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Veröffentlicht: 27.12.2016, 22:25 Uhr

CCC-Kongress Was tun gegen Fake News?

Der größte Hackerkongress Europas widmet sich dem nicht erst seit Donald Trumps Wahl brisanten Phänomen der Fake News. Wie kann man den absichtlich im Netz gestreuten Gerüchten, Halbwahrheiten und glatten Lügen wirksam etwas entgegensetzen?

von , Hamburg
© dpa Die Bloggerin Karolin Schwarz geht gegen Fake News vor.

Seit der Wahl von Donald Trump in Amerika reden plötzlich alle über Fake News. Skandalisierende Geschichten, die echt klingen, aber ausgedacht oder heillos verzerrt dargestellt sind, um Weltbilder zu bestätigen und zu rechtschaffener Empörung einzuladen, gibt es aber nicht erst seit heute.

Andrea Diener Folgen:

Die erste Erwähnung des Wortes weisen die Social-Media-Redakteurin Karolin Schwarz und der Software-Entwickler Lutz Helm bereits im Jahr 1994 nach: „Microsoft kauft katholische Kirche“ lautete die Schlagzeile, die damals die Runde machte. Und im Jahr 2000 sorgte eine Website für Furore, die von sogenannten „Bonsai Kittens“ berichtete, der japanischen Kunst der Haltung von Katzen in engen Glasgefäßen, die dadurch zum Zwergwuchs gezwungen wurden. Als das FBI die Seite untersuchte, stellte sich heraus, dass es sich um einen Scherz von Studenten des MIT handelte, des renommierten Massachusetts Institute of Technology.

Diplomatische Verwicklungen und Handgreiflichkeiten

Inzwischen haben wir es allerdings mit ganz anderen Mengen und Kalibern an Fake News zu tun. Die Empörung über die angeblichen Fälle treiben Menschen mitunter zu Demonstrationen, sie führen zu diplomatischen Verwicklungen und manchmal Handgreiflichkeiten. Der Fall um die 13 Jahre alte Lisa etwa, einem russlanddeutschen Mädchen aus Berlin-Marzahn, das angab, von „Südländern“ in einer Wohnung festgehalten und vergewaltigt worden zu sein. Es stellte sich heraus, dass nichts davon stimmte, dennoch nutzten russische Medien den Fall zur Propaganda gegen die Bundesregierung und deren Flüchtlingspolitik.

Ein zweiter Fall ist das sogenannte #Pizzagate: Demnach sei Hillary Clinton Kopf eines Kinderpornorings, den sie von der Pizzeria „Comet Ping Pong“ in Washington DC aus betreibe. Trotz offizieller Dementi stürmte am 4. Dezember ein Mann das Lokal, bedrohte Angestellte und schoss um sich. Und das nur, weil er die Fake News um Pizzagate glaubte.

Schwarz und Helm widmen sich nur einer einzigen Richtung, nämlich der Fake News über Flüchtlinge, „Südländer" und Nordafrikaner, die derzeit recht gern in einen Topf geworfen werden, egal warum und wie lange sie schon in Deutschland sind. Sie verzeichnen die Fälle auf einer Landkarte, im Internet einsehbar unter hoaxmap.org. 436 Gerüchte sind das derzeit. Ihr Ziel, so erklären sie bei ihrem Panel beim Chaos Communication Congress, sei die Schaffung einer Datenbank sowie der Anstoß einer Debatte über Medienkompetenz. Denn Fake News werden zwar vor allem auf privaten Facebookprofilen geteilt, aber auch Parteien wie AfD und FPÖ und auch die CDU mischen ganz vorne mit. Rechte Facebookseiten sind oft Urheber von Falschmeldungen, aber auch Leserbriefe in lokalen Medien streuen Gerüchte, die nicht verifiziert werden und sich dann unkontrolliert ausbreiten.

