21.11.2006 · Die Bank und der Bau: Die Frankfurter Großmarkthalle ist eine einzigartige Verbindung von Expressionismus und neuer Sachlichkeit. Wieviel von Martin Elsaessers Bau wird der Stadt bleiben?
Von Christoph MäcklerDie Zerstörung erfolgt nicht, wie man zunächst vermuten würde, aus funktionalen Gründen. Auch nicht aus wirtschaftlichen, wie dies bei Projektentwicklungen der Immobilienbranche vorkommt: Bei der Großmarkthalle in Frankfurt am Main ist die Zerstörung im Gegenteil mit erheblichen Kosten für den Bauherrn verbunden und folgt rein formal-ästhetischen Gründen. Die Architekten wollen einen Querriegel durch den Bau Martin Elsaessers treiben, der das Bauwerk und sein Dach in zwei Teile zertrennt. Sie wollen die Fassaden der Halle völlig verändern und die maßstabgebenden Wohnhäuser an den beiden Kopfbauten abreißen lassen.
Ein Privatinvestor würde ein solches Ansinnen schon aus finanziellen Gründen verweigern, denn der Eingriff in das konstruktive System und die Statik eines Altbaus verursacht Kosten, die einer wirtschaftlichen Bauweise widersprechen. Nun ist eine solche nicht die einzige Voraussetzung für das Bauvorhaben des Verwaltungsgebäudes der Europäischen Zentralbank. Schließlich will die Bank mit diesem Gebäude auch weltweit repräsentieren. Aber muß diese Selbstdarstellung wirklich verbunden werden mit der Zerstörung eines baukulturell für Deutschland so wichtigen Bauwerks der Moderne? Kann architektonische Repräsentation im alten Europa mit der Verstümmelung eines Bauwerkes einhergehen, das mit den Frankfurter Siedlungsbauten Ernst Mays zu den großen und weltberühmten sozialen Errungenschaften dieser Zeit gehört? Kann der Begriff der Zerstörung überhaupt repräsentativ sein? Für die Zentralbank Europas?
Großmarkthalle unter Neubau begraben
Und ist es nicht irritierend, daß das Motiv dieses sich quer durch ein Bauwerk bohrenden Riegels schon von Günter Domenig, einem anderen österreichischen Architekten, verwandt wurde? Domenig aber setzte die brachiale Geste nicht gegen ein Bauwerk der Moderne, sondern gegen eines des Nationalsozialismus auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg ein. Ein gebauter Protest gegen das Naziregime und dessen abweisende Monumentalarchitektur. Aber die Großmarkthalle? Daß dieses Vermächtnis der Moderne ausgerechnet von Architekten zerstört werden soll, die sich noch heute als Avantgarde verstehen, mutet grotesk an.
Es geht nicht darum, den architektonischen Wettbewerb in Frage zu stellen, sondern, im Gegenteil, zu verhindern, daß das Projekt der EZB völlig anders ausgeführt wird, als es seinerzeit von der internationalen Jury prämiert wurde. Der preisgekrönte Entwurf von Coop Himmelb(l)au nämlich ließ Elsaessers Großmarkthalle unversehrt. Oder, um genauer zu sein, wieder unversehrt. Denn in der ersten Phase des zweistufigen Wettbewerbs hatten die Architekten sie völlig unter ihrem Neubau begraben, was zu heftiger Kritik und schließlich zur Korrektur in der zweiten Wettbewerbsstufe führte. Erst in einer der letzten Überarbeitungsphasen ist die Zerstörung des Denkmals wieder eingeführt worden.
Funktionalität ist nicht immer Trumpf
In der einzigen öffentlichen Sitzung, in der der österreichische Architekt seinen Entwurf vorstellte, bezeichnete er die Großmarkthalle als „unwirtlich“ und versuchte damit die von ihm geplanten erheblichen Zerstörungen zu rechtfertigen. Damit wird deutlich, daß ihm die Bedeutung dieses Denkmals offenbar nicht geläufig ist. Auch die Lokalpolitiker empfinden beim Anblick der heruntergekommenen Großmarkthalle eher Gleichgültigkeit.
Gibt es in Europa nicht viele Beispiele von Großbauten, die ihre Funktion verloren haben und deshalb „unwirtlich“ erscheinen? Auch die Hofburg in Wien ist aus dieser Perspektive „unwirtlich“. Was aber würden die Österreicher sagen, würde einer ihrer Architekten deswegen dieses Bauwerk zugunsten der Selbstdarstellung zerstören? Auch die alte Börse in Amsterdam hat ihre Funktion längst verloren. Trotzdem pflegt man dieses von Hendrik Berlage von 1898 bis 1903 errichtete Bauwerk. Und obwohl dessen Standfestigkeit gefährdet war und das Gebäude deshalb erhebliche Gelder verschlungen hat, kam es in Holland niemandem in den Sinn, es zu zerstören oder durch unangemessene zusätzliche Konstruktionen zu schädigen.
