05.05.2008 · Männertrauma und Mannesglück: Nerven mit Niveau, das ist eine der Qualitäten von Alice Schwarzer. Warum Alice Schwarzer größer als der Feminismus in Deutschland ist und sich den Börne-Preis verdient hat. Eine Lobrede.
Von Harald SchmidtAn diesem Sonntag im deutschen Mai 2008 haben wir zwei Anlässe zur Freude: Alice Schwarzer erhält den Börne-Preis, und ich kann endlich einmal in der Paulskirche sprechen. Sie sehen: Hybris, Anmaßung und Größenwahn sollen heute ebenso zu ihrem Recht kommen wie Emanzipation, Libertinage und Atheismus. Schließlich geht es um Ludwig Börne und Alice Schwarzer, um Heine, Goethe und Sartre, Simone de Beauvoir und den Weg des Feminismus vom Turban bis zum Kopftuch.
Wer ist Alice Schwarzer? Jeder kennt die Preisträgerin, die Ikone des Feminismus in Deutschland, Gründerin, Verlegerin und Chefredakteurin von „Emma“, der weltweit einzigen und unabhängigen feministischen Publikumszeitschrift, als Herausgeberin, Talkshow-Gastgeberin, Autorin, seit Jahrzehnten unermüdliche Streiterin für die Sache der Frau, wie Alice sie sieht.
Der mit Heine
Wer aber war Ludwig Börne? Nach den Maßstäben der Massenmedien - und vermutlich nicht nur nach diesen - ist Börne heute vergessen. In den gebildeten Ständen raunt man vielleicht noch: „War das nicht der mit Heine?“ Und wer sich das historisch nebulöse Gedächtnis von Zeitzeugen bewahrt hat, ist sich sicher: „Börne, der hat doch damals den Joschka in Turnschuhen vereidigt.“
Wer diese Beispiele für zu flapsig hält, war bei der letztjährigen Preisverleihung an Henryk M. Broder nicht anwesend. Denn im letzten Jahr wurde deutlich, dass in Sachen große Namen der Vergangenheit nicht nur Klarheit herrscht. Vor einem Jahr fiel an dieser Stelle auch durch den Laudator Helmut Markwort mehrfach der Name Ludwig Marcuse, Verfasser der gewissermaßen amtlichen Börne-Biographie. Ich aber, der damals unten im Volke saß, hörte es raunen: „Marcuse, Ludwig Marcuse ... heißt der nicht Herbert?“
Hübsche Hörbuchidee
Auch wieder richtig. Denn ein Marcuse kommt selten allein. Herbert Marcuse allerdings war bestenfalls ein entfernter Verwandter von Ludwig Marcuse, der bekannte Sexologe Max Marcuse dagegen (1877 bis 1963) könnte ein Cousin von Herbert gewesen sein. Nachzulesen auf www.marcuse.org. Empfohlene Werke von Max Marcuse sind „Die Gefahren der sexuellen Abstinenz für die Gesundheit“ (Leipzig, 1910) sowie „Über die Fruchtbarkeit der christlich-jüdischen Mischehe“ (1920). Letzteres vielleicht eine hübsche Hörbuchidee für Seriendarstellerinnen, die einmal raus wollen aus irgendeiner Schublade, in die man in Deutschland so schnell gesteckt wird.
Wer also war Ludwig Börne, geboren als Juda Löw Baruch am 6. Mai 1786 in Frankfurt am Main? Ein glänzender „Zeitschriftsteller“ (Börne), die „Niederkunft des Journalismus“ (Marcuse)? Oder haben die Experten recht, wenn sie sagen: „Ludwig Börne schuf die Voraussetzungen dafür, dass Marcel Reich-Ranicki endgültig das Feuilleton erfinden konnte“?
Warum Kelly und Bastian?
Als ich Alice Schwarzer vor wenigen Monaten anrief, um ihr mitzuteilen, dass sie die diesjährige Börne-Preisträgerin sein würde - ich glaube, ich war der Fünfte, der ihr das unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit mitteilte -, da musste ich ihr in die Hand versprechen, dasjenige ihrer Bücher zu lesen, welches ihr mit am meisten am Herzen liegt: „Eine tödliche Liebe“, die Geschichte von Petra Kelly und Gerd Bastian. Ich habe mich gefragt: Warum ausgerechnet dieses Buch?
