28.04.2006 · Wie leben achtzehn Menschen aus vier Generationen zusammen unter einem Dach? Ein Gespräch mit Claudia Woll, der Mutter der Schauspielerin Felicitas Woll, über Lust und Leid der Großfamilie.
Vielerorts besteht die Welt privater Haushaltsführung fast nur noch aus Singles. Wir besuchen das Gegenteil. Wie eine Burg aus Holz thront das Haus am Rande der kleinen Ortschaft in Nordhessen. Hier wohnt Familie Woll, die eine Großfamilie zu nennen untertrieben wäre: Die Gemeinschaft besteht aus achtzehn Personen. Wie geht das? Geht das gut? Wie bringt man alle, die unter einem Dach leben, unter einen Hut? Wir fragen Claudia Woll. Sie ist die Mutter der Schauspielerin Felicitas Woll, die als „Lolle“ in der ARD-Serie „Berlin, Berlin“ bekannt wurde und im Film „Dresden“ die Hauptrolle spielte.
Sie leben mit siebzehn Menschen gemeinsam unter einem Dach. Eine Großfamilie, wie es sie kaum noch gibt.
Großfamilie ist eigentlich nicht das treffende Wort. Mich umgeben Menschen aus vier Generationen, bei denen ich mich zu Hause fühle, weil wir die gleiche Sehnsucht teilen und nach Entwicklung und persönlicher Freiheit streben und uns das mehr verbindet, als Blut es je könnte.
Wie ist es dazu gekommen?
Es begann 1984, als sich zehn Menschen die Frage stellten: Sind wir in der Lage, unsere persönlichen Geschichten aufzugeben und uns auf die Abenteuerreise ins Unbekannte zu begeben? Ohne Ziel und ohne Rückkehr. Ein Jahr sind wir durch das nahe Europa gereist, ohne ein Zuhause, ohne Sozialisierung.
Sie sind einfach ziellos in die Welt gezogen?
Wir haben gelernt zu leben, in der Natur zu schlafen, unsere Urinstinkte neu zu entdecken, ein Teil der Natur zu sein. Nicht mehr und nicht weniger. Egal, wie alt einer war, meine Mutter mit fünfzig oder meine Tochter mit vier Jahren. Es war das spannendste und komischste Jahr unseres Lebens.
Was hat sich verändert?
In diesem Jahr haben sich alle persönlichen Geschichten aufgelöst, und wir sind zu einer gemeinsamen energetischen Struktur zusammengewachsen. Durch gemeinsames Überlebenstraining hat sich eine Kraft entwickelt, die uns innerlich wie äußerlich verändert hat. Stand, Geschlecht und verwandtschaftliche Bande spielen keine Rolle mehr. Auch heute ist jeder Tag ein Abenteuer, und das Leben hat eine neue Dynamik.
Und es gab kein Zurück mehr?
Nicht eine Sekunde! Diese Reise hat kein Ende! Obwohl ich dachte: Hilfe, die werde ich nie wieder los. Im November 1984, als der erste Schnee fiel, war klar, wir brauchen ein Dach überm Kopf. Zu dieser Zeit erfuhren wir, daß der Hof meiner Großmutter verkauft werden sollte, und die Entscheidung fiel: Wir gehen dorthin.
Sie mögen Experimente?
Wir lieben es, uns Situationen zu stellen, die ein normales Leben auf den Kopf stellen. Alltagssituationen nutzen wir, um das Abenteuer nicht zu verlieren, wie vor vielen Jahren, als ein Elektriker zu uns kam, der uns scherzhaft vor die Entscheidung stellte: entweder neue Stromleitungen oder Strom weg. In diesem Moment begegneten sich viele Augenpaare, und die Entscheidung war klar: Au ja! Strom weg!
Ein Leben ohne Strom?
Vier Jahre lang.
War das nicht schrecklich?
Es war wunderbar. Erst machte sich Panik breit: „O Gott, kein Strom! Spinnen wir jetzt?“ Da war es wieder, ein neues Abenteuer. Keine Waschmaschine, keine Bohrmaschine, kein Licht, kein Fernseher und, und, und ... Nur die Musik, die haben wir uns erhalten. Wie gut, daß es Batterien gab. Auch hier fing sofort das Lernen an. Am Anfang war das Jammern, bis wieder neue Energie kam, diese Herausforderung zu meistern.
Wie lebt man ohne Strom?
Einfallsreich! Es verändert sich die Wahrnehmung für Tag und Nacht. Das Schlafverhalten, die Träume. Man macht einen Zeitsprung.
Haben Sie die Rahmenbedingungen auch geändert, um zu testen, wie belastbar die Gemeinschaft ist?
Wir haben vom ersten Moment unserer Reise an wissen wollen, wie entwickeln wir uns als einzelner und in der Gemeinschaft, wenn die Rahmenbedingungen das Unbekannte und die Natur sind.
Kam es nicht zu einem kleinen Krieg? Hat niemand gesagt, mir reicht's jetzt?
Jeden Tag! Nur, den Krieg führt man gegen sich selbst. Man will es bequem, und wir stießen ständig an unsere Grenzen. Doch unsere neue Dynamik brachte uns immer einen Packen an Erkenntnissen, der uns immer stärker werden ließ.
