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Veröffentlicht: 14.12.2015, 12:31 Uhr

Klimaforscher Schellnhuber Der Widerstand in Paris war erstaunlich kraftlos

Ist der überraschende Konsens bei der Weltklimakonferenz in Paris nur ein Zeichen dafür, wie schwach der Vertrag ist, auf den sich alle einigen konnten? Ein Interview mit dem Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber.

© Polaris / StudioX Beriet schon Angela Merkel und den Papst in Klimafragen: Hans Joachim Schellnhuber

Herr Schellnhuber, das Pariser Klimaabkommen muss so, wie es jetzt angenommen wurde, für Sie doch ein gehöriger persönlicher Triumph sein. Hat sich die von Ihnen ja nicht immer geliebte Rolle der Kassandra damit gelohnt?

Ein Triumph ist das vor allem für Vernunft und Moral, und für die Weltgesellschaft. Aber wie alle Triumphe muss man auch diesen mit einem kleinen Vorsichtsvermerk versehen. Ich meine das 1,5-Grad-Ziel, das im Vertrag erwähnt wird. Das müssen wir jetzt erst mal alle zusammen hinkriegen.

Wie können Sie sich diese kollektive Hinwendung zu einer 1,5-Grad-Erwärmung erklären, die ja technisch gesehen fast eine Illusion bleiben muss?

Keine Illusion, aber eine Herausforderung, das schon. Dahinter steht Psychologie. Die Zwei-Grad-Grenze für die globale Erwärmung wurde nach einem jahrelangen Prozess als ein Ziel angesehen, das vom Norden entwickelt wurde, von den Industrieländern und von der Wissenschaft, die vorwiegend in den reichen Ländern stattfindet. Wissenschaftlich gesehen hat sich herausgestellt, dass wir tatsächlich besser unter zwei Grad bleiben sollten, um die größten Klimarisiken zu vermeiden. Die Entwicklungsländer aber haben die 1,5 Grad wohl gebraucht, um eine eigene Klimaschutz-Identität zu entwickeln. Sie wollten selbst Akteur sein, und etwa für die kleinen Inselstaaten geht es hierbei wirklich um die Existenz, Stichwort Meeresspiegelanstieg. Die 1,5 Grad sind ein Symbol dafür geworden, dass der Süden sich nicht die Politik des Nordens aufdrücken lassen will. So haben wir jetzt einen Korridor, eine Art Landebahn bekommen, auf die wir das Erdsystem draufsetzen müssen. Auf ein Zehntel genau wird man die Landung sowieso nicht hinkriegen können. Wichtig ist, den Sinkflug jetzt rasch zu beginnen.

Wir sind schon bei einem Grad Erwärmung heute. Was passiert, wenn wir die 1,5-Grad-Marke überschreiten?

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1,5 Grad ist die bessere Grenze für die Erwärmung, jenseits von zwei Grad wird es richtig gefährlich. Wir sind nicht in der Lage, vorherzusagen, was genau wann passiert. Wir können aber sagen, dass es sich um jedes Zehntelgrad zu kämpfen lohnt. In Grönland zum Beispiel beginnt nach unseren Studien ab ungefähr 1,6 Grad Erwärmung das irreversible Abschmelzen. Aber natürlich gibt es da einen Unsicherheitsbereich von ein paar Zehntelgrad.

Vor Paris hörte man immer wieder, sogar von der Bundesumweltministerin, die dann zu einer der glühendsten Verfechterin geworden ist, dass es praktisch kaum zu vermeiden ist, die 1,5 Grad zu überschreiten.

Das ist auch wahrscheinlich fast unvermeidlich, zumindest ein zeitweises Überschießen über diese Zielmarke. Wie wir dann dahin zurückkommen, das wird sich daran zeigen, wie wir dieses Ziel operationalisieren.

Was also, wenn es scheitert? War es nicht auch deshalb ein gewagter Schritt, noch ehrgeizigere als die ohnehin schon schwer zu erreichenden zwei Grad zu setzen, weil es den Kritikern in die Hände spielt, die der Klimapolitik seit Jahren vorhalten, wie manisch und illusionär sie agiert?

Ich war durchaus überrascht, als ich hörte, dass sich die deutsche Umweltministerin jetzt auch hinter die 1,5 Grad stellt. Was ich grundsätzlich begrüße, um die Klimarisiken zu begrenzen. Es ist auch gedeckt von unseren Erkenntnissen über die Kippelemente des Klimas, die irreversiblen Veränderungen in der Umwelt. Wir haben eine Studie gemacht in Potsdam, die zeigt, dass es technisch möglich ist, die 1,5 Grad einzuhalten. Aber dann muss die induzierte Implosion der Fossilwirtschaft auch wirklich sofort eingeleitet werden. Deutschland kann und muss seine Klimapläne in dieser Hinsicht weiterentwickeln. Momentan zeigt die Kurve aller von den Staaten der Welt versprochenen Emissionsreduktionen aber wie eine Rampe nach oben auf drei Grad. Das heißt, auch diese Ziele müssen schnell nachgeschärft werden. In vierzig Jahren wird niemand mehr mit Verbrennungsmotor unterwegs sein und keiner wird mehr Kohle verbrennen.

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