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Die Hoaxmap-Macher berichten von ein paar besonders drastischen Beispielen. Tanja Festerling, vor allem als Pegida-Rednerin in Erscheinung getreten, berichtete, vor der Klinik in Dresden würden Zelte aufgebaut, und das Klinik-Personal berichte von TBC-Fällen. Dazu postete sie ein Bild der Zelte. Es stellte sich heraus, dass diese für eine betriebliche Feier aufgestellt worden waren, um die Einweihung eines Erweiterungsbaus der Klinik zu feiern. Auch der sächsische AfD-Abgeordnete Carsten Hütter lief mit seiner Anfrage zu gehäuften Vorkommen von Vergewaltigungen durch Asylbewerber im Maxim-Gorki-Park ins Leere. Die lapidare Antwort der Landesregierung: Es gebe in Sachsen keinen Maxim-Gorki-Park.

Richtigstellungen dringen nicht durch

Das Problem solcher Fälle liegt vor allem darin, dass sie deutlich weitere Verbreitung finden als die Richtigstellungen. Eine Ausnahme bildet der Edeka-Marktleiter Herr Wollny aus Friedberg, dem Gerüchte zu Ohren gekommen waren, „Asylanten“ klauten ihm „seinen Laden leer“, und die Medien seien zum Schweigen verpflichtet. Er machte seinem Ärger in einem Facebook-Post Luft, der bislang fast 14.000 Mal geteilt wurde.

Schwarz und Helm führen ausführlich Statistik, wann und wo Fake News entstehen. Der Höhepunkt lag demnach zwischen September 2015 und März 2016. Die höchste Pro-Kopf-Quote weisen die Bundesländer Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt auf, während man sich in Bayern vor allem über angeblich ungebührlich in Anspruch genommene Geld-und Sachleistungen durch Asylbewerber echauffiert. Falschmeldungen Raub und Diebstahl betreffend hingegen sind recht gleichmäßig über die Landkarte verteilt. Und: Bei den allermeisten Falschmeldungen lässt sich nicht zurückverfolgen, wer sie ursprünglich in die Welt gesetzt hat und wie sie sich dann verbreitet haben.

Straftatbestand Desinformationskampagnen?

Wie soll man nun dagegen vorgehen? Man solle bei Facebook die Möglichkeit erhalten, Nachrichten als Fake News markieren zu können, lautet ein Vorschlag. Wer heute verfolgt, wie Facebook mit Meldungen gegen hetzerische Seiten und Kommentare vorgeht beziehungsweise nicht vorgeht, der ahnt, dass diese Aufgabe bei Facebook wohl nicht in den allerbesten Händen ist.

Die CDU befürwortet seit Neuestem einen Staftatbestand für Desinformationskampagnen oder „Fake-News-Abwehrzentren“, „liebevoll Wahrheitsministerium genannt“, so Karolin Schwarz in Anspielung auf eine entsprechende Institution in George Orwells dystopischem Roman "1984". Hinter der Idee steht Innenminister  Thomas de Maizière. Doch eine solche Regulierung kann auch zum Problem werden, vor allem für Satiriker, so Lutz Helm, der selbst einst für Titanic Online schrieb. Zudem habe es in Österreich lange einen entsprechenden Paragraphen gegeben, der jedoch abgeschafft wurde, weil es in zwanzig Jahren zu keiner Verurteilung gekommen sei.

Und so arbeitet die Hoaxmap weiter gegen Fake News an, verifiziert die Geschichten über lokale Medien, in denen Polizei und Landratsamt zu Wort kommen und verzichtet darauf, tagesaktuell zu sein. Stattdessen wartet man lieber einmal ab, wie sich Geschichten entwickeln. Und weiß dennoch, dass man damit diejenigen nicht erreicht, denen es nicht um eine mitunter langsame und mühsame Wahrheitsfindung geht, sondern nur um die schnelle Empörung.

Glosse

Zum Einschmelzen zu schade

Von Andreas Rossmann

Für seine Rückkehr hat der Bischof jeden Tag gebetet, nun ist es unversehrt zurück: Das Borghorster Stiftskreuz rettete sein ideeller Wert vor dem Einschmelzen. Mehr 2

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