28.02.2010 · Deutschland streitet wieder über Google Street View und sieht seine Privatsphäre gefährdet. Dabei, und das wussten schon die Vedutenmaler, ist es nur gut für den öffentlichen Raum, ihn hin und wieder mal genauer zu betrachten. Wiederveröffentlichung eines Aufrufs von Peter Richter.
Von Peter RichterNoch vor zehn Jahren konnte, wer nachts nichts Besseres mit sich anzufangen wusste, das Fernsehen anschalten und ganz erstaunliche Sendungen schauen: Im ersten Programm fuhren Züge durch die Landschaft. Im Zweiten ein Auto. Man saß da als Zuschauer praktisch auf dem Beifahrersitz, der Fahrer hielt den Mund und fuhr. Dies, Bürger, ist dein Land - sagten diese Bilder: Es ist ganz schön, gelegentlich, und auch oft ziemlich langweilig; es gibt darin Wiesen und Gebirge und Wälder und viele Tankstellen und Gewerbegebiete und Ampeln und Verkehrsschilder und Vororte mit Reihenhäusern und Eigenheimen, und hoffentlich sind wir da bald durch . . .
Nein, man kann das nicht mit Claude Lelouchs Film „C'était un Rendezvous“ vergleichen, in welchem eine Kamera am Bug eines Sportwagens durch den frühmorgendlichen Montmartre rast; dies hier war eher ein Opel als ein Ferrari, und das da draußen eher Pirmasens als Paris.
Das Erstaunliche ist jetzt: Damals im Fernsehen war das zum Einschlafen gedacht. Wenn jetzt Google das Gleiche tut, nämlich Autos mit Kameras durch die Straßen schicken, dann sind alle hell alarmiert.
Eine Reminiszenz ans technologische Vorgestern
Sobald Google etwas Neues ankündigt, ist mittlerweile sofort ein Verdacht da, oder jedenfalls die Frage, wo der Haken an der Sache sitzt: Wenn mir das heute Spaß macht - wie werde ich morgen dafür büßen müssen? Es hat ja auch wirklich und tatsächlich etwas Beunruhigendes, die gesamte sicht- und lesbare Welt allmählich in die Datenbestände dieser Firma übergehen zu sehen.
Aber bei Google Street View kommen jetzt selbst geübte Warner an ihre Grenzen. Ein österreichischer Google-Kritiker wies zum Beispiel auf die Gefahr hin, Diebe könnten mithilfe des Programms nach Häusern mit besonders einladenden Fassaden und teuren Autos davor Ausschau halten ... Wenn das die Zukunft der Internetkriminalität ist, könnten wir unsere Polizisten auch wieder mit Hellebarden ausrüsten.
Schwer zu sagen, ob das nun ein Zeichen für Harmlosigkeit, doppelt beunruhigend oder einfach nur neutral sonderbar ist, wie sehr hier die digitale Zukunft plötzlich in die Vergangenheit weist; alles an Google Street View wirkt beinahe nostalgisch, wie eine Reminiszenz ans technologische Vorgestern.
Aus den Tiefen der Kunstgeschichte auf die Computerbildschirme
Google selbst war mit Google Earth schon einmal weiter. Dann kam Microsoft, mit Bing, über das sich erstaunlicherweise nie jemand erregt, und schenkte uns die Vogelperspektive: Wir können die Anwesen unserer Mitmenschen jetzt nicht nur von oben sehen, sondern sogar in halber Höhe von verschiedenen Seiten. Google Street View bedeutet nun das endgültige Absinken der Perspektive vom Blickwinkel Gottes (beziehungsweise des Satelliten) über die der Vögel zu derjenigen der Straßenpassanten, die glauben müssen, was ihnen als Fassaden vor den Augen steht, und wenn dies nur Potjomkinsche Behauptungen sind.
Und dann gibt es diese Fassaden, diese Straßenzüge, diese Strips, noch nicht einmal als Film, als Bewegtbild, sondern als Einzelaufnahme. Das ist die Rückkehr von Vedute und Panoramabild aus den Tiefen der Kunstgeschichte auf die Computerbildschirme in den Kinderzimmern! Da freut sich natürlich zuallererst der Kulturkonservative und denkt an Maler wie Canaletto und daran, ob die, wenn sie im 18. Jahrhundert ihre Camera obscura an den Canal Grande stellten, sich auch schon die erforderlichen Gedanken darüber gemacht haben, wie sie zufällig ins Bild gondelnde Passanten unkenntlich pixeln.
Einst war es eine Ehre, mit ins Bild zu dürfen
Als Eduard Gaertner später seine fotografisch genauen Bestandsaufnahmen von den Berliner Straßen machte, konnte sich sogar glücklich schätzen, wer mit ins Bild durfte. Bei Gaertner wurde diese Ehre nur ausgewählten Personen der Zeitgeschichte, Freunden und ihm selber zuteil. Es läge also in der Logik des Mediums wie auch in der Natur des Menschen, dass die Leute eher in Google-Bilder hineindrängen als hinaus. Vielleicht ließe sich damit sogar Geld verdienen: Wer ins Bild will, muss zahlen. Das dürfte am Ende häufiger vorkommen, als dass jemand zufällig im Bild ist und rauswill.
