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Britischer Transgender-Bericht : Gleich, gleicher, und was kommt dann?

Das Modell mit dem Rüschenkleid: Eddi Redmayne als Einar Wegener im Film „The Danish Girl“ Bild: dpa

Großbritannien will jetzt ganz viele geschlechtliche Identitäten anerkennen. Das könnte aber diejenigen diskriminieren, die noch „Mann“ und „Frau“ kennen.

          Maria Miller besitzt einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Die ehemalige Kulturministerin erzählt in einem Gespräch mit der „Times“, dass sie der Wunsch, jedem eine Chance zu geben, bewogen habe, in die Politik zu gehen. Jetzt steht die konservative Abgeordnete dem parlamentarischen Ausschuss für Frauen und Gleichheiten vor. Wie das neugeschaffene Ministerium gleichen Namens befasst sich dieses Gremium mit Frauenpolitik, mit der Politik der sexuellen Orientierung und mit Transgender-Gleichheit. Allein schon der Name „Ministry for Women and Equalities“ spiegelt das Bestreben der jetzigen Regierung, sich dem Zeitgeist anzupassen. Davor war das vom Labour-Premierminister Gordon Brown eingerichtete Ressort als „Ministry for Woman and Equality“ bekannt. Sein konservativer Nachfolger David Cameron hat den sprachlich fragwürdigen Plural „equalities“ eingeführt, wohl um Aufgeschlossenheit zu demonstrieren.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          In dieser Woche legt der parlamentarische Ausschuss für Frauen und Gleichheiten seinen ersten Bericht vor. Es geht um die Diskriminierung von Transgender-Personen, ein zunehmend politisiertes Thema, das in den vergangenen Monaten viel in den englischen Schlagzeilen war. Maria Miller nennt es eine „totemistische Frage“ unserer Zeit. Transgender-Personen seien wohl die letzte Gruppe, deren Diskriminierung beinahe gesellschaftlich akzeptabel sei.

          Als wäre es eine seelische Krankheit

          Die Zahl der als „gender-dysphorisch“ erachteten Bürger wird einer Studie der Kommission für Gleichheit und Menschenrechte zufolge in England und Wales auf etwa ein Prozent der Bevölkerung geschätzt. Der Begriff umfasst eine Bandbreite an Gender-Identitäten für Menschen, deren Geschlechtsempfinden nicht mit ihrem biologischen Geschlecht übereinstimmt. Maria Millers Gremium will erreichen, dass das Gesetz in diesen „genderflüssigen“ Zeiten Schritt hält mit der „neuen Realität“. Sie fordert ein Ende der Gender-Stereotypisierung und hält es für überflüssig, dass man auf Formularen das Kästchen für männlich oder weiblich ankreuzen muss. Selbst Pässe und Führerscheine sollten den Inhaber nicht nach ihrem Geschlecht einteilen, sagt Frau Miller der „Times“, weil dies jenen Individuen Schwierigkeiten bereite, die sich für einen Geschlechtswandel entschieden hätten, aber noch nicht im Besitz der erforderlichen Dokumentation seien.

          Das Gesetz, das Transgender-Personen die rechtlich gültige Anerkennung des Geschlechtswandels durch die Erteilung einer neuen Geburtsurkunde ermöglicht, verlangt, dass Antragsteller mindestens zwei Jahre in der gefühlten Geschlechterrolle gelebt haben müssen. Die Nachweise werden einem richterlichen Gender-Anerkennungsgremium vorgelegt, das befindet, ob der Antrag berechtigt sei. Diese Prozedur ist zweifellos verbesserungswürdig, zumal, wie Maria Miller bemängelt, die psychiatrischen und medizinischen Bewertungen, die das Tribunal heranzieht, dazu neigen, die Transgender-Frage, wie einst die Homosexualität, als seelische Krankheit abzustempeln. Berichten zufolge will der parlamentarische Ausschuss empfehlen, dass Erwachsene keine Nachweise mehr für ihre Gender-Dysphorie erbringen müssen, sondern ihr Geschlecht künftig selbst wählen können, indem sie ein Formular ausfüllen und eine Erklärung abgeben, wonach sie für den Rest ihres Lebens „in dem bevorzugten Geschlecht leben“, wie das seit vergangenem Jahr in Irland der Fall ist.

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