Umgang mit denkmalgeschützten Großbauten
Frankfurt am Main besitzt drei Großbauten, die Ikonen der Moderne sind: die Großmarkthalle Martin Elsaessers von 1928, Peter Behrens' Hauptverwaltung der Farbwerke Hoechst von 1924 sowie Hans Poelzigs IG-Farben-Haus von 1931. Alle datieren aus der gleichen Zeit des Aufbruchs der Moderne, sind weltbekannt und stehen als Beispiele hoher architektonischer Qualität unter Denkmalschutz.
Ein hervorragendes Beispiel für den sinnvollen und schonenden Umgang mit denkmalgeschützten Großbauten ist die Sanierung und Umnutzung des IG-Farben-Hauses. Die hessische Landesregierung ließ das Bauwerk als Hauptbau der Johann Wolfgang Goethe-Universität im Zentrum Frankfurts umbauen und achtete dabei akribisch darauf, daß sein Charakter unangetastet blieb. Sie tat dies, obwohl das Bauwerk in der nationalsozialistischen Zeit Deutschlands eine unrühmliche Rolle spielte und obwohl ein Gebäudekomplex mit 250 Meter langen Fluren nicht zwingend den Charakter eines Universitätsgebäudes hat. Der Denkmalschutz, vor allem aber der Wille der Politik brachten zustande, was viele in der kontrovers geführten Debatte der späten neunziger Jahre nicht für möglich hielten: die Studenten lieben dieses Gebäude, seine Schönheit und architektonische Qualität. Und die Politik ist stolz auf diese neugewonnene Qualität.
Ergänzung statt Zerschlagung
Denkmalschutz ist oft der letzte Rettungsanker, wenn es darum geht, bedeutende historische Bauten vor verwertungsbedingten Entstellungen oder dem Abriß zu bewahren. Er könnte und sollte sich unter den heutigen Bedingungen auch auf das Miteinander von Neuem und Altem erstrecken: Würde sich in der Glasfassade des neuen Turms der EZB roter Ziegelstein wiederfinden, würde man also die Materialien einsetzen, aus denen die Großmarkthalle errichtet ist und die ihren architektonischen Charakter bestimmen, es würde ein hinreißendes Ensemble der Moderne aus zwei Jahrhunderten entstehen, ein Ensemble aus Turm und Halle, so wie sie sich in den Kathedralen und Rathäusern unserer jahrhundertealten europäischen Städte finden.
Nicht die Zerschlagung, sondern die Ergänzung der Halle hätte man vorangetrieben, und das Gebäude würde in seinem Äußeren dem Stadtbild erhalten bleiben, gerade so, wie es der englische Architekt Foster beim Reichstagsgebäude in Berlin bewerkstelligt hat: Im Inneren wurde das Bauwerk völlig entkernt, und entspricht heute den Erfordernissen des Deutschen Bundestages, im Äußeren bekennt es sich zu seiner Geschichte, die mit architektonischem Pomp, dem mächtigen Sockel und den endlosen Eingangsstufen von der Zeit und dem Geist des Kaiserreichs zeugt. Die Großmarkthalle aber ist Symbol des demokratischen Aufbruchs in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg und Schlüsselprojekt der weltweit berühmten Epoche des „Neuen Frankfurt“ der zwanziger Jahre - und sollte es bleiben.
Baudenkmäler sollten bewahrt werden
Ähnlich wie das IG-Farben-Haus ist die Großmarkthalle auch baukonstruktiv ein herausragendes Bauwerk der Moderne. Die 220 Meter lange Halle wurde 1927 in einer Rekordzeit von nur zwölf Monaten errichtet. Dabei wurde das Hallendach mit fünfzig Meter Spannweite nicht, wie zu dieser Zeit üblich, mit einer Stahlkonstruktion, sondern mit fünfzehn Stahlbetonschalen von nur 7,5 Zentimeter Stärke geschlossen. Es handelt sich also um eine für diese Zeit technisch herausragende Konstruktion, deren Eleganz mit den den Innenraum rhythmisierenden schrägen Stützenscheiben noch heute vorhanden ist. Gesteigert wird diese Leichtigkeit durch die zwischen diesen Scheiben aufgerissenen, raumhoch verglasten Außenwände, die an der Gebäudekante in die Dachfläche hineinspringen und die Halle so mit Tageslicht durchfluten.