Das klingt ein wenig, als würden Sie nur noch im Verbund existieren. Diese Harmonie kann auf Außenstehende auch ziemlich abschreckend wirken.
Dieser Schein trügt. Wir sind alle eigenständige Menschen. Das beinhaltet auch andere Ansichten, die manchmal in größere Dispute ausarten können. Was wir aber lernen, ist eine Streitkultur, in der wir unsere Differenzen bis zum Ende austragen, wobei das wichtigste ist, sein Gegenüber nicht zu verletzen, sondern daß es ein Miteinanderringen ist um etwas Neues. Unsere Stärke wirkt auf Außenstehende wirklich manchmal bedrohlich. Aber es gibt viele Menschen, die uns kennen und schätzen, weil sie unsere Geschichte kennen.
Familien sind aber doch keine Inseln der Seligen. Konrad Lorenz hat sie einmal als Trainingslager in Sachen Kälte beschrieben.
Wir wollen keine Harmonie um jeden Preis. Das wäre Stillstand. Die Bedingungen, die die Familienstruktur in der heutigen Zeit vorgibt, bedeuten, Konflikten aus dem Wege zu gehen, durch starres Rollenverhalten von Alt und Jung, Mann und Frau. Wir empfinden uns als eine Art Bewußtseinswerkstatt, in der wir an diesen Strukturen arbeiten.
Gleichberechtigung ist Ihnen also sehr wichtig. Gibt es dennoch eine zentrale Anlaufstelle? Sind Sie das Familienoberhaupt?
Ich habe zwar eine zentrale Funktion, bin aber kein Familienoberhaupt. Jeder hat bei uns ein bestimmtes Talent, was für unsere gesamte Struktur eine Säule darstellt. Mein Talent besteht aus der Fähigkeit, hinter die Dinge zu schauen und sie hervorzuholen. Ich bin eine Art Motor des Dialogs.
Ist die Kleinfamilie noch überlebensfähig?
Das will ich nicht beurteilen. Die Kleinfamilie ist von der Energie, die drei Menschen verbindet, wesentlich schwächer, um den Krisen des Lebens zu trotzen. Leben drei Menschen zusammen und das Schicksal schlägt zu, wankt die Familie und stürzt in die Krise. Arbeitslosigkeit und Krankheit können die Existenz bedrohen. Leben achtzehn Menschen zusammen und einer fällt aus, fangen ihn siebzehn auf.
Die Großfamilie als Wagenburg, die in jedem Moment lebenswichtig wird, in dem sich der Wohlfahrtsstaat zurückzieht.
Wir nehmen jeden Schicksalsschlag im Leben bis zum Tod als Teil der Entwicklung unseres Lebensweges. Wir haben vier Tanten aus der Familie zu uns genommen und über Jahre bis zu ihrem Tod gepflegt.
Wenn Sie einander auffangen, bedeutet das auch, daß Sie bei materiellen Dingen ein Kollektiv sind?
Wir streiten über vieles, aber nicht über Geld. Das Geld in einen Topf.
Gab es eine Situation, in der Sie spürten, daß Sie ohne Familie vielleicht verloren gewesen wären?
Als wir erfuhren, daß unser ungeborener Sohn Tassilo mit dem Down-Syndrom zur Welt kommen wird, gab uns die Familie die Gewißheit und die Stärke. Sie hat Tassilo mitgetragen und ihm so viel Energie gegeben, daß er eine starke Persönlichkeit entwickelt.
Ihre Tochter Felicitas hat in der sehr erfolgreichen Serie „Berlin, Berlin“ die Hauptrolle gespielt und wurde für ihre Darstellung in dem Film „Dresden“ gefeiert. Was bedeutet es für den Mikrokosmos Familie, wenn einer plötzlich im Rampenlicht steht?
Wir haben uns dadurch nicht verändert. Das Interesse gilt ja Felicitas. Wir schützen sie.
Wie ?
Dadurch, daß wir an ihrem Leben teilhaben, sie begleiten, unterstützen und in ihrem Weg bestärken. Es ist ein gewaltiger Schritt für sie gewesen, aus ihrem behüteten Zuhause hinauszutreten. In den vergangenen acht Jahren war ich an ihrer Seite, bin in China gewesen, als sie dort drehte. Heute ist Felicitas eine erwachsene Frau und Mutter. Sie steht auf ihren eigenen Beinen.
Felicitas' Agent erzählte mir von seinem ersten Besuch im Hause Woll. Sie alle saßen wie ein Familienrat um den Tisch, und er mußte Ihnen Rede und Antwort stehen. Ein Verhör vor dem Familienrat? Hat er sich nicht ziemlich unwohl in dieser Situation gefühlt?
Ja. Wir stellten kritische Fragen, um herauszufinden, mit wem wir es zu tun haben. Die Zusammenarbeit geht in das neunte Jahr, und aus dem Agenten von Felicitas Woll ist ein Freund dieser Familie geworden.
In welchen Situationen stimmen Sie ab?
Als wir uns nicht einig waren, in welcher Farbe wir die Küche streichen sollten: Blau, Altrosa oder Ocker. Und bei den Vorhängen.