http://www.faz.net/-gqz-7a8yf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.06.2013, 19:09 Uhr

Grundrechte im Netz Wacht auf, es geht um die Menschenwürde

Amerika sammelt, politisch gewollt und gerechtfertigt, massenhaft Daten. Was ist mit Europa? Die Politik muss sich erinnern: Datenschnüffeleien verstoßen gegen die Menschenwürde.

von Gerhart Baum
© REUTERS Der Mensch im Datenstrudel. Wo bleibt die Freiheit?

Ein längst fälliges öffentliches Erschrecken hat sich eingestellt nach dem Whistleblower-Bekenntnis über die amerikanische Datenschnüffelei, mit der auch die Bundesrepublik für die amerikanischen Nachrichtendienste zum rechtsfreien Raum wird. Aber man hätte es längst wissen können.

So hat der bekannte amerikanische Software-Entwickler Jacob Appelbaum in seinem Eröffnungsvortrag der Hackerkonferenz in Hamburg vergangenes Jahr festgestellt, dass die amerikanischen Datencenter nicht nur die Daten der Amerikaner speichern, sondern die von uns allen. Dem Trugschluss, dass nur Staaten wie China, Iran oder Russland staatliche Internetüberwachung praktizierten, solle man nicht aufliegen, mahnte er.

Unkontrollierbare Datenbanken

Viele wussten, dass die NSA eine gigantische Datenbank aufgebaut hat, in der weltweit auch zur Abwehr von Cyberattacken alle zugänglichen analogen und digitalen Daten gespeichert werden. Informationen gewinnen die Vereinigten Staaten auch aus weltweiten Hackerattacken auf fremde Netze. Ein Kenner der Materie sagte dazu, dass wir unmittelbar vor einem schlüsselfertigen totalitären Staat stehen.

Auch wenn das eine Übertreibung ist, kann man davon ausgehen, dass eine solche Datenbank, die auch Daten der Internet-Konzerne einbezieht, nicht mehr umfassend zu kontrollieren ist, wenn das von amerikanischer Seite überhaupt gewollt ist. Wir sind auf dem Wege zu einem Weltpolizeistaat, der sich über Recht und Gesetz hinwegsetzt.

Staatliche und private Freiheitsbedrohungen

Diese Datenbank ist nichts anderes als eine riesige Vorratsdatenspeicherung, die sich vor allem auch gegen unbescholtene Bürger richtet, und sie dient keineswegs nur zur Abwehr von Terrorgefahren. Selbstkritisch müssen wir uns in Deutschland fragen, welche Überwachungsprogramme von unseren Sicherheitsbehörden aufgebaut sind oder aufgebaut werden und inwieweit sie von NSA-Daten profitieren.

Aber wir wissen noch mehr. Diese Datensammelwut staatlicher Behörden ist nur ein Teilaspekt der Freiheitsbedrohungen, die vom Internet ausgehen. Der private Sektor ist nicht minder bedrohlich, zumal er sich noch schlechter kontrollieren lässt. Es gab bereits viele Warnungen, unter anderem von den deutschen Datenschutzbeauftragten in einem Aufruf von 2010.

Daten sind Macht

Und diese Warnungen sind berechtigt. Noch nie in der Geschichte der Menschheit sind so viele Daten gesammelt worden wie heute. Big Data ist Rohstoff für die Wirtschaft. Riesige digitale Datenberge werden in einer Art Goldrausch von Algorithmen durchsucht. Aus der Informationsflut des Netzes wird großer Profit geschlagen. Anonymität wird algorithmisch nahezu unmöglich. Schutzmechanismen wie Verschlüsselungsprogramme sind oft unzulänglich.

Es bleibt also fast nichts mehr anonym. Auch wenn wir am Spiel gar nicht teilnehmen, hinterlassen wir Spuren. Die „Tyrannei der Algorithmen“ hat uns längst erreicht. Man lese dazu zum Beispiel die kompetenten Kommentare des Netzphilosophen Evgeny Morozov. Daten sind Macht, und zwar durch die Vielfalt der Informationen, die über jeden Einzelnen im Laufe der Zeit gesammelt werden und immer umfassendere Persönlichkeitsprofile ermöglichen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Weitere Nachrichten VW erwägt milliardenschweren Bau einer eigenen Batteriefabrik

Zum Ausbau der Elektromobilität denkt Volkswagen über den milliardenschweren Bau einer eigenen Batteriefabrik nach, Philips streicht mit dem Börsengang der Lichtsparte 750 Millionen Euro ein und Google wehrt eine Urheberrechtsklage von Oracle zu Android ab. Mehr

27.05.2016, 06:45 Uhr | Wirtschaft
Berlin Netzgemeinde trifft sich zur Republica

Nach Angaben der Veranstalter ist die Republica in Berlin die größte Konferenz der Internetgemeinde in Europa. Bei der Konferenz geht es um die Digitalisierung und die Zukunft des Internets. Mehr

03.05.2016, 19:55 Uhr | Wirtschaft
Gawker gegen Peter Thiel Das Klatschblog schlägt zurück

Internet-Milliardär Peter Thiel finanziert einen Gerichtsprozess gegen das Klatschblog Gawker. Jetzt meldet sich Gawker zu Wort – mit einer Drohung. Mehr Von Patrick Bernau

27.05.2016, 13:03 Uhr | Wirtschaft
Hilfe für Ruanda Drohnen sollen Medikamente liefern

Drohnen sind in immer mehr Gebieten im Einsatz - so verstärkt, das amerikanische Behörden sich damit herausgefordert sehen, diesen Verkehr auf neue Weise zu regulieren. Auch dafür werden Daten benötigt - und eine neue Partnerschaft zwischen dem Logistikkonzern UPS und dem Robotics-Startup Zipline könnte entsprechende Daten liefern: Dieses Projekt hat das erklärte Ziel, in Ruanda im Osten Afrikas Medikamente und Blutkonserven zu überbringen. Mehr

09.05.2016, 11:20 Uhr | Gesellschaft
Peter Thiel gegen Gawker Die Rache des Internet-Milliardärs

Der deutschstämmige Internet-Milliardär Peter Thiel und das Klatschblog Gawker mögen sich nicht. Nun kommt ein brisantes Detail zu einem heiklen Prozess heraus. Mehr

25.05.2016, 10:13 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Kunst am öffentlichen Rhein

Von Andreas Rossmann

Der Künstler Markus Lüpertz hat am Duisburger Rheinhafen eine Skulptur aufgestellt, und nur ein Bundeskanzler war Zeuge. Das war doch früher einmal anders. Mehr 6

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“