12.12.2008 · Die Straßenunruhen der vergangenen Tage haben eine europäische Dimension. Was in der europäischen Metropole Athen raucht, sind nicht die Barrikaden einer anbrechenden Revolution, sondern die Ruinen des Sozialstaates.
Von Dirk Schümer, VenedigGriechenland gehört felsenfest zu Europa. Seit durch Winckelmann die marmorweiße Antike zur Grundierung unserer Zivilisation erklärt wurde, seit man im neunzehnten Jahrhundert den Mythos der Hellenen im Land selbst als geistigen Widerstand gegen orientalische Despotie politisch umsetzte und allerspätestens seit die Demokratie nach dem Ende der Obristenherrschaft dem Land in die EU geholfen hat, sitzen wir nicht mehr nur geistig, sondern auch administrativ mit Athen in einem Boot. Die Straßenunruhen der vergangenen Tage haben darum eine europäische Dimension.
Es hätte nicht solidarischer Ausschreitungen autonomer Gruppen in Spanien, Italien, Dänemark, Deutschland bedurft, um uns daran zu erinnern. Hier geht es, wie stets bei solchen Plünderungen und Scharmützeln mit Ordnungskräften, erst einmal um Adrenalinüberschüsse und pubertäre Revolte, mögen auch altgediente Theoretiker der Stadtguerrilla wie Toni Negri darin den Anfang der Generalabrechnung mit dem Kapitalismus herbeisehnen. In Wahrheit haben uns in den letzten Wochen die Banken und ihre Manager, die Regierungen und die Volkswirtschaftler gründlicheren Unterricht in Stamokap-Marxismus erteilt als alle schwarzvermummten Steinewerfer.
Albtraum für die Bewohner
Ein im Straßenkampf gefallener Jugendlicher ist daher kein ausreichender Grund, um eine Revolte des Lumpenproletariats auszulösen. Schon die unsentimentalen Stammväter des Kommunismus trauten den Verarmten und Entrechteten keine konzisen Handlungen gegen das System zu. Sie haben bis heute recht behalten. Was sich in Athen manifestiert, ist trotz der Meinungsführerschaft der Studenten des Polytechnikums kein zielgerichteter Aufstand, sondern ein vager Aufschrei – ein Ventil, das sich irgendwann öffnen musste. Europas allererste Kulturhauptstadt Athen ist mit fast fünf Millionen Einwohnern zu einem Moloch geworden, dessen Logistik ohne zureichende Wasserversorgung, mit katastrophalem Verkehr, miserabler Luft, Kriminalität und mit grassierendem Massenelend für die Bewohner zum Albtraum wird.
Seit Wochen werden die Töne in der griechischen Presse über die Verwahrlosung immer drastischer. Vor allem im zeitweise schick gewordenen Viertel Exarchia, wo auch jetzt die Zentrale der Gewalttäter liegt, hatte sich zuletzt eine wilde Drogenszene etabliert, die bürgerliche Anwohner drangsalierte. Gleichzeitig verhinderten schon seit Wochen autonome Gewalttäter das Eingreifen der Polizei auf einem Territorium, welches sie als Eigentum betrachten. Die Wohnungsbesitzer und Ladeninhaber, die zuerst von Junkies ausgeraubt, dann von linken Studenten attackiert und dabei von der Polizei im Stich gelassen wurden, stehen jetzt vor den Ruinen ihrer Immobilien. Wozu man den immer gierigeren Staat überhaupt braucht, wenn vor der Haustür der Dschungel herrscht, das fragt sich jetzt nicht mehr nur das Prekariat der arbeitslosen Schulabgänger und armen Rentner, das fragen sich nicht mehr nur die ums Überleben kämpfenden Zuwanderer aus Albanien, Afrika und Nahost, die in Athen zu vielen Hunderttausenden kampieren. Jetzt erlebt sogar das gehobene Bürgertum ein asoziales Gemeinwesen.
Konflikte notdürftig zubetoniert
Dass dieses Athen, wo Neubauboom und Shopping Malls die ideologischen Konflikte des Bürgerkriegs und der folternden Diktatur notdürftig zubetoniert hatten, gar nicht zum friedlichen Mitteleuropa gehört, haben griechische Intellektuelle schon lange dargelegt. Die Balkankriege, an denen faschistoide griechische Freikorps teilnahmen und deren Flüchtlinge ebenso massenhaft nach Griechenland gespült wurden wie jetzt die Verzweifelten aus dem Irak und Afghanistan, hat man hier viel drastischer mitgemacht als in Mitteleuropa.
Es genügt die Lektüre der Kriminalromane von Petros Markaris, der auch als Autor für die Filme von Theo Angelopoulos immer tristere Bilder des moralischen und ökonomischen Verfalls gefunden hat, um den „Balkan Blues“ nach dem Brüsseler Wohlstandszeitalter zu begreifen. Prügelnde Polizei, albanische Mafia, im Elend abgestumpfte Afrikaner und zunehmend nervöse Griechen bilden den Hintergrund für Markaris’ Sozialstudien, die sich plötzlich als erschreckend hellsichtig erweisen.
Reformen bei den Ordnungshütern und Universitäten, über die jetzt in Griechenland diskutiert wird, sind zwar bitter nötig, erweisen sich aber angesichts der hellenistischen Verfallsdimension dieser Gesellschaft als pure Kosmetik. Im Leitartikel der führenden griechischen Tageszeitung „Ekathimerini“ heißt es am Donnerstag: „Wir erleben einen betrügerischen Mangel an Bildung, Gesundheit und Sicherheit und wissen bereits, dass wir nichts davon erhalten, wenn wir nicht zahlen. Wir sehen unsere unfähigen Politiker angesichts riesiger Herausforderungen nur auf die eigenen Interessen schielen, während der Rest der Welt Griechenland hinter sich lässt.“ Was also in der europäischen Metropole Athen raucht, sind nicht die Barrikaden einer anbrechenden Revolution, aber auch nicht die Relikte einer Orgie von gewöhnlicher Kriminalität. Es sind, in edler Einfalt und stiller Größe, die Ruinen des Sozialstaates.
In der Falle
Fritz Vandermöhlen (FritzV)
- 12.12.2008, 10:20 Uhr
Typisch
Matthias Mueller (helenos)
- 12.12.2008, 10:44 Uhr
Im Strassenkampf gefallen?
Frank Rosam (klaushaus)
- 12.12.2008, 10:49 Uhr
Eine Revolte des Lumpenproletariats?
Herold Binsack (Devin08)
- 12.12.2008, 10:50 Uhr
Stimmt schon
Ronald Gruenebaum (bruxman)
- 12.12.2008, 10:51 Uhr