es hart auf hart kommt.
Wenn nichts mehr geht, werden Kartoffeln gepflanzt
„Bei vielen Zuschauerfragen haben wir schon Antworten gefunden“, freute sich Plasberg kurz vor Ende der Sendung. Ob diese Antworten, die meist gelautet hatten, dass man gar nichts ausschließen könne, die Fragenden befriedigt haben, sei dahingestellt. Ein letzter diesbezüglicher Block von Zuschauererkundigungen wurde dann von Hermann Josef Tenhagen im Alleingang und äußerst kompetent beantwortet. Da spätestens sah man, dass diesmal ein Einzelgespräch über 75 Minuten wohl besser gewesen wäre als die maßvolle Diskussion.
In der Schlussrunde wollte Plasberg übrigens noch wissen, wie sich seine Gäste bei völligem Vermögensverlust durchzuschlagen gedachten. Nolte würde Kartoffeln anbauen, Paul die Bochumer Hörsäle streichen, Tenhagen melken gehen und gleichfalls Kartoffeln pflanzen, Stockmann Vitello tonnato kochen und Börner sich in gleich vier Fremdsprachen als Lehrer verdingen, darunter im Italienischen, das er auch gleich verwendete: Non aver paura, cari amici, tutto passara. Keine Angst, liebe Freunde, es geht alles vorbei. Nur was?
Vertrauenbildendes Grinsen
H. Gebhardt (hgebhardt)
- 09.10.2008, 12:50 Uhr
"Hart aber fair Krise"
Christoph Runge (Chris271)
- 09.10.2008, 14:42 Uhr
Wertloses Geschwafel........
wolf haupricht (emilgilels)
- 09.10.2008, 16:28 Uhr
Vertrauensverhältnis per AGB
H. Gebhardt (hgebhardt)
- 09.10.2008, 18:51 Uhr
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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