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Gewaltdebatte Schandmal am Zonentor: Was ist ostdeutsch?

04.08.2005 ·  Die Kindermorde von Brieskow-Finkenheerd werden unbarmherzig für den Wahlkampf instrumentalisiert. Und schon wieder rätselt das Land über die „Ostseele“. Hören will man den anderen aber nicht.

Von Regina Mönch
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Im Juni 1990 stand ein Ehepaar aus Wernigerode vor Gericht, dem die Tötung von mindestens fünf Neugeborenen zur Last gelegt wurde. Die Kinder waren jeweils nach der Geburt im Wäschekorb unter Lumpen elend erstickt worden. Es fiel schwer, ein Verbrechen wie dieses einzuordnen.

Mit dem jüngsten Fall von Kindstötungen in Brieskow-Finkenheerd hat diese längst vergessene Geschichte insofern zu tun, als sie vor dem Bezirksgericht eines Staates verhandelt wurde, dessen lange Schatten noch heute zu spüren sind, obwohl er damals eigentlich schon untergegangen war - auch wenn das Richter, Staatsanwälte und Gutachter 1990 anders sahen. Auch diese Morde wollte damals niemand in der Nachbarschaft bemerkt haben, sowenig wie die unablässigen Schwangerschaften der Frau.

Ausgegrenzte „Assis“

Alles war zu besten DDR-Zeiten geschehen, mit vermeintlich lückenloser Sozialkontrolle und -fürsorge, in dieser vorgeblich füreinander einstehenden Menschengemeinschaft, von deren besonderem Sinn für Gerechtigkeit nicht wenige bis heute phantasieren. Das babymordende Ehepaar, vor allem seine unglücklichen fünf überlebenden Kinder aber gehörten schon damals nicht dazu, die waren eben „Assis“, daran ließ die wohlanständige Nachbarschaft vor Gericht nicht den geringsten Zweifel.

Was damals im Heimatort der Kindsmörder nicht funktionierte (und keine Sekunde ein Thema vor Gericht war) - uneigennütziges Mitgefühl und Hilfe jenseits staatlicher Fürsorge -, scheint auch für den jüngsten Fall von unbegreiflichen Kindestötungen zu gelten. Doch bis zum seriösen Beweis des Gegenteils sei davor gewarnt, derlei Verbrechen unmittelbar zu einer Folge der autoritären DDR-Zeit und des Umbruchs nach 1989 zu erklären.

Wer geht, der fehlt

Nur einbeziehen in die Ursachenforschung muß man die Vergangenheit schon, denn die Region, in der es geschah, gehört zu jenen, deren Sozialstrukturen instabil sind, die besonders von Abwanderung und wirtschaftlichen Problemen betroffen sind. Und wer geht, der fehlt. Auch dann, wenn es gilt, ein Netz sozialer Verantwortlichkeit jenseits staatlicher Strukturen zu knüpfen. Die ermittelnden Staatsanwälte in Frankfurt an der Oder haben in den letzten Jahren zahlreiche Fälle zu bearbeiten gehabt, die eine ungeheure moralische Verwahrlosung und Verrohung zutage förderten: Indizien dafür, daß dieses Netz gegenseitiger Unterstützung in einigen Gegenden entweder nie existiert hat oder durch den Weggang der dazu Bereiten wieder gerissen ist, gibt es genug.

Darauf hat der brandenburgische Innenminister Schönbohm Bezug genommen, sicher in einer brisanten Zuspitzung, die dem Schock und der Hilflosigkeit geschuldet sein mag: Er wollte eine „erzwungene Proletarisierung in ländlich strukturierten Räumen“ in frühen DDR-Jahren und Gleichgültigkeit zu den Ursachen zählen. Doch statt diesen Fall, der auch einen Politiker wie Schönbohm fassungslos macht, nun behutsam zu analysieren, um irgendwann daraus Schlußfolgerungen zu ziehen, die nicht nur hektisches Reagieren herausfordern, sondern der Tragödie halbwegs angemessen sind, geschieht etwas ganz anderes.

Einprügeln auf Schönbohm

Alle möglichen Experten und im normalen Politikgeschäft eher weniger gefragte Politiker prügeln auf Schönbohm ein, als habe er ihnen ein Schandmal ans Hoftor genagelt. Die Kindermorde von Brieskow-Finkenheerd werden für den Wahlkampf instrumentalisiert, und das zeigt vor allem: den Verfall politischer Streitkultur und eine Unbarmherzigkeit, die jeden erschrecken muß, der an die toten Kinder denkt, um die es nur noch wenigen geht.

Zugleich aber wird das Land östlich der Elbe wieder so diskutiert und medial wahrgenommen, als handle es sich immer noch um ein geschlossenes Sonderterritorium ohne große politische Differenz. Man beugt sich über die „Ostseele“, deren Maß seit diesem Sommer die Umfragewerte der Linkspartei vorgeben, so wie man sie zuvor fast anderthalb Jahrzehnte lang gewohnheitsmäßig durch den Fokus der PDS betrachtete. Die hatte es nach 1990 in atemberaubender Schnelligkeit geschafft, als letzte Instanz für jeden Rückschlag oder Fortschritt zu gelten, sie war das, was den „Osten“, vormals DDR, ausmachte. Die Differenz blieb eine Leerstelle, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung.

Unter dem Teppich versteckt

Das rächt sich jetzt. Denn es ist ein unbestreitbares Faktum, daß immer drei Viertel und mehr aller Wahlbürger im Osten der Republik anders lebten, anders wählten und anders dachten als die PDS oder ihr Wiedergänger, die Linkspartei. Doch nicht einmal die beispiellose Karriere einer Angela Merkel scheint dazu angetan, sich intensiver den anderen zuzuwenden, sie zu hören. Vielleicht, weil eine derart genauere Vermessung dazu führen könnte, all die Fehler des „Aufbaus Ost“, seine sozialen und politischen Verwerfungen und die Lähmung verursachenden Transferleistungen des Wohlfahrtsstaates aus den Expertenzirkeln herauszuholen und der öffentlichen Ratlosigkeit zur Diskussion zu übergeben.

Vor einem reichlichen Jahr schien die Hoffnung auf, es könnte sich doch etwas bewegen, damals, als die Dohnanyi-Kommission ihren Bericht vorlegte. Aber der ist längst wieder unter dem Teppich versteckt, die PDS-Linkspartei gibt den Ton und die Richtung vor, der alle hinterherhecheln, gegen jeden Sinn, jeden Anstand und alle Traditionen, die eine plurale Gesellschaft doch eigentlich herausgebildet hatte. Sollte uns nicht wenigstens der politisch instrumentalisierte Kindermord von Brieskow-Finkenheerd Anlaß sein für ein Innehalten?

Quelle: F.A.Z., 05.08.2005, Nr. 180 / Seite 31
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Jahrgang 1953, Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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