11.04.2008 · Lang stritt Günther Jauch mit den Behörden um sein historisches Haus in Potsdam. Jetzt erhält der Moderator den Bonhoff-Preis - und lobt privaten Denkmalschutz als Rettung der Architektur. Ein amtlicher Erlebnisbericht - und eine Ermutigung.
Soeben hat Günther Jauch den Werner Bonhoff-Preis „für Überwindung bürokratischer Hürden“ erhalten. In seiner Dankesrede, die wir hier veröffentlichen, feiert der Fernsehmoderator die privaten Bauherren als Retter der Architektur:
Als mich die Information erreichte, dass mir heute der Werner Bonhoff-Preis verliehen würde, war ich glücklich über einen Preis, der sich von den Fernsehpreisen unterschied, die ich im Laufe der Jahre bekommen habe. Nichts gegen Bambis und Goldene Kameras, aber für einen Akt der Unbotmäßigkeit, des mündlich und schriftlich vorgetragenen Widerstandes und die resultierenden Folgen geehrt zu werden ist neu für mich. Es stimmt mich so froh wie hoffnungsfroh, dass Kritik nicht automatisch mit einer beleidigten Miene quittiert wird, sondern dass daraus etwas Konstruktives entsteht und man sich nicht persönlich gram sein muss. Geradezu euphorisch war ich, als ich von der unglaublichen Höhe des Preisgeldes erfuhr. Einhunderttausend Euro - das hat für mich schon einen Hauch von Nobelpreis.
Auch ich habe den amtlich verordneten Unsinn befolgt
Ich verstehe aber auch, wenn andere mit der Thematisierung der Vorgänge, die für mich jetzt auch schon länger als ein Jahr zurückliegen, nicht unbedingt glücklich sind. Denn es war ja ebenfalls eine Preisverleihung - damals bekam ich den Schinkelpreis des Amts für Denkmalpflege -, die die Lawine ins Rollen brachte. Der Laudator war Matthias Platzeck, er war sehr freundlich, und eigentlich lag es mir fern, die Harmonie zu stören. So waren es denn auch nur Anmerkungen zum Alltag eines Bauherren, der mit Leidenschaft und gutem Willen etwas für Denkmäler tun wollte, die eine Wirkung zeitigten, mit der ich nicht gerechnet hatte.
Als ich nämlich über zehn Jahre lang meine Erfahrungen machte, habe ich zwar oft diskutiert und protestiert, aber mich letztlich geniert, in eigener Sache zu Stadtbauräten oder gar zum Oberbürgermeister zu gehen. Ich habe die Ungleichbehandlung, die Willkür und die zeitweilige Schikane nicht einfach hingenommen, aber ich habe am Ende - unter Protest - zum Teil den Unsinn befolgt, der mir amtlich verordnet wurde. Erst als es nicht mehr um meinen persönlichen Vorteil ging, habe ich mir einmal in der Öffentlichkeit den Ärger von der Seele geredet.
Mit selbstgebackenem Nusskuchen aufs Bauamt
Niemals hätte ich mit den folgenden Reaktionen gerechnet. Der Oberbürgermeister schien mir zeitweilig sogar fast ein wenig dankbar zu sein, dass endlich einmal einer sagt, was da in Teilen der Verwaltung anscheinend Tag für Tag ablief. Denn während eines Bauvorhabens sind wir ja in der Rolle des Bittstellers. Wir trauen uns nicht aufzubegehren, um mit unseren Wünschen nicht abschlägig beschieden zu werden. Nie vergesse ich, wie meine Mutter beim Bau einer kleinen Doppelhaushälfte alle drei Wochen mit einem selbstgebackenen Nusskuchen aufs Bauamt in Berlin marschierte, um den Beamten für die Bewilligung eines bescheidenen Carports im Vorgarten gnädig zu stimmen.
