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Glyphosat-Streit : Die Wahrheit wird degradiert

So wirkt Glyphosat: Ein französischer Farmer zeigt die Wirkung des Unkrautvernichtungsmittels auf einem Senffeld bei Ouzouer-sous-Bellegarde. Bild: Reuters

Krebs, Politik und dunkle Mächte im Glyphosat-Krieg: Die Scharmützel um das Unkrautvernichtungsmittel erschweren nicht nur die Gespräche für eine neue große Koalition. Sie sagen auch viel über die Wissenschaft aus.

          Der politische Alleingang des christdemokratischen Bundeslandwirtschaftsministers in Sachen Glyphosat entwickelte sich im Laufe dieser Woche zu einem gewaltigen Lustkiller. Jetzt hat endgültig keiner mehr Lust aufs Koalieren. Gleichzeitig wünschen sich alle wie närrisch ein „Zukunftsbündnis“, so wie die saarländische christdemokratische Ministerpräsidentin, die damit den Streit um die Zulassungsverlängerung für das Unkrautvernichtungsmittel wenigstens etwas ausbremsen wollte. Der Vertrauensverlust beim Volk, den der Gebrauch solch realitätsferner Phrasen und die strategischen Scharmützel auslösen, wird dabei offenbar billigend in Kauf genommen. Als es schon nicht mehr ums Glyphosat, sondern nur noch ums rhetorische Zukleistern politischer Wunden ging, war klar: Die Zukunft der Landwirtschaft und damit unserer Ernährung, Gesundheit und der ökologischen Integrität der Welt spielt im Kalkül der politischen Akteure auch diesmal wieder nur insofern eine Rolle, als sie vor allem anderen der Absicherung der eigenen Macht und Überzeugungen zu dienen hat.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Unbeantwortet bleibt hingegen für viele Verbraucher die Frage, wieso eigentlich Glyphosat diese enorme politische Sprengkraft entwickelt hat. Weil Teile der Wissenschaft den Zulassungsbehörden vor zwei Jahren widersprochen haben und das Pflanzenschutzmittel als wahrscheinlich krebserregend eingestuft haben? Weil sich die Menschen plötzlich bedroht fühlen müssen, jetzt, nachdem das Mittel schon gut vierzig Jahre auf dem Markt ist und dieselbe Wissenschaft andere Pestizide, ja sogar Babyspielzeuge und Essensgewohnheiten wie Fleischkonsum als mindestens genauso schädlich einschätzt? Sicher nicht, wie der von der ehemaligen Grünen-Ministerin Künast eingesetzte Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, Andreas Hensel, in einem „Tagesspiegel“-Interview sehr deutlich ausformuliert hat. In der Wissenschaft sei das Urteil längst „glasklar“: Glyphosat sei nicht krebserregend.

          Das ist insofern richtig, als die Wissenschaft, die Hensel vertritt, den auf 4500 Seiten protokollierten Bewertungsprozess für die Zulassung auf einen, wenn auch zentralen, Aspekt – die Gesundheitsgefahren – konzentrierte. Hensel hat das Risiko im Blick, das von der Exposition mit Pestizidrückständen ausgeht – das reale Alltagsrisiko für den Menschen. Die „andere“ Wissenschaft, die von dem Krebsforschungsinstitut der Weltgesundheitsorganisation vertreten wird, hat dagegen mit ihrer Auswahl von Tierstudien das krebserregende Potential untersucht – das theoretisch aus Tierversuchen abgeleitete Risiko gewissermaßen. Und demnach ist Glyphosat onkologisch ähnlich zu bewerten wie Rindfleisch, Kaffee oder Sonnenstudios, nämlich als potentiell krebserregend. So weit, so wahr, so unbefriedigend.

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          Keine Orientierung für die Politik

          Die Schärfe kam in die Debatte, als dieser scheinbare wissenschaftliche Widerspruch ideologisch ausgeschlachtet wurde und die Wissenschaft damit, wie Hensel feststellt, „als Kampfmittel“ in der Debatte um die Zukunft der Landwirtschaft missbraucht wurde. Stimmt das aber überhaupt, liegt der Schwarze Peter nur im politischen Lager? Keineswegs. Die Frage, ob die Wissenschaft als Ganzes das unbefriedigende Geschacher um die Krebsgefahr-Statistiken und -Interpretationen nicht hätte verhindern können, das am Ende in hässliche gegenseitige Vorwürfe um Interessenkonflikte, Plagiate und Studien-Rosinenpickerei mündete, wird von den Experten gerne ausgeklammert. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie sehr es dabei auch um das Vertrauen in die Wissenschaft und deren Wahrheiten geht, die im Zusammenhang mit dem antiwissenschaftlichen Kurs der Trump-Regierung emphatisch diskutiert wurden und für die Wissenschaftler inzwischen auch auf die Straße zu gehen bereit sind.

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