Ein Beispiel, das in diesem Zusammenhang tatsächlich zu lesen war, ist die Ehefrau, die beim Verlassen eines Hauses aufgenommen wurde, in dem ihr Mann sie bei einem Seitensprung vermutet. Nun kann man zu solchen Dramen nur sagen: Dazu braucht es wirklich Google nicht. Wer ein Interesse hat, nicht gesehen zu werden, muss halt zusehen, dass er nicht gesehen wird. Und das andere Standardbeispiel für die Gefahr von Google Street View, die Gefahr, dass Malerfirmen einem ungefragt Kostenvoranschläge zur Fassadenaufhübschung schicken: Das ist geradezu niedlich gegen das, was sich in manchen Gegenden Baden-Württembergs einer von den Nachbarn anhören darf, der mit der Hausordnung hinterher ist.
Das ist nicht 1984, sondern eher 1848
Auffällig ist nur, wie sehr all das immer ins Kleinstädtische und Neunzehntejahrhunderthafte zielt. Auch die Personalchefs, von denen jetzt (und zwar sicher völlig zu Recht) befürchtet wird, dass sie künftig nicht mehr nur die Gesichter und Sexualinteressen von Bewerbern googeln werden, sondern auch deren Wohnverhältnisse: Selbst die entdeckten nur etwas wieder, was den Menschen früher selbstverständlich war. Aus Anschriften werden wieder Adressen, und die werden als soziale Indikatoren gelesen. Das ist dann aber nicht 1984, sondern eher 1848. Die Welt wird, wenn überhaupt, wieder ein bisschen kleiner durch Google Street View, ein bisschen enger, ein bisschen vormoderner. Der Moloch Großstadt wird wieder übersichtlicher, die soziale Kontrolle wächst. Die Wirkungen, die Google Street View heute unterstellt werden, sind im Grunde das, wovon gerade Konservative seit zweihundert Jahren träumen.
Wenn bisher das Zappen durch die Fernsehprogramme als das Flanieren der Fußfaulen galt, dann kommen die mit Googles Street View zumindest mal wieder an die frische Luft, sozusagen. Wenn es wirklich wieder üblich würde, zur Erbauung durch die Städte zu laufen und sich die Häuser zu betrachten, und wenn es nur am Bildschirm ist - umso besser für die Städte eigentlich. Es wird sich dann unter Umständen nur eine Erkenntnis einstellen, mit der schon die malenden Vorläufer der Google-Fotografen zu kämpfen hatten: Die Wirklichkeit sieht manchmal unwahrscheinlich öde aus. Und damit die Wirklichkeit im Bild wahrscheinlich aussieht, muss ihr manchmal etwas nachgeholfen werden. Die Vedutenmaler wussten das, und wenn ihre Stadtansichten am fotografischsten aussehen, haben sie in der Regel am meisten gemogelt. Es gibt sogenannte Sammelveduten, die Dinge an einem Platz versammeln, die in der trüben Wirklichkeit sonst wo stehen. Und es gibt Idealveduten, die das glaubhafte Abbild einer Welt zeigen, wie der Maler sie gern hätte. Google hat ja auch schon diese Tendenz, wenn etwa wichtige Städte höher aufgelöst erscheinen und auf der Google-Erde damit proportional größer werden als langweilige Felder.
Ein Fall für Flashmobs
Es wäre mit anderen Worten schön, wenn bei Googles Street View eine künstlerische Nachbearbeitung der Fotos erfolgen würde, wie man sie etwa von den Bildern Andreas Gurskys kennt. Genau hier wäre nun endlich wirklich einmal „das Internet“ als Gemeinschaft seiner Benutzer gefragt, überhaupt die Öffentlichkeit, gerade da, wo sie um ihre Privatsphäre fürchtet. Wer Flashmobs organisieren kann, sollte es doch auch hinbekommen, dass plötzlich nur Maskierte in den Straßen stehen, wenn der Kamerawagen um die Ecke biegt. Die Gegenwehr, die vom Kamerawagen dokumentierte Attacke auf den Kamerawagen, ist bereits dabei, zu einer eigenen Ausdrucksform in Street View zu werden. Wenn alle, die zufällig auf die Bilder geraten, von Google verlangen, ausretuschiert zu werden, wird aus Street View ein Kunstwerk, wie sie sonst nur Paul Pfeiffer schafft. Und wenn jeder, wirklich jeder verlangt, dass das Haus, in dem er wohnt, unscharf gemacht wird: Dann würde diese Welt endlich ganz zu einer Arbeit von Gerhard Richter. Herrlich wäre das.
So scharf und echt und unverstellt, wie es jetzt ist, glaubt einem ja wieder keiner, wie Deutschland überwiegend tatsächlich aussieht. Wenigstens gibt es dann aber wieder etwas für Leute, die schwer in den Schlaf finden.