04.01.2009 · Teheran lässt im Nahostkonflikt die Hamas für sich arbeiten. Denn die Raketen, die diese auf Israel abfeuert, sind iranischer Herkunft. Längst kooperiert die palästinensische Islamistenorganisation mit dem Iran - sogar in den Propagandaparolen stimmen sich die Verbündeten ab.
Von Joseph Croitoru„Der wahre Holocaust findet in Gaza statt.“ Diese geschichtsklitternde Bemerkung zur Lage der Palästinenser im Gazastreifen stand im Mittelpunkt der Rede, die der notorische Holocaustleugner Mahmud Ahmadineschad vor einigen Tagen vor dem iranischen Parlament hielt. Irans Präsident habe mit seiner Ansprache, wie das Regierungsblatt „Iran Daily“ betonte, eine „wichtige Botschaft an alle Frieden suchenden Nationen gerichtet“.
Die gleiche Begrifflichkeit verwendet seit geraumer Zeit auch die Hamas zur Beschreibung des Schicksals der im Gazastreifen eingeschlossenen Palästinenser. Der arabische Terminus für Holocaust „mahraka“ ist schon längst fester Bestandteil der Sprachregelung der Hamas und begegnet einem sowohl auf deren Internetseite als auch in ihrer Hauszeitung „Felesteen“ sowie in den Nachrichten ihres Satellitenfernsehens „Al-Aqsa“. In den Propagandaabteilungen in Teheran und Gaza freut man sich: Der Begriff „mahraka“ hat seit den jüngsten Luftangriffen der Israelis auch schon bei dem einflussreichen internationalen Satellitensender „Al Dschazira“ Einzug gehalten.
Gegenseitige Abstimmung der Kampfsprache
Die gegenseitige Abstimmung der Kampfsprache von Hamas und Teheran ist Programm. Die palästinensische Islamistenorganisation kooperiert schon längst mit Iran, was allerdings nicht immer der Fall war. Denn ihre Entstehungsgeschichte ist nicht mit Iran, sondern mit Ägypten verknüpft. Die Hamas ist aus der Organisation der palästinensischen Muslimbrüder hervorgegangen, die bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von der gleichnamigen ägyptischen Mutterorganisation des Islamisten Hassan al-Banna nach Palästina exportiert worden war. Die Muslimbrüder in Ägypten hatten sich bereits früh bewaffnet und griffen bei ihren Versuchen, die ägyptische Regierung zu stürzen, auch zu terroristischen Mitteln.
Eine Bewaffnung auch der palästinensischen Muslimbrüder durch den militärischen Arm der ägyptischen Muslimbruderschaft, den „Sonderapparat“, wurde seinerzeit 1947 von den damaligen britischen Mandatsherren verhindert. Im israelisch-arabischen Krieg von 1948 kamen unter Billigung der Kairoer Regierung auch einige Kampfeinheiten der ägyptischen Muslimbrüder gegen Israel zum Einsatz. Was als Dschihad gegen den jüdischen Staat begann, sollte sich bald nach innen richten: Es dauerte nicht lange, da gerieten die Muslimbrüder mit dem ägyptischen Regime wieder in Konflikt und wurden verboten – auch im Gazastreifen, der bis 1967 der Kontrolle Ägyptens unterstand.
Hamas verdankt Israel seine Existenz
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass es ausgerechnet der verhasste zionistische Feind sein sollte, dem der palästinensische Zweig der Muslimbruderschaft seine Wiederbelebung verdankte. Die israelischen Besatzer ließen nämlich die palästinensischen Muslimbrüder, die in den siebziger Jahren unter der Führung von Scheich Ahmad Jassin sich im Gazastreifen neu zu organisieren begannen und karitativ und erzieherisch wirkten, gewähren. Die Israelis wollten damit ein religiöses Gegengewicht zu der damals weit gefürchteteren säkularen PLO Jassir Arafats schaffen, um diese zu schwächen.
Der Plan wäre vermutlich auch aufgegangen, wäre nicht die islamische Revolution in Iran dazwischengekommen, die gravierende Folgen für die gesamte Region hatte: Sie befeuerte den Reislamisierungsprozess in der arabischen Welt, wodurch der islamische Fundamentalismus immer mehr Zulauf erhielt – nicht zuletzt deshalb, weil er von den Iranern auch im Ausland aktiv unterstützt wurde. Im palästinensischen Fall war es die Kampforganisation „Islamischer Dschihad“, die von Iran und dessen verlängertem libanesischem Arm, der Hizbullah, in den Palästinensergebieten installiert wurde.
Der Export der iranischen Revolution nach Palästina – Ajatollah Chomeini wollte den Staat Israel auslöschen – gelang jedoch nur begrenzt. Denn der „Islamische Dschihad“ war zu stark auf Iran und die Parolen des Revolutionsführers Chomeini von einer islamischen Weltrevolution fixiert, um die große Masse der Palästinenser für sich gewinnen zu können. Die militante Ausrichtung des „Islamischen Dschihad“ jedoch wirkte wie ein Katalysator, zumal es dessen Kämpfer gewesen waren, die als erste israelische Besatzungssoldaten in Gaza angriffen. Die anfangs noch gemäßigteren Muslimbrüder Jassins, die mit ihrem stetig wachsenden Netz an Moscheen und Sozialeinrichtungen einen weit größeren Einfluss auf die Bevölkerung im Gazastreifen ausübten als die militanten Konkurrenten, gerieten unter Zugzwang: Sie begannen sich ebenfalls zu bewaffnen und nutzten den Ausbruch der ersten Intifada im Gazastreifen im Dezember 1987, um sich in neuer und militanter Form zu präsentieren – als die Hamas (arabisches Akronym für „Islamische Widerstandsbewegung“).