Es scheint, als hätte Alice Schwarzer darin ihr Lebensthema dokumentiert: der gewaltbereite Mann und die wehrlose Frau; die Pazifistin Petra Kelly und der ehemalige, immer noch bewaffnete General Gerd Bastian, beide im Buch häufig „glühend“; zwei Idole der Friedensbewegung, deren gemeinsame Geschichte tragisch endet: Gerd Bastian hat die schlafende Petra Kelly erschossen und sich anschließend das Leben genommen. Petra Kelly, über die Alice Schwarzer schreibt: „Sie ist nicht das Kind von Eltern oder einer Mutter, sondern das einer Großmutter. In den Biographien von Rollenbrecherinnen (...) taucht diese Großeltern-Konstellation übrigens auffallend häufig auf.“ Auch in der Biographie von Alice Schwarzer.
Das ist nicht zimperlich
Entgegen der veröffentlichten Meinung, in der rasch von einem „Doppelselbstmord“ die Rede war, spricht Alice Schwarzer zu Recht von „Mord“ und „Selbstmord“. Ihr zentraler Vorwurf: „Die Verletzung männlicher Ehre (oder was man dafür hält) wiegt schwerer als die Auslöschung weiblichen Lebens.“ Das ist nicht zimperlich.
Drei Sätze genügen, um die EG in Brüssel zu beschreiben: „Die Migräne ist die häufigste Frauenkrankheit in der EG. Gegessen wird in der Kantine, geparkt in der Tiefgarage, drum herum nur Steinwüste. Ein Männerort, ideal für Überfälle und Vergewaltigungen.“ Dementsprechend reichte die Kritik von „gut recherchiert und flott geschrieben“ bis hin zu „journalistisch und moralisch ohne Niveau“. Einzelne Gesprächspartner distanzierten sich nach Erscheinen des Buches oder bestritten Zitate, der Sohn von Gerd Bastian erhob Vorwürfe. Die Entgegnungen Alice Schwarzers lassen sich in dem resoluten Satz zusammenfassen: „Ich habe es hier ganz schlicht mit einer Rufmordkampagne zu tun.“
Sie langt richtig hin
Alice Schwarzer schreibt mit heißem Herzen: „am Anfang sogar einfach drauflos“, wie sie selbst über ihr erstes Buch „Der kleine Unterschied“ sagt. Man könnte auch sagen: Sie langt richtig hin. Im Nachwort schreibt sie: „In all den Monaten, in denen ich mich mit dem Fall Kelly/Bastian beschäftigte - in denen ich mit Menschen ihrer Umgebung sprach, Artikel über sie und Texte von ihnen las -, in all diesen Monaten stieg von Tag zu Tag mein Verständnis für die Verzweiflung Bastians und mein Befremden über das Verhalten Kellys. Ja, Kelly hat genervt. Aber - seit wann steht auf Nerven Todesstrafe?“
Eine unmissverständliche Frage. Und ebenso einleuchtend, dass sie von Alice Schwarzer gestellt wird. Seit wann steht auf Nerven Todesstrafe? Denn wenn es um ihre Herzensangelegenheiten geht, beispielsweise den Kampf gegen den religiösen Fundamentalismus, dann kann auch Alice Schwarzer nerven, denn das ist eine ihrer großen Qualitäten. Und damit kein Missverständnis aufkommt: Nicht jede, die nervt, hat auch die Qualitäten von Alice Schwarzer.
Das privateste und öffentlichste Leben
Für Börne, den Klotz auf den deutschen Keil, der es in seinen Pariser Briefen nicht an Grobheit hat fehlen lassen, war es unverzichtbar, sich bei der Erforschung der Wahrheit die Leidenschaft, den „Gaumen des Geistes“, zu bewahren. Nichts war bezeichnender für Börnes Art als die Verschmelzung von Kampf und Privatperson. Sein Leben wurde zugleich das privateste und das öffentlichste. Es gab keine Zweiteilung.
