Home
http://www.faz.net/-gsf-70ju2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Hans-Werner Sinn Renoviert das Bad, und werdet mündige Bürger!

Hans-Werner Sinn ist der bekannteste deutsche Ökonom. Wir baten ihn, darzustellen, welche Gefahren drohen, welche Chancen bestehen und wie man sich verhalten könnte. Es wurde ein Exkurs weit über die Ökonomie hinaus zu Fragen der Geschichte, der Moral und simpler Mathematik.

© Röth, Frank Vergrößern Hans-Werner Sinn - ein unaufgeregter Mann, dem derzeit ganz schön mulmig wird

Es entsteht gerade ein anderes Europa. Hans-Werner Sinn, der das sagt, ist der bekannteste deutsche Ökonom, und er meint es ökonomisch. Aber nicht „nur“ ökonomisch, sondern im Blick auf alle auch politischen Folgen, die sich aus der Wirtschaft ergeben. Man organisiere derzeit einen öffentlichen Kreditfluss, der die deutschen Ersparnisse nach politischen Gesichtspunkten in Länder der südlichen Peripherie lenkt. Durch politische Entscheidungen seitens der EZB, durch den immer größer werdenden Rettungsschirm werde privaten Anlegern die Entscheidung abgenommen, wo sie investieren, und ein öffentlicher Geleitschutz für das Kapital organisiert, der es dahin leitet, wo es sich eigentlich aus guten Gründen nicht mehr hintraut.

Jürgen Kaube Folgen:    

Man muss sich Hans-Werner Sinn als einen ziemlich unaufgeregten Menschen vorstellen. Aber die europäische Finanzpolitik stellt seine Gelassenheit auf eine ziemliche Belastungsprobe. Es wiederholt sich für ihn nämlich derzeit genau ein Fehler, der auch zur Krise führte. Dass die armen und die reichen Länder sich zusammenschließen, dass Kapital wegen der Lohnunterschiede von den reichen in die armen fließt, das sei im Prinzip nicht falsch. Denn in den armen Ländern kann das Kapital viel mehr bewirken als bei uns. Nur hatte dieser Prozess zu viel Eigendynamik bekommen, es hat eine Inflationsblase gegeben, die Immobilienpreise sind gestiegen, die Leute haben gedacht, diese Preise steigen immer weiter, haben investiert, dann stiegen sie erst recht, und dadurch ist ein Zug mit Macht in Bewegung gekommen, der überhaupt nicht mehr zu stoppen war und weit, weit über das Ziel hinausgeschossen ist.

Probleme mit der Druckerpresse gelöst

Die Preise und Löhne jener Länder stiegen, finanziert durch billige Kredite, in den Himmel, weit über die Produktivität hinaus, und die Länder verloren ihre Wettbewerbsfähigkeit. Das führte zu immer größeren Außenhandelsdefiziten, die immer mehr Kredite verschlangen. Aber dann verweigerte sich das Kapital, weil die amerikanische Finanzkrise alle nervös gemacht hatte, und man befürchtete, dass die Südländer sich übernommen hatten. Der Kredit, den die deutschen Banken und Versicherer direkt oder auf dem Wege über ihre französischen Kunden nach Griechenland geleitet hatten, floss nicht mehr. Daraufhin, so Sinn, haben diese Länder ihr Problem mit der Druckerpresse gelöst. Die Griechen wollten das deutsche Auto immer noch und druckten sich das Geld, das sie brauchten, um es zu kaufen.

Mehr zum Thema

Wie das gehen soll? Vor der Krise floss das Geld beispielsweise von Paris nach Athen, weil eine französische Bank es nach Griechenland verlieh, die Griechen kauften sich ein deutsches Auto, und das Geld floss wieder aus Griechenland heraus. Jetzt fließt nur noch Geld aus Griechenland heraus. Genau dieser Nettogeldabfluss wird durch den sogenannten „Target-Saldo“ gemessen. Der Geldbestand in Griechenland wird so aber immer geringer. Also wird Geld „nachgedruckt“, elektronisch, nicht in Papier und Münzen. Daher messen die Target-Salden, die eigentlich nur den Geldabfluss aus Griechenland messen, das ist Sinn als erstem Ökonomen aufgefallen, indirekt auch das Nachdrucken von Geld. Es ist also ein Maß für den Ersatz der privaten Kreditflüsse durch die Druckerpresse.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Schuldenkrise Die Griechen haben ihr Geld außer Landes geschafft

Im Januar sind 27 Milliarden Euro ins Ausland abgeflossen – und die Wirtschaft schrumpft noch stärker als befürchtet. Das Risiko für Deutschland wächst. Ifo-Präsident Hans Werner Sinn fordert ein Ende der Notkredite von Notenbanken. Mehr Von Johannes Pennekamp und Tobias Piller

27.02.2015, 16:52 Uhr | Wirtschaft
Griechen in Deutschland Geld ist nicht alles."

Im Feinkostladen von Jioannis Sotiriadis in Berlin-Kreuzberg wird zwei Tage vor der griechischen Parlamentswahl eifrig über die verschiedenen Optionen diskutiert. Wie viele Griechen glaubt auch er, dass es in Athen an der Zeit für einen Wechsel ist. Mehr

24.01.2015, 12:49 Uhr | Politik
Ein Gespräch beim Griechen Anschreiben? Ich bin doch keine Bank

Alle schauen auf die Griechen. Wir sitzen beim Griechen und reden. Über faule Südländer, Politiker, Schafskäse und deutsche Propaganda – mit Menschen, die beide Länder kennen. Mehr

23.02.2015, 14:22 Uhr | Gesellschaft
Griechenland-Wahl Merkel bestärkt Rückhalt für Griechen

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat kurz vor den anstehenden Wahlen in Griechenland dem Land ihren Rückhalt zugesagt: Unsere ganze Politik ist darauf gerichtet, dass Griechenland ein Teil des Euroraumes ist. Das werde auch so bleiben. Mehr

19.01.2015, 16:08 Uhr | Politik
TV-Kritik: Anne Will Fifty Shades of Griechenland

In der Beziehung zwischen Griechen und Euro-Partnern herrscht mehr Frust als Lust. Kann man sich überhaupt noch vertrauen, fragte Anne Will ihre Gäste. Aber zuerst muss sie klären: Wer knebelt hier eigentlich wen? Mehr Von Johannes Pennekamp

26.02.2015, 04:04 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.06.2012, 16:06 Uhr

Helikopterkinder

Von Sandra Kegel

Knatternde Rotorenblätter, aufheulende Martinshörner, durchdringende Megaphon-Durchsagen: Wenn Hessens Abiturprüfungen auf die EZB-Eröffnung treffen. Mehr 8