Der Iran liefert das Know-how und teilweise auch das Waffenmaterial
Diese hatte sich von Anfang an die Wiedereroberung Palästinas, das sie in ihrer Charta zum geheiligten islamischen Boden erklärte, sowie die Zerstörung des israelischen Staates auf die Fahnen geschrieben. In ihrem Bestreben, jegliche Annäherung der PLO an Israel zu verhindern, verbrüderte sich nun die Hamas – außer mit Syrien – auch mit Iran, das den nahöstlichen Friedensprozess ebenfalls zu torpedieren trachtete. Als die Iraner im Oktober 1991, kurz vor der israelisch-palästinensischen Madrider Friedenskonferenz, in Teheran die erste „Internationale Konferenz zur Unterstützung der islamischen Revolution in Palästina“ veranstalteten, war auch die Hamas dort vertreten.
Die Beziehungen vertieften sich rasch und nur kurze Zeit später eröffneten die palästinensischen Islamisten auf Einladung der Iraner ein eigenes Büro in Teheran. Als im Oktober 1992 der damalige Leiter des Hamas-Politbüros Mussa Abu Marzuq mit einer Delegation in die iranische Hauptstadt reiste, wurden die palästinensischen Besucher dort von Revolutionsführer Ajatollah Chomeini persönlich empfangen. Die Iraner sicherten den palästinensischen Islamisten nicht nur finanzielle und militärische Hilfe zu, sondern erklärten sich auch bereit, die Widerstandskämpfer der Hamas in iranischen militärischen Einrichtungen in Iran selbst oder im Libanon auszubilden.
Enge iranisch-palästinensische Zusammenarbeit
Der Hamas war das nur recht, und so wurde die iranisch-palästinensische Zusammenarbeit mit den Jahren immer enger. Das Scharnier zwischen den militanten palästinensischen Islamisten und Teheran bildete in der ersten Phase die von Syrien und Libanon aus operierende palästinensische Terrororganisation „Volksfront für die Befreiung Palästinas – Generalkommando“ (PFLP-GC), die in den neunziger Jahren von einer ursprünglich marxistisch ausgerichteten Organisation in eine islamistische mutierte und sich ebenfalls in den Dienst Teherans stellte. Es war auch die PFLP-GC gewesen, die im April 1974 das erste Selbstmordattentat der Geschichte in Israel verübt hatte und in den neunziger Jahren die Hamas-Aktivisten militärisch schulte und ihnen den Umgang mit dieser tückischen Waffe beibrachte. Von nun an wurden in Trainingslagern der Hizbullah regelmäßig palästinensische Kämpfer von Militärexperten der PFLP-GC ausgebildet; dass sie mittlerweile auch längst in Iran trainiert werden, wurde in den vergangenen Jahren immer wieder von Hamas-Kämpfern bestätigt, die die israelische Armee gefasst hatte.
Heute umfasst die militärische Kooperation auch den Bereich der Panzerabwehr- und Boden-Boden-Raketen. Der Iran, der seine Raketentechnik – hier anfangs noch auf die Hilfe Nordkoreas angewiesen – vor allem im letzten Jahrzehnt stark entwickelt hat, lieferte der Hamas, ähnlich wie der Hizbullah, das nötige Know-how und teilweise auch das Waffenmaterial. Die Raketen und Mörsergranaten mit größerer Reichweite, die sowohl die Hizbullah als auch die Hamas und andere radikale palästinensische Kampforganisationen auf Israel feuern, sind teilweise iranischer Provenienz – mittlerweile aber stammen sie auch aus russischer und chinesischer Produktion und sind zum Teil von der iranischen Waffenindustrie modifiziert worden.
Waffenruhe nützt nur der Aufrüstung
Dass Raketen der Hamas nun auch die rund vierzig Kilometer entfernten israelischen Städte Ashdod und Beersheva erreicht haben, ist zwar eine neue Dimension. Verfolgt man aber die Propaganda der palästinensischen Islamisten, so überrascht diese Entwicklung kaum. Dass sich das „zionistische Wesen im Zangengriff von Hizbullah und Hamas“ befinde, verkündete nämlich die Hamas-Zeitschrift „Filastin al-Muslima“ bereits im jüngsten Libanonkrieg im August 2006. Entsprechend wurde und wird von beiden Organisationen jede Waffenruhe dazu genutzt, die Arsenale aufzufüllen und die Reichweite der Raketen weiter zu vergrößern.
Das strategische Ziel dürfte inzwischen klar sein. Die israelische Bevölkerung, deren Sicherheit jahrzehntelang durch die Kontrolle über den eigenen Luftraum weitgehend gewährleistet war, soll nun offenbar, wenn immer möglich, im gesamten Staatsgebiet durch Raketenbeschuss terrorisiert werden – im Norden durch die Hizbullah und im Süden durch die Hamas und ihre Satellitenorganisationen, die mittlerweile immer größere Erfolge für sich verbuchen können, selbst unter israelischem Dauerbeschuss. Von Beersheva, wo bei dem jetzigen Schlagabtausch zum ersten Mal Raketen der Hamas eingeschlagen sind, bis zu Israels Atomanlage südöstlich von Dimona, sind es nur noch vierzig Kilometer. In Teheran, das in absehbarer Zukunft über eine eigene Atombombe verfügen dürfte, reibt man sich schon die Hände.