Börne führte einen lebenslangen Feldzug gegen Goethe, den Olympier, der heute wahrscheinlich auch schon vergessen wäre, läge sein Geburtshaus hier in Frankfurt nicht unmittelbar neben dem Volkstheater Liesl Christ. Für Börne war Goethe der „graue Star im deutschen Auge“, der sich bereits im „Werther ausgeliebt, abgebrannt, zum Bettler geschrieben hatte“. Solche Urteile erfrischen, sie sind geradezu programmatisch für Feuilletonisten, und wir können es Goethe gar nicht hoch genug anrechnen, dass er trotzdem noch den einen oder anderen Text zu Papier gebracht hat.
Goethes Gleichgültigkeit
Börne verübelte Goethe weniger dessen literarische Übermacht als vielmehr seine politische Gleichgültigkeit: „Nie hat er ein armes Wörtchen für sein Volk gesprochen, er, der, früher auf der Höhe seines Ruhmes unantastbar, später im hohen Alter unverletzlich, hätte sagen dürfen, was kein anderer wagen durfte.“ Näher bei den Menschen war Börne, der seine Hand zur Reinigung ins Feuer halten wollte, sollte sie ihm ein König drücken. Im Gegensatz zu seinem zweiten großen Gegner Heine, der erklärte, „dass ich, wenn mir das Volk die Hand gedrückt, sie nachher waschen werde“.
Wie hätte sich in beiden Fällen wohl der Mann verhalten, bei dem Alice Schwarzer einst im schicken Minikleid und mit langem Blondhaar zum Interview erschien: Jean-Paul Sartre? Zugegeben, ein etwas abrupter Übergang, aber ebenso plötzlich stand Simone de Beauvoir damals in der Wohnung und schaute streng auf die junge Interviewerin. Sartre, über den Susan Sontag in ihrem Tagebuch schrieb: „Ich sah einen Mann, der wie Jean-Paul Sartre aussah, nur noch hässlicher war und hinkte und Jean-Paul Sartre war.“ Und Truman Capote fand, dass im Café „Sartre und seine altjüngferliche Braut auf der Bank saßen wie zwei vergessene Bauchrednerpuppen“. So weit die Auskünfte von zwei befreundeten Querdenkern.
Aus Stolz und Empörung Feministin
Für Alice Schwarzer, nicht „aus Demütigung und Verzweiflung, sondern aus Stolz und Empörung Feministin geworden“, war die Begegnung mit Simone de Beauvoir von entscheidender Bedeutung. Von Paris aus hat sie 1971 begonnen, die „Stern“-Aktion zu organisieren: „Ich habe abgetrieben und fordere das Recht dazu für jede Frau.“ Heute wissen wir, dass einige Frauen mitgemacht haben, ohne abgetrieben zu haben. Im Kampf gegen den Paragraphen 218 gab es aber wahrscheinlich keine Aktion, die für mehr Aufmerksamkeit und Auseinandersetzung sorgte. Die Frauenbewegung der siebziger Jahre in Frankreich hieß auch: „Wir haben uns wie Bolle amüsiert. Feste. Feste. Feste.“ Das musste den Repräsentantinnen der deutschen Basis erst noch vermittelt werden.
Alice Schwarzer kann heute als Beauvoirs Botschafterin in Deutschland gesehen werden, Botschafterin der Frau, deren Bücher vom Papst auf den Index gesetzt wurden und die wegen Verführung Minderjähriger aus dem Schuldienst entlassen wurde. 1973 interviewte Alice Schwarzer Sartre und de Beauvoir. Unsere Freunde von den People-Magazinen würden es heute vielleicht das ehrliche Doppelinterview nennen, denn sie sprachen über Geld, grässliche Mutterliebe und den Rücken der anderen.