Auch empfand ich die Tatsache, dass viele Mitarbeiter der Verwaltung nicht auf Augenhöhe, sondern auf eine zuweilen unangenehme Art von oben herab den Antragsteller verbescheiden, als schlimmer und entwürdigender, als wenn das Ansinnen mit dem Stempel „abgelehnt“ bedacht wurde. Dieses Obrigkeitsdenken, Herr Oberbürgermeister, hat Sie auch geärgert, und Sie haben das nicht auf sich beruhen lassen. Nun ist Arroganz, Paragraphenreiterei und Bürgerfreundlichkeit juristisch ja nur schwer fassbar. Als Sie unabhängige Experten bestellten, die den Vorwürfen nachgehen sollten, war ich deshalb skeptisch. Was, wenn sich zu jeder Entscheidung irgendein Paragraph finden würde, der die Behörde absichern würde - ich hatte meine Zweifel, ob da ernsthaft nicht nur meinen Hinweisen, sondern denen von inzwischen Hunderten Bürgern nachgegangen würde. Aber die Experten haben sich Zeit genommen und haben sich mit den Details akribisch beschäftigt.
Am Ende hat der berühmt gewordene Battis-Bericht meine Vorwürfe bestätigt und dokumentiert. Damit, Herr Oberbürgermeister, waren Sie als oberster Dienstherr auch in der politischen Schusslinie, aber das haben Sie ausgehalten - und das angesichts bevorstehender Kommunalwahlen. Am Ende stand klare Selbstkritik und eine Strukturreform samt Clearingstelle.
Einen Vorschlag machen, damit das Amt etwas zum Ablehnen hat
Ich höre, dass der Ton tatsächlich ein anderer geworden ist, dass vernünftige Kompromisse möglich sind und dass der, der einen kleinen Anbau beantragt oder eine Heckenpflanzung, nun auch ernst genommen und eher als Kunde denn als Bittsteller behandelt wird. Trotzdem werden mir zwei Dinge immer wieder vorgehalten. Zum einen: Sie sind ernst genommen worden, weil Sie prominent sind. Tatsächlich haben mich die Willkürentscheidungen aber genauso getroffen wie den, der seine Einfahrt neu pflastern will. Auch mir wurde angeboten, bei Widerspruch den Gerichtsweg zu bemühen. Dann könne man ja sehen, was nach sechs Jahren herauskomme. Ich habe sehr oft, wenn es darum ging, ob Variante A oder B an einem Gebäude zu realisieren war, folgendermaßen taktiert: Wollte ich A durchsetzen, habe ich B beantragt, weil ich sicher war, dass das, was ich vorschlage, abgelehnt wird. Dadurch, dass ich B beantragte, wurde A zur Auflage gemacht. Ich hatte mein Ziel erreicht und die anderen das Gefühl, mal wieder ihr Mütchen gekühlt zu haben.
Übrigens war es der Fraktionschef der Linkspartei, der früh erklärte, dass er sich nicht vorstellen könne, dass man mich persönlich schikanieren wolle. Gleichzeitig hat er feinsinnig hinzugefügt: „Wenn aber jemand wie Jauch als Bauherr mehr Potential hat als andere, dann kann man ihn auch mehr fordern.“ So viel zum Thema: Alle sind vor dem Gesetz gleich. Den Geldsack kann man also ruhig zwiebeln, der hat's ja - ein interessanter und in Potsdam nicht ganz unpopulärer Gedanke.
Wie der rechtschaffene Bürger zum Dummen wird
Zum anderen wird mir oft vorgeworfen, dass meine Kritik nicht die entscheidenden Leute aus dem Amt gehoben habe. Das ist sicher richtig. Aber versuchen Sie mal, einen Amtschef, der jahrelang unter aller Augen so entscheidet, wie er entscheidet, loszuwerden. Vor dem Arbeitsgericht werden Sie aufgrund seines Hinweises: „Das habe ich schon immer so gemacht“ eine krachende Niederlage erleiden. Wenn Sie politisch Verantwortliche aus dem Amt bekommen wollen, müssen Sie immer im Auge haben, ob mögliche Nachfolger nicht das größere Übel sind. Insofern verstehe ich, dass die Tabula-rasa-Lösungen aus der Sicht des Bürgers oft wünschenswert, aber im juristischen und politischen Alltag selten zu haben sind.
