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Gesundheitssystem : Wie die Klinik krank macht

  • -Aktualisiert am

Sonntags sind Komplikationen wohl nicht vorgesehen: Das Krankensystem versagt Bild: Corbis

Geplant war ein kleiner Eingriff, Routine - doch die Klinikmaschine hat ihre eigenen Abläufe. Da wird der Mensch zum Material und der Arzt zum Dienstleister. Protokoll eines Albtraums.

          Der tiefschwarze Moment: Angst, Verdruss, Misstrauen türmen sich auf. Wut auf ein Gesundheitssystem, das mich einfach nicht gesunden lässt. Ein weiterer Eingriff wird nötig, denn meine Venen machen nicht mehr mit. Sie rutschen, sie rollen, sie sind schlapp. Nirgendwo kann zugestochen werden, die Medikamente und Nährlösungen gehen nicht mehr in die Blutbahn herein, die täglichen Blutentnahmen klappen nicht. Runter in den Aufwachraum, dort wartet der Halskatheter. Zum zweiten Mal, diesmal aber nicht - gnädig - nach der OP mit Vollnarkose. Der diensthabende Arzt warnt: Ich werde örtlich betäuben, aber es wird wehtun. Der Raum ist leer, die Krankenschwester ist eine „Springerin“, kommt aus einer ganz anderen Abteilung, kennt sich nicht gut aus mit dem Zubehör. Sie sucht und fragt und macht nervös.

          Seitlich liegen und absolut stillhalten, sagt der Arzt, der am Bildschirm verfolgt, was meine Gefäße treiben. Eine Maske bedeckt mein Gesicht, mit dünnerem Gewebe vor dem Mund. Wachsende Atemnot, bin schweißnass. Dann die Betäubung. Stochern fürs Gelingen. Seitlich liegen und stillhalten. Das Stochern ist wie Folter, nur dass dieser Arzt Gutes will. Er schimpft ein wenig, denn auch diese Vene will zunächst nicht. Als er murmelt, dass er eine andere Stelle suchen müsse, weine ich los. Ich hyperventiliere und bin überzeugt, dass ich aus diesem Krankenhaus nicht mehr herauskomme. Dass mein Körper sich in die Niederlage begeben hat. Das System hat gewonnen. Der Patient ist die Münze, die in den Apparat geworfen wurde. Unten kommt eine Krankenakte heraus.

          OUT OF THE BLUE AND INTO THE BLACK.

          Ich kratze so viel Cool zusammen wie es gerade geht

          Zurück in den Mai 2011: Nach einer Woche vager, aber beharrlicher Bauchschmerzen raffe ich mich am 20. Mai zum Arztbesuch auf. Blut wird entnommen, Rezepte werden ausgefüllt. Dass der Doktor mein Vertrauter ist - wäre übertrieben. Praxen vermeide ich bis auf Vorsorgeuntersuchungen, Erkältungen sollen ausgesessen werden, bin selten krank oder unpässlich. Als am Tag drauf die Blutwerte aufgelistet sind, erzählt Dr.G. etwas von Anämie und erhöhten Cholesterinwerten und mehr Sport. Diagnose: Blähbauch. Kein Rat, keine Schlussfolgerung. Aber viel auf dem Rezept - Dimetican, Omeprazol, MCP. Unruhe, Ratlosigkeit. Eine zweite Meinung? Der Internist Dr. B. ist erschrocken über die hohen Entzündungswerte auf dem Laborbefund. Er sucht den Bauch Millimeter für Millimeter ab, der Ultraschall zeigt auffällige Stellen dort, wo Dünndarm und Dickdarm zusammenkommen. Kann es Krebs sein?

          Unwahrscheinlich, die Bilder sind untypisch. Aber doch bitte sofort ins Krankenhaus, heute noch, da ist auf jeden Fall eine Entzündung. In welches? SOFORT heißt doch, keine Zeit für eine Recherche zu haben, nach Rankinglisten zu schauen. Empfehlungen und Erfahrungsberichte einzuholen. Es wird eine Klinik in einer deutschen Großstadt. Tüchtige Handwerker, jedenfalls hoffe ich das. Noch am Abend des 25. Mai werden zwei Ärzte nacheinander zwei Ultraschallaufnahmen von meinem Bauch machen. Sie stellen kaum Fragen, sie interessieren sich nicht sonderlich für die mitgebrachten Befunde von Dr.B. Keine Ahnung, ob sie voneinander wissen. Keine Ahnung, ob die Sonografie Nummer Zwei sich unterscheidet von Nummer Eins, der Bauch ist derselbe. Aber meine Akte bekommt Papiere.

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