Seitlich liegen und absolut stillhalten, sagt der Arzt, der am Bildschirm verfolgt, was meine Gefäße treiben. Eine Maske bedeckt mein Gesicht, mit dünnerem Gewebe vor dem Mund. Wachsende Atemnot, bin schweißnass. Dann die Betäubung. Stochern fürs Gelingen. Seitlich liegen und stillhalten. Das Stochern ist wie Folter, nur dass dieser Arzt Gutes will. Er schimpft ein wenig, denn auch diese Vene will zunächst nicht. Als er murmelt, dass er eine andere Stelle suchen müsse, weine ich los. Ich hyperventiliere und bin überzeugt, dass ich aus diesem Krankenhaus nicht mehr herauskomme. Dass mein Körper sich in die Niederlage begeben hat. Das System hat gewonnen. Der Patient ist die Münze, die in den Apparat geworfen wurde. Unten kommt eine Krankenakte heraus.
OUT OF THE BLUE AND INTO THE BLACK.
Ich kratze so viel Cool zusammen wie es gerade geht
Zurück in den Mai 2011: Nach einer Woche vager, aber beharrlicher Bauchschmerzen raffe ich mich am 20. Mai zum Arztbesuch auf. Blut wird entnommen, Rezepte werden ausgefüllt. Dass der Doktor mein Vertrauter ist - wäre übertrieben. Praxen vermeide ich bis auf Vorsorgeuntersuchungen, Erkältungen sollen ausgesessen werden, bin selten krank oder unpässlich. Als am Tag drauf die Blutwerte aufgelistet sind, erzählt Dr.G. etwas von Anämie und erhöhten Cholesterinwerten und mehr Sport. Diagnose: Blähbauch. Kein Rat, keine Schlussfolgerung. Aber viel auf dem Rezept - Dimetican, Omeprazol, MCP. Unruhe, Ratlosigkeit. Eine zweite Meinung? Der Internist Dr. B. ist erschrocken über die hohen Entzündungswerte auf dem Laborbefund. Er sucht den Bauch Millimeter für Millimeter ab, der Ultraschall zeigt auffällige Stellen dort, wo Dünndarm und Dickdarm zusammenkommen. Kann es Krebs sein?
Unwahrscheinlich, die Bilder sind untypisch. Aber doch bitte sofort ins Krankenhaus, heute noch, da ist auf jeden Fall eine Entzündung. In welches? SOFORT heißt doch, keine Zeit für eine Recherche zu haben, nach Rankinglisten zu schauen. Empfehlungen und Erfahrungsberichte einzuholen. Es wird eine Klinik in einer deutschen Großstadt. Tüchtige Handwerker, jedenfalls hoffe ich das. Noch am Abend des 25. Mai werden zwei Ärzte nacheinander zwei Ultraschallaufnahmen von meinem Bauch machen. Sie stellen kaum Fragen, sie interessieren sich nicht sonderlich für die mitgebrachten Befunde von Dr.B. Keine Ahnung, ob sie voneinander wissen. Keine Ahnung, ob die Sonografie Nummer Zwei sich unterscheidet von Nummer Eins, der Bauch ist derselbe. Aber meine Akte bekommt Papiere.
Zwei Tage im Zweibettzimmer, ich wundere mich, wie viel Essen und Getränke meine Bettnachbarin gebunkert hat. Doch dann kommen um acht Uhr, dreizehn Uhr, um siebzehn Uhr die ersten Kostproben einer Versorgung an, die bestenfalls als Nahrungsmittelzufuhr bezeichnet werden kann. Ich wundere mich weniger.
Als Privatpatientin habe ich freie Ärztewahl, was bedeutet, dass ich zur Chefsache eines Professors oder eines Privatdozenten mutiere und bei Visiten wichtiges Gedränge herrscht. Der Professor, der Oberarzt, dann ein Kometenschweif an Assistenzärzten. Als Klinikneuling bedeutet mir das wenig, merke aber den Groll anderer Abteilungen, wenn die Chefarztpatientin dazwischen geschoben werden muss und die Routine meinetwegen gestört wird.
Die Untersuchungen addieren sich. Eine Darmspiegelung am Tag drauf ist vieldeutig, jetzt begegne ich den APPARATEN. Über die Strahlenbelastung von CT-Untersuchungen werden keine Worte verschwendet, dabei werde ich insgesamt vier Mal die Röhre besuchen. Das erste CT-Bild ist faszinierend gruselig. Da ist ein Alien, der sich flach und hässlich streckt, wo der Dünndarm eine Klappe zum Dickdarm hat, 30 mm lang. Die Schleimhäute sind entzündlich, tumorös. Professor A. (Name geändert) erzählt, doziert. Und dann:
Wir müssen ein Stück Darm herausnehmen. Mich schockieren die verwirrenden medizinischen Termini, ich kratze so viel Cool zusammen wie es gerade geht. Kann es Krebs sein? Ja. Wie wahrscheinlich, fifty-fifty? Ja, fifty-fifty. Dies alles im rational-paternalistischen Tonfall. Ein Dienstleister eben. Irgendwie falle ich aus dem Alltag. Alles Fühlen und Denken reduziert sich auf fifty-fifty. Man sagt mir nach, dass bei mir das Glas immer halbvoll ist, dass ich Optimistin bin. Aber jetzt kann ich weder Kraft noch Hoffnung mobilisieren und eine mündige Patientin bin ich auch nicht. Ich höre kaum noch zu, als noch von ausstehenden histologischen Untersuchungen die Rede ist. Professor A. hält eine Vorlesung, die ich nicht brauche.
Wir schneiden auf jeden Fall so, als sei es bösartig, das ist sicherer. Vorläufige Entlassung bis zur OP, das Wochenende verbringe ich zuhause. Sehr viele Liebe gibt mir mein Mann und ich frage kein einziges Mal blöde: warum gerade ich? Ablenkung ist notwendig. Großes Aufräumen, Rechnungen bezahlen, Steuererklärung fertig stellen. Ich telefoniere lange mit einem Freund, der Darmkrebs hatte. Er schafft es, mit mir Szenarien durchzugehen, ohne mich zu ängstigen. Details zu erklären, die dann ihren Horror verlieren.
Am 30. Mai ein Anruf - die Gewebeproben weisen nicht auf Krebs hin. Genaues erst nach der OP, aber man sei schon ziemlich sicher. Die OP wird am Dienstag mikro-invasiv durchgeführt, Professor A. ist Experte dieser Verfahren. Eine laparoskopisch assistierte Ilepzökalresektion mit Adhäsiolyse. Das klingt plötzlich klein und überschaubar, ich bin zuversichtlich, die Gesundung wartet um die Ecke. In vierzehn Tagen können Sie Ihr altes Leben wieder aufnehmen. Diese Aussage ist wohl die falschmöglichste Prognose der kommenden Wochen. Diese Aussage wird massiv zu meiner Wut beitragen. Doch zunächst geht es ganz gut. Ein paar Schmerztabletten, Antibiotika, Langeweile, wenig Appetit. Mit Freunden gehe ich zwei Tage nach der OP in die Cafeteria der Klinik, es ist schönes Wetter.
Kein Doc nirgendwo
Die morgendliche Standardfrage: Auf einer Skala von eins bis zehn: wie stark sind Ihre Schmerzen? Meistens vier bis fünf. Zunächst. Übers Wochenende darf ich nach Hause, das fühlt sich wie Geburtstag, Weihnachten und Karrieresprung gleichzeitig an. Doch schon Samstagabend kommt ein leichtes Fieber. Dann am Morgen starke Schmerzen im Bauch, Tabletten wirken kaum. Mittags entschließen wir zur Klinik zu fahren. Am frühen Nachmittag liege ich wieder im Einzelzimmer, während mein Mann und meine Freundin vergeblich versuchen einen Arzt zu finden.
Eine Schwester wird von meinem Mann bedrängt doch schnell einen Arzt zu rufen. Kein Erfolg, es ist ja Sonntag. Meine Freundin versperrt später einem Mann im weißen Kittel einfach den Weg, in der Hoffnung, dass er Arzt ist. Die Schwester protestiert: Er kennt Sie doch gar nicht...Aber er hat doch wohl Medizin studiert? Kein Doc nirgendwo. Nichts passiert. Sonntags sind Komplikationen wohl nicht vorgesehen. Eigentlich eine Slapstick-Situation. Nur dass mir der Bauch unglaublich weh tut. Noch mehr Schmerzmedikamente. Die ich immer schlechter vertrage, mein Magen revoltiert. Eigentlich nehmen wir gern Novalgin, nur in wenigen Fällen vertragen Patienten das nicht so gut. Ich bin so ein fünf-Prozent-Fall. Meine Freundin schlägt Zäpfchen vor, von Beruf ist sie Filmcutterin, nicht Apothekerin.
Das Warten macht müde
Abends besuchen mich endlich zwei diensthabende Ärzte, die im Abstand von einer Stunde meinen Bauch abtasten - die geringste Berührung ist jetzt schon qualvoll. Was ist da drinnen los? Ohne Laborwerte schwer zu diagnostizieren. Aber sonntags gibt es offenbar keine Laborwerte. Montagmorgen, langsam läuft die Maschinerie an. Ich sitze im Rollstuhl, kann nicht mehr gehen. Eine CT muss her. Die Schwester sagt: Fahren Sie runter in die erste Etage, die wissen Bescheid, frage Sie nach X. Niemand weiß dort Bescheid, X. existiert nicht. Mein Mann und ich stehen vor der offenen Tür eines - leeren - Untersuchungsraums, auf dem Gang rennen Menschen vorbei, die keinen X. kennen. Aber prinzipiell Sie sind hier richtig.
Nichts passiert. Das Warten macht müde, mürrisch. Mein Mann geht entnervt wieder zur Station hoch und fordert Auskunft. Die Schwestern schicken ihn zurück: Da ist eine Überwachungskamera, da wird man Sie schon wahrnehmen... Herumhängen, im Wortsinn, ich kann kaum aufrecht sitzen. Endlich ist jemand da. Sie sind die mit dem Blinddarm? Nein, in der Akte, die sie ungeöffnet in der Hand hält, steht, worum es geht. Meinen Blinddarm habe ich seit vierzig Jahren nicht mehr. Ich sage es so unfreundlich wie möglich und schlage vor, die Akte mal zu öffnen. Das wird noch Dutzende Male passieren - dass diese Akte wie eine Monstranz herumgetragen - aber nicht gelesen wird. Der Patient ist für die Kommunikation von Arzt zu Arzt, Abteilung zu Abteilung, Schwester zu Schwester selbst zuständig. (Wenn er denn den Mund aufbekommt).
Montagmittag. Die Blutwerte sind katastrophal. Das CT zeigt eine Nahtinsuffizienz. Die erste OP ist danebengegangen, das kann in 5% der Fälle vorkommen, ich habe allerlei Erklärungen unterschrieben, die nichts anderes besagen als shit happens. In meinem ganzen Bauchraum haben sich lebensgefährliche Keime ausgebreitet. Bauchfellentzündung, die Ärzte operieren drei Stunden lang, spülen immer wieder durch.
Als ich gegen drei Uhr morgens im Zimmer aufwache, habe ich schwarze Spinnwebenfetzen vor Augen. An der Wand hängt die Uhr, sie ist ganz anders, denn sie rast rückwärts. Ich verstehe nicht, die surrealistischen Zeiger der Uhr entsetzen mich. Ich bin überzeugt, dass ich gleich meine eigene Sterbeurkunde unterschreiben soll und will nicht. Ich will, dass die verrückt gewordene Uhr still steht. Mein Herz rast ebenfalls. Weil so viele Schläuche an mir hängen, weil alles wehtut, erreiche ich nicht den Notrufknopf. Ich wage nicht die Augen zu schließen, weil dann der Tod ins Zimmer kommt. Der einsamste Moment meines Lebens, der fürchterlichste.
Oxycodon will ich nicht
Am Morgen ist Professor A. da, zählt alle Fakten auf. Vieles begreife ich nicht. Aber sehen und fühlen kann ich noch: zwei ableitende Schläuche für Wundflüssigkeit, ein Urinbeutel, eine Infusion mit Nährlösung, eine mit Antibiotika. Und ein künstlicher Darmausgang. Stoma, anus praeter, Bauchafter. Ich taufe das Ding shit bag. Den haben Sie jetzt die nächsten 6-8 Wochen, kann aber auch ein halbes Jahr werden. Morgens, mittags, abends, nachts Tabletten, die ich nach wie vor schlecht vertrage. Darunter Oxycodon, ein Opiat. Und magenschonