Home
http://www.faz.net/-gsf-ryz5
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 16. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hamas Was ist islamische Kultur?

09.03.2006 ·  Kampflieder, die Selbstmordattentäter verherrlichen: Die islamischen Fundamentalisten haben längst eine eigenständige Kultur geschaffen. Das langfristige Ziel ist die Umerziehung der Gesellschaft.

Von Joseph Croitoru
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Der Wahlsieg der palästinensischen Islamisten-Organisation Hamas ist symptomatisch für die Entwicklung der arabischen Kultur. Man darf ihn keinesfalls isoliert betrachten, sondern sollte ihn als Teil eines inzwischen unübersehbaren allgemeinen Trends erkennen, der sich in Ägypten und neuerdings im Irak zeigt.

Die islamistische Auffassung von Kultur scheint auch deshalb immer mehr an Einfluß zu gewinnen, weil sie angesichts der Überflutung durch die westliche Unterhaltungskultur - die Fundamentalisten nennen es „kulturelle Invasion“ - eine gänzlich andere Orientierung verheißt, nämlich die für Muslime angeblich moralisch richtige.

Eine eigenständige Kultur

Im Westen, auch hierzulande, wird häufig übersehen, daß die islamischen Fundamentalisten in den vergangenen Jahrzehnten eine eigenständige Kultur geschaffen haben, um die islamische Tradition, wie sie sie verstehen, zu bewahren und zu pflegen. Diese Kultur baut zwar hauptsächlich auf das religiöse islamische Erbe, kommt aber gleichzeitig modern daher und ist häufig, je nach Land, auch nationalistisch gefärbt. Sie umfaßt nicht nur die traditionell gestimmte religiöse Dichtung, sondern eine Vielfalt an künstlerischen Ausdrucksformen, neben religiösem Theater vor allem die islamistisch geprägte Populärmusik samt Videoclips und sogar die bildende Kunst.

Bei alldem sprechen die Islamisten von „fan islami“, was „islamische Kunst“ bedeutet, wobei das arabische Wort „fan“, analog zum griechischen „techne“, in erster Linie eine Kunstfertigkeit bedeutet. Der Vergleich mit dem Griechischen liegt nahe, da der Islam Teile der antiken Überlieferung aufgenommen hat: Auch der griechische Künstler galt als Handwerker, die Kunst war der Religion, der mythologischen Welt der Götter, untergeordnet - im islamischen Fall ist es die Welt des Korans und der islamischen Geschichte, die den Überbau liefert. Insofern handelt es sich also nicht nur um eine Parallel- oder Alternativkultur, sondern um eine ausgesprochen militante Gegenkultur zur westlichen.

Popähnliche Musik

Die Hamas etwa pflegt, wie andere Islamisten-Bewegungen, eine global ausgerichtete islamische Dichtung sowie eine popähnliche Musik, in der die Ehrfurcht vor Gott besungen und der Prophet Mohammed und seine Weggefährten gepriesen werden. Aber sie hat auch ihre eigenen nationalen und, nicht zu vergessen, islamistischen Symbolfiguren, die, sofern sie von Israels Armee liquidiert wurden oder sich selbst in die Luft gesprengt haben, als Märtyrer verehrt werden. Für die Kulturbeauftragten der Hamas ist es indes ein besonderer Glücksfall, daß manch einer ihrer getöteten Anführer zu seinen Lebzeiten zur Feder gegriffen hat. So konnte die Hamas-Zeitschrift „Filastin al-Muslima“ in ihrem Kulturteil unlängst mit einer literarischen Sensation aufwarten: der Entdeckung zweier unbekannter Gedichte von Scheich Jassin, der 2004 von den Israelis ermordet wurde.

Diese soll der Gründungsvater der Hamas im israelischen Gefängnis nach einem Besuch seiner Ehefrau einem Mitstreiter diktiert haben. Es sind bewegende Verse über die Einsamkeit des Gefangenen und ihrer Überwindung durch die Liebe, auch die zum Vaterland, versteht sich, das „wir mit dem Schwert verteidigen“ - eine Anspielung auf den islamischen Heiligen Krieg.

Vermengung von Nation und Islam

Die Verschränkung von nationaler Kultur und islamistischer Agitation wird auch in Dokumentarfilmen über das Leben der organisationseigenen Märtyrer offenbar, wie unlängst im Falle Scheich Jassins geschehen. Deutlicher noch tritt diese Vermengung von Nation und Islam in den Kampfliedern der Hamas zutage, am eklatantesten in jenen, die die Selbstmordattentäter verherrlichen und mittlerweile als komprimierte Audiodateien über das Internet weltweit Verbreitung finden. Allerdings schottet sich die Hamas von ihrem säkularen Umfeld nicht gänzlich ab. Ihre Feuilletonisten besprechen regelmäßig auch Bücher, deren Verfasser nicht unbedingt Organisationsmitglieder sein müssen, die sich aber mit wichtigen Aspekten der palästinensischen Nationalkultur und Geschichte befassen.

Islamistische Bewegungen in anderen arabischen Ländern verfahren nach einem ähnlichen Schema, die richtige Dosierung von islamischen und patriotischen Inhalten scheint oberstes Gebot zu sein, auch wenn das langfristige Hauptziel die Umerziehung der Gesellschaft im islamistischen Sinne ist. Wo sie in den Parlamenten stark vertreten sind - etwa in Ägypten oder im Irak -, werden sie diesen Reislamisierungsprozeß wohl schneller vorantreiben können, und zwar auf demokratischem Wege. Die Demokratie hat der Islamismus also schon für sich entdeckt. Und durch das demokratische Hintertürchen könnte er eines Tages auch in Europa Einzug halten.

Quelle: F.A.Z., 10.03.2006, Nr. 59 / Seite 37
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Polenpolder

Von Dirk Schümer

Islamhass war gestern, jetzt sind die Zuwanderer dran. Auf einer Website können sich Holländer über Osteuropäer beschweren. Der Initiator Geert Wilders mutiert damit zur Witzfigur. Mehr 2