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Sachbücher des Jahres

Hamed Abdel-Samad im Gespräch Demokratie ist nicht die Herrschaft Gottes

In Ägypten hat ein Fernsehprediger zu seiner Ermordung aufgerufen: Der deutsch-ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad über die Legitimation Mursis, den sanften Putsch und die Rolle der Religion in der Politik.

© dpa Vergrößern Für Demokratie in Ägypten: der deutsch-ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad

Herr Abdel-Samad, nachdem Sie bei einem Vortrag in Kairo den Islamismus als Form des Faschismus bezeichnet hatten, für dessen Ausbreitung Sie die Muslim-Brüder verantwortlich machten, wurde in Ägypten Anfang Juni im Fernsehen zu Ihrer Ermordung aufgerufen. Trotzdem waren Sie noch eine ganze Weile dort. Warum?

Weil Ägypten mein Land ist. Und weil ich juristische Schritte gegen die Menschen unternehmen wollte, die den Mordaufruf gemacht haben.

Welche Unterstützung hat der Mordaufruf in der Bevölkerung?

Es gibt leider eine Generation in Ägypten, die aufgewachsen ist mit diesen Fernsehpredigern, die sie sehr achtet, die auf sie hört und natürlich auch auf solche Aufrufe reagiert. Meine Facebook-Seite und meine Mailbox waren voll von Drohungen und Beschimpfungen. Aber die Mehrheit der Ägypter distanziert sich von solchen Mordaufrufen. Die Mehrheit der Ägypter ist auch mit mir nicht einer Meinung, und sie kritisiert meine Haltung, aber sie will nicht so weit gehen, dass sie einen Menschen umbringt, nur wenn er seine Meinung sagt.

In Ägypten sucht die Opposition den offenen Machtkampf mit Präsident Mursi. Das Militär hat ein Ultimatum gestellt, was einer Putschdrohung gleichkommt. Wäre eine undemokratische Ablösung des demokratisch gewählten Präsidenten ein Schritt in die richtige Richtung?

© F.A.Z., Verlagsgruppe Droemer Knaur, F.A.Z. Audio: Interview mit Hamed Abdel-Samad

Der Präsident wurde von dreizehn Millionen Ägyptern gewählt, es gehen mehr als vierzehn Millionen Ägypter auf die Straße und fordern seine Ablösung. Demokratie besteht nicht nur aus der Wahlurne. Dieser Präsident hat gegen alle demokratischen Gepflogenheiten verstoßen, er hat mit Demokratie nichts zu tun. Es ist kein Militärputsch aus meiner Sicht, sondern ein sanfter Putsch, um diese Bewegung zu unterstützen. Die Armee kümmert sich um die Sicherheit in Ägypten, aber sie macht sich auch Sorgen um die wirtschaftliche Lage Ägyptens. Jetzt muss die Armee die Handbremse ziehen.

Viele Menschen sind in Ägypten auf der Straße, sehr unterschiedliche Menschen. Kann die Gesellschaft über so etwas Schwieriges wie Religionsgrenzen hinweg zusammenfinden?

Die Gesellschaft ist gespalten, aber die Mehrheit ist für Rechtsstaatlichkeit und für Einigung unter allen Gruppen. Die Islamisten ließen aber mit sich nicht reden. Jetzt haben sie es zu tun mit der Wut des Volkes. Jetzt haben die Muslim-Brüder drei Möglichkeiten: Entweder entscheiden sie sich für eine vernünftige Lösung, das heißt, sie müssen Mursi opfern und eine Einigung mit der Opposition finden für eine nationale Einheitsregierung. Oder für eine strategische Lösung, dass sie sich vollständig zurückziehen aus der Politik, wieder in die Opferrolle geraten, in der sie sich wohlfühlen, die Sympathien der Menschen zurückgewinnen und irgendwann zurückkehren als eine starke Opposition. Die dritte Lösung ist die algerische Lösung: auf Konfrontation gehen, mit Gewalt gegen den Willen des Volkes vorgehen und durch Terror die neue Macht in Ägypten angreifen. Das wäre Selbstmord für die Muslim-Bruderschaft.

Welche Chance hat ein kooperativer Weg, wenn eine Partei für sich in Anspruch nimmt, in Besitz der absoluten Wahrheit zu sein?

Demokratie ist die Herrschaft des Volkes, nicht die Herrschaft Gottes. Demokratie entsteht, indem Menschen, die unterschiedliche Interessen haben, miteinander verhandeln und einen Kompromiss finden. Aber wenn jemand sagt, das sind die Gesetze Gottes, die sind nicht verhandelbar, dann kann man mit ihm natürlich keine Einigung erzielen. Deshalb müssen sie sich von diesem Absolutismus lösen, auf dem Boden der Realität ankommen und als Vertreter politischer Ideen und nicht als Repräsentanten Gottes auf Erden auftreten.

Haben Religionen eine wichtige Funktion in der Gesellschaft?

Religionen sind wichtig für die Gesellschaft, aber wenn Religionen sich einmischen in die Politik, egal, welche Religionen, dann kommt es zu Komplikationen, gerade in Gesellschaften, die multiethnisch und multireligiös sind. Das gehört nicht zu einem demokratischen Staat, sondern es legt die Saat für einen Bürgerkrieg.

Wie schätzen Sie die Rolle der Religion in Deutschland ein?

Die Islam-Debatte, die gerade in Deutschland geführt wird, wäre sinnlos, wenn sie nicht dazu führen würde, dass man auch mehr Säkularisierung wagte in Bezug auf die christlichen Kirchen. Die Lösung kann niemals sein, dass man den Islam mit den Kirchen gleichstellt, dass der Staat auch für die Muslime Steuern eintreibt und dass sie genau das gleiche Mitspracherecht in den Medien und im Gesundheitswesen haben. Die Muslime sollten nicht die gleichen Privilegien wie die Kirchen bekommen. Die Kirchen müssten auf einige Privilegien verzichten.

Sie leben nun in einer akuten Bedrohungssituation. Was erwarten Sie vom deutschen Staat?

Ägypten braucht Deutschland, da muss der deutsche Staat in der Lage sein, mehr Druck auf die ägyptische Regierung auszuüben, um solche Mordaufrufe zu verurteilen und auch die Urheber zur Rechenschaft zu ziehen. Es war eigentlich eine Vorführung, dass der Außenminister Westerwelle am 13. Juni von der ägyptischen Regierung verlangte, sich von den Mordaufrufen zu distanzieren, und zwei Tage später empfängt Mursi Assem Abdel Maged, der den Mordaufruf gemacht hat, und umarmt ihn öffentlich, vor laufender Kamera. Das ist eine Farce, und die deutsche Regierung darf sich so etwas nicht gefallen lassen.

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Die Fragen stellte Holger Detmering.

Quelle: F.A.Z.

 
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