Glücklich, dem entkommen zu sein
Auf diesem Rücken der anderen wurde oft ausgetragen, wenn Sartre oder Beauvoir, sich neuen Partnern zuwandten. Man benahm sich dann, so Beauvoir „den Leuten gegenüber nicht sehr korrekt“. Auf die Frage von Alice Schwarzer, ob es im Leben der französischen Freundin Momente gegeben habe, in denen sie bedauerte, kein Kind zu haben, antwortete die Tochter aus gutem Hause: „Überhaupt nicht! (...) Ganz im Gegenteil, wenn ich die Beziehung der Frauen, die ich kenne, mit ihren Kindern sehe, vor allem mit den Mädchen, wirklich, das erscheint mir oft grässlich. Ich bin glücklich, dem entkommen zu sein.“
Klare Worte einer Frau, die am Ende ihres Lebens allerdings nicht einmal den Melkschemel aus dem Elsass erhielt, der Sartre lebenslang begleitet hat. Hier entdecken wir doch einen sanften Widerspruch zu dem, was Börne in seiner „Fastenpredigt über die Eifersucht“ schrieb: „Frauen verstehen die Liebe der Männer nicht zu schätzen. (...) Es ist ihre ewige Täuschung, dass ihre Liebe größer sei, denn sie wähnen zu geben, wenn sie empfangen. Das Weib lebt nur, wenn es liebt, es findet sich erst, wenn es sich in einem Mann verliert. Das Herz der Frauen wird leer geboren, und nichts darin hat dem Bilde eines geliebten Mannes erst den Platz zu räumen.“
Die Anti-Heidi-Klum
Diese Ansicht könnte der anständige, normale, metrosexuelle deutsche Mann aus tiefstem Herzen bejahen, müsste er sich nicht gerade in diesen Tagen auf den neuen Feminismus einstellen. Hier allerdings ist Alice Schwarzer entschieden der Ansicht, wir brauchen keinen neuen Feminismus, sondern nur genügend Elan, um den alten endlich umzusetzen. Für uns Männer wäre das hilfreich, denn eine neue, dritte Welle des Feminismus würde auch seine bisherigen literarischen Protagonisten fortspülen: Bret Easton Ellis und Michel Houellebecq. Vorbei die schönen Tage, in denen perfekte Hardbodies nach der Penetration mit dem Bolzenschussgerät aufs Parkett genagelt wurden. Es lebe die unperfekte Frau, die Anti-Heidi-Klum.
Glücklich der Mann, welcher aufmerksam seine Germaine Greer gelesen hat und schon 1971 wissen konnte: „Was ihre physische Erscheinung betrifft, leiden Frauen unter Gehirnwäsche. Ihre Haltung dem eigenen Körper gegenüber ist oft apologetisch, denn sie vergleichen ihn mit dem plastischen Objekt des Begehrens, das durch die Medien verbreitet wird.“
Rasierte gegen Unrasierte
Nachdem also die Generation „Fünfzig plus“ gerade einen frechen Angriff der Jungen auf unsere Renten abgewehrt hat, droht uns jetzt ein neuer schmutziger Krieg: Rasierte gegen Unrasierte, Gewaschene gegen Ungewaschene. Was bisher nur eine arbeitsmarktpolitische Dimension hatte, bedeutet jetzt eine Erweiterung tief hinein ins Erotische. Moderne junge Frauen wehren sich gegen die Diktatur der Mode- und Hygieneindustrie, wer sich wäscht und rasiert, kriegt vielleicht einen Job, wird aber nie erfahren: „Sexualität ist Wahrheit“, so die Überschrift in unserem geliebten Sonntags-Feuilleton.
Liebe Freundinnen und Freunde, die deutsche Frau, die einmal so sauber war, dass man von ihr essen konnte, glaubt heute, dass es „vom echten Sex, dem Sex, der riecht und schmeckt und schmutzige Geräusche macht, nie genug geben kann“. Wem das zu theoretisch ist, der lese die Werke von Freud, das Rabelais-Buch von Michail M. Bachtin oder das Darwin-Buch von Winfried Menninghaus oder umgekehrt, er schaue mit Lessing auf Laokoon und überprüfe das Ganze hinterher bei Richard Sennett. Das ist das mindeste, was man zur theoretischen Unterfütterung tun sollte, will man eine der zentralen Thesen des neuen Feminismus in ihrer ganzen Tiefe begreifen: „Wo ein Kinderkopf rausgeht, geht auch ein Duschkopf rein.“
Vati spart sich den Weg
Oder Sie schauen einfach mit der Familie „Germany's Next Top Model“. Damit man halt weiß, was die Tochter so schaut. Pünktlich zum hundertsten Geburtstag von Simone de Beauvoir - also exakt einundsechzig Jahre nach deren erstem Orgasmus dank Nelson Algren, wie wir auch von Alice Schwarzer erfahren - spart sich Vati den Weg in die Münzkabine am Hauptbahnhof, denn er kann jetzt in aller Ruhe vor dem Fernseher minderjährige Mädchen in Unterwäsche über Zechenhöfe stöckeln sehen. Er sieht, wie sie sich lasziv im Kühlhaus räkeln, ohne dass er sich dabei vom heimischen Sofa entfernen muss.
Da hat es die „PorNO“-Kampagne von Alice Schwarzer natürlich nicht ganz einfach. Ja, Frauen wollen Pornos! Übrigens - wir Männer haben auch nie etwas anderes behauptet. Noch wollen sie Pornos eher als Zuschauerinnen, mit zunehmender Verelendung der Mittelschicht aber auch immer häufiger vor der Kamera.
Bitte raushalten aus dem Tagesgeschäft
Wohin wir auch schauen, wir sehen nichts als unabhängige, selbstbestimmte Frauen, die sich mit Mitte dreißig noch immer Mädchen nennen. Wenn man die Interviews dieser alten Mädchen liest, fällt auf, dass für sie Alice Schwarzer eine ähnliche Bedeutung hat wie Franz Beckenbauer für den Fußball: Wir werden nie vergessen, dass sie den Feminismus nach Deutschland geholt hat, aber aus dem Tagesgeschäft soll sie sich bitte raushalten.
Wenn dem so ist, dann sag mir, wo die Girlies sind. An der Spitze unserer Dax-Unternehmen jedenfalls nicht. In der gleichen Gehaltsklasse wie Männer auch nicht. Und was die berufstätigen Mütter betrifft, Chapeau, da ist unser Land auf einem guten Weg. Wer es sich leisten kann, organisiert Kinderbetreuung privat, alle anderen gebrauchen gern den Euphemismus Kindergarten für die Verwahranstalten, in denen häufig Burn-out-Tanten Ende fünfzig seit vierzig Jahren „Die Reise nach Jerusalem“ spielen. In der einschlägigen Literatur wimmelt es nur so von Spitzenjuristinnen, Ministerinnen und der Landesbischöfin, die das Erfolgsmodell „berufstätige Mutter“ vorleben. Wir Männer wünschen uns beim Lesen nur, dass es dann und wann auch die alleinerziehende Kassiererin bei Lidl mit ihrer Philosophie in einen Absatz schafft.
Größer als der Feminismus
Liebe Alice Schwarzer, unsere transatlantischen Partner kennen die schöne Formulierung „to be bigger than life“. Es gibt Sportler, die sind größer als ihr Sport - Muhammad Ali war so einer -, Schauspielerinnen, die größer sind als das Kino - Bette Davis zum Beispiel. Du, liebe Alice, bist größer als der Feminismus in Deutschland.
So wie es viele gab, die mal wegen Willy in die SPD gegangen sind, so bin ich deinetwegen rein in den Feminismus. Esther Vilar, Verona Feldbusch oder Sepp Maier: Sie alle pflastern deinen Weg! Das ist vielleicht etwas knapp zusammengefasst, aber ich berufe mich hier auf Börne, der über Heine geschrieben hat: „Es ist Heine ganz einerlei, ob er schreibt: Die Republik ist die beste Staatsform oder die Monarchie. Er wird immer nur das wählen, was in dem Satz, den er eben schreiben will, gerade einen besseren Tonfall macht.“
Alice Schwarzer hat als Autorin die Fähigkeit, die Fakten als Startrampe zu benutzen und sich dann hinauftragen zu lassen zum großen Flug um der gerechten Sache willen. Manchmal ist man als Leser nicht ganz sicher, wo sie landet, aber der Hitzeschild hält, auch wenn sich beim Wiedereintritt in die Welt der Erniedrigten und Beleidigten die eine oder andere Kachel löst. Nun aber genug der brillanten Metaphern aus dem Baumarkt für Gelegenheitsstilisten. Wir gratulieren mit den Worten Ludwig Börnes, geschrieben am Vorabend des Erscheinens der „Wage“: „Eines ist, was nützt: die Klarheit. Eines ist, was besteht: das Recht. Eines ist, was besänftigt: die Liebe.“