Muß ein solcher Raum, muß dieses Baudenkmal zerstört werden zugunsten eines architektonischen Gags? Was machen wir da eigentlich? Müßte es nicht eine Selbstverständlichkeit sein, in Deutschland, das im Zweiten Weltkrieg derart zerstört wurde, Baudenkmäler zu bewahren, statt sie nur unter Denkmalschutz zu stellen?
Architektonische Idee des Zerschlagens
Die hessische Denkmalpflege beurteilt den Querriegel nicht als störend, weil der Beton des Daches an dieser Stelle nicht aus den zwanziger Jahren, sondern wegen eines Kriegsschadens aus den fünfziger Jahren stammt. Ist Beton dieser Ära also weniger wert? Ist der Denkmalwert eines Bauwerks der Moderne an der Originalität seines Materials festzumachen? Das würde bedeuten, daß die Dombauhütten, die ständig von der Witterung zerfressene Materialien, ja ganze Bauteile und Figurengruppen austauschen, ihre Arbeit sofort einstellen müßten, weil die originalen Materialien irgendwann komplett ausgetauscht sein werden.
Es ist zu bedauern, daß die Gefahr der Zerstörung dieses Monuments der Moderne, des „Neuen Frankfurts“, offenbar nicht erkannt wird. Beim Laien scheint dies verständlich, bei den Architekten, die die Zerstörung anzetteln und vorantreiben, ist es unverzeihlich. Die architektonische Idee des Zerschlagens war schon 1968 fragwürdig, heute aber, im Jahre 2006, kommt sie ein Vierteljahrhundert zu spät.
Pflicht zum Respekt - Ein Aufruf der Erben Martin Elsaessers
Die Frankfurter Großmarkthalle von Martin Elsaesser ist gebaut als öffentlicher Ort der Begegnung und des Austauschs. Von 1941 bis 1945 wurde sie mißbraucht als Sammelort für den Abtransport jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Durch die Bombardements im Zweiten Weltkrieg wurde sie schwer beschädigt.
Martin Elsaesser mahnte 1947, „daß die neuen Städte, daß die neuen Straßenviertel, die jetzt wieder entstehen sollen, weder der Willkür noch dem Schema verfallen, sondern daß eine lebendige, menschliche und soziale Ordnung daraus entsteht“. Als Tochter und weitere Familienangehörige von Martin Elsaesser haben wir kein Anrecht auf eine Wahrung der Frankfurter Großmarkthalle. Es gibt keine Urheberrechte über den Tod hinaus, und jedwede Privilegierung war auch nie im Sinne Martin Elsaessers. Wohl aber spüren wir die Pflicht des Respekts seinem ideellen und baulichen Erbe gegenüber. Wir wenden uns deshalb gegen die von dem Architekturbüro Coop Himmelsb(l)au vorgesehene Durchschneidung des zentralen Baukörpers der Frankfurter Großmarkthalle. Mit dieser Verstümmelung sowie mit dem Abriß der beiden flankierenden, den Raum hervorragend fassenden Kopfbauten würde der zukunftsweisende Charakter der Arbeit von Martin Elsaesser mutwillig zerstört und ginge unwiederbringlich verloren.
Zu den technischen Einwänden gegen den Erhalt der Halle wollen wir uns nicht äußern. Sie sind von fachlich qualifizierter Seite schon widerlegt worden. Wichtig scheint uns die Frage, ob eine so rücksichtslose Architekturkonzeption durchgesetzt werden kann. Es geht darum, wie die Stadt Frankfurt und das Land Hessen mit ihrem kulturellen Erbe umgehen und wie die Europäische Zentralbank sich als eine demokratisch eingebettete europäische Einrichtung für Markt und Kulturaustausch weiter entwickelt, ob sie lokale und nationale Traditionen achtet und in gegenseitigem Respekt zusammenführt.
Wir jedenfalls erachten die von Martin Elsaesser erbaute Frankfurter Großmarkthalle als eine außerordentliche architektonische Leistung, die in ihrem schon damals über Deutschland hinausweisenden Charakter verdient erhalten zu werden und die, wie ursprünglich beschlossen, ihr unverwechselbares Profil in den geplanten EZB-Neubau einbringen können muß.
Brigitte Ruf geb. Elsaesser, Köln; Catharina Ruf, Berlin; Thomas Elsaesser, Amsterdam; Regine Elsaesser, Mannheim; Friedrich Elsässer, Leonberg; Konrad Elsässer, Frankfurt am Main; Wilhelm Elsässer, Berlin; Albrecht Elsässer, Gelsenkirchen; Hermann Elsässer, Niebüll; Gerhard Elsässer, Bad Urach; Martin Elsässer und Ursula Elsässer-Beile, Denzlingen.