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Grass, ein würdiger Nobelpreisträger Verschlungen die Wurzeln des Guten und Bösen

15.08.2006 ·  Den Literaturnobelpreis erhält man nicht für persönliche Integrität und Geradlinigkeit. Er enthält allerdings die unausgesprochene Verpflichtung, sich seiner würdig zu erweisen. Dem ist Grass nachgekommen, indem er sich seiner Vergangenheit gestellt hat.

Von Felicitas von Lovenberg
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Keine Debatte ohne Ausreißer, die sich einen Wettstreit eigener Art liefern. Gegenwärtig lautet das Ziel offenbar: Wer schafft es, sich am schärfsten und frappierendsten zu Grass zu äußern, wem gelingt es gar, mit seinem Einwurf so zu verblüffen, daß er seinerseits eine Debatte entfacht? Dieses unschöne Rennen der Rechtsüberholer wurde am Montag vom CDU-Bundestagsabgeordneten Wolfgang Börnsen, assistiert vom Vorsitzenden der Jungen Union, Philipp Mißfelder, konkurrenzlos gewonnen mit der Forderung, Grass solle all seine Ehrungen und Auszeichnungen, vor allem aber den Nobelpreis, zurückgeben.

Die Vermutung, daß dieser Ruf, wäre der fragliche Schriftsteller Mitglied nicht der SPD, sondern der CDU, mit Sicherheit aus dem anderen Lager erschollen wäre, schmälert nicht dessen affektgeleitete Absurdität.

Ein Antidiskiminierungsgesetz für die Künste

Dahinter steckt natürlich der Gedanke, im Licht des neuen biographischen Details habe Grass den Nobelpreis gar nicht erst bekommen dürfen – eine müßige Überlegung. Als ihm diese höchste literarische Auszeichnung 1999 zuerkannt wurde, hieß es zur Begründung, Grass habe der deutschen Literatur „nach Jahrzehnten sprachlicher und moralischer Zerstörung einen Neuanfang“ beschert.

Der Kritiker Hellmuth Karasek, der sich jetzt sogar zu der Anschuldigung hinreißen ließ, Grass habe sich den Nobelpreis „erschlichen“, pries damals noch den „unbequemen Mahner“ und den „Autor eines vereinten Deutschlands“. Kunstwerke, so es denn welche sind, transzendieren ihre Schöpfer zwangsläufig: gerade das macht sie aus und ermöglicht ihren universalen Reiz. Gäbe es ein Antidiskriminierungsgesetz der Künste, so stünde dort das Selbstverständliche: daß Kunst so wenig für Geschlecht, Hautfarbe oder sexuelle Vorlieben ihrer Urheber wie für deren politische Überzeugungen haftbar gemacht werden kann.

Nicht ohne Bosheit, aber deutlich

In Stockholm reagierte man auf den deutschen Proteststurm mit dem pointierten Hinweis, selbst im Fall des Norwegers Knut Hamsun, der die Auszeichnung 1920 erhielt und später aufgrund seiner Unterstützung der deutschen Besatzung wegen Landesverrats verurteilt wurde, habe es keine Aberkennung gegeben; die Entscheidungen seien endgültig, und noch nie sei ein Preis wieder entzogen worden. Zwar ist der Vergleich ausgerechnet mit dem Hitlerfreund Hamsun nicht ohne Bosheit, doch die Botschaft ist deutlich.

Den Literaturnobelpreis erhält man nicht für persönliche Integrität und Geradlinigkeit. Eher schon enthält die Auszeichnung, die aus bedeutenden Schriftstellern Autoren von Weltrang macht, eine unausgesprochene Verpflichtung, sich ihrer auch würdig zu erweisen. Diesem Anspruch ist Grass nachgekommen, indem er sich seiner Vergangenheit gestellt hat. In der Begründung des Nobelpreiskomitees hieß es weiter: „Der Spatenstich des Günter Grass in die Vergangenheit gräbt tiefer als der der meisten, und er findet, wie die Wurzeln des Guten und Bösen miteinander verschlungen liegen.“ Dem ist Grass nun gerecht geworden.

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