Stimmt also das Klischee vom freundlich-demütigen Bürger und dem chronisch hochfahrenden Beamten? Nein, es stimmt natürlich nicht. Ich kenne ebenso kundige wie fleißige Mitarbeiter der Verwaltung, die dann manchen Bauherren gegenüberstehen, für die Recht und Gesetz keine Rolle spielen. Diese von mir als Bau-Rowdys und Pinselsanierer titulierten Zeitgenossen setzen sich chronisch über Vorschriften hinweg, diskutieren keinen Ermessensspielraum - zum Beispiel mit einem Denkmalpfleger -, sondern machen nur ihr möglichst billiges, renditesteigerndes und/oder die Umwelt verschandelndes Ding. Meistens kommen sie damit durch, während die Gutwilligen und die, die den Rat der Denkmalpflege und anderer Behörden suchen, im Grunde erst recht bestraft werden. Das erschüttert nicht nur das Vertrauen in den Rechtsstaat, sondern leistet einer Rambo-Mentalität Vorschub, die den rechtschaffenen Bürger zum Dummen werden lässt. Das darf nicht sein, und auch deshalb habe ich mich am Ende doch etwas lauter und nachhaltiger gewehrt.
Bürger und Beamte müssen sich auf Augenhöhe begegnen können
Die wahren Denkmalschützer sitzen für meine Begriffe nicht in den Behörden, sondern es sind oft diejenigen, die zuweilen fast völlig verfallene Bauten erwerben und mit Augenmaß und erheblichem Aufwand sanieren. Eigentlich ist es eine Binsenweisheit, dass sie dabei weniger behindert denn gefördert werden sollten.
Am Ende sind es, so wie Sie, Herr Oberbürgermeister, es beschrieben haben, zwei Seiten einer Medaille: Ärger und Kritik, aber inzwischen doch auch das Gefühl, dass man in Potsdam seine Stimme heben und damit etwas ändern kann. Alle, die sich gegen den Paragraphendschungel und Behördenwillkür wehren, möchte ich daher ermutigen. Es geht nicht darum, zum Dauerquerulanten zu werden, sondern um konstruktive Kritik, damit Bürger und öffentlich Besoldeter sich wieder auf Augenhöhe begegnen. Das kann ich nur jedem empfehlen, auch wenn es am Ende dafür nicht immer hunderttausend Euro und diesen schönen Preis gibt. Womit wir beim letzten und für mich natürlich besonders erfreulichen Punkt wären: Was mache ich jetzt mit hunderttausend Euro? Die Werner Bonhoff-Stiftung hat mir dankenswerterweise mitgeteilt, dass ich damit machen kann, was ich will.
Hunderttausend Euro für Entdeckerfreude und Fürsorge
Nachdem meine Frau auf eine neue Handtasche verzichtet hat, sieht die Entscheidung so aus: Einen Teil bekommt das „Exploratorium Potsdam“. Dort lassen engagierte Bürger eine wissenschaftliche Mitmachwelt für Kinder und Jugendliche entstehen. Seit Jahren erklären sie Schülern, aber auch erwachsenen Kindern aus Brandenburg spannend und praktisch Naturwissenschaft und Technik. Da ist die Begeisterung größer als der Etat, der ohne öffentliche Förderung auskommen muss.
Zum Zweiten wird im Herbst die Katholische Marienschule wiedereröffnet. Von den Nationalsozialisten vor 69 Jahren geschlossen, muss sie zunächst ohne staatliche Gelder auskommen - ohne private Hilfe ist das nicht zu schaffen. Im Kinderprojekt „Die Arche“ schließlich in Berlin-Hellersdorf versorgt der evangelische Pfarrer Bernd Siggelkow Hunderte von Kindern mit einem warmen Essen, Nachhilfeunterricht und professionellen Betreuern, die den Kontakt zur Schule und zu den Familien suchen, in denen die Kinder, zum Teil unter schwierigen Bedingungen, leben.
Ich habe Pfarrer Siggelkow schon 2007 gefragt, ob „Die Arche“ nicht auch nach Potsdam, in einen sozialen Brennpunkt, nämlich „Am Stern“, kommen kann, und in einigen Monaten soll es dann auch losgehen. Ich habe zugesagt, alle laufenden Kosten dieses Projektes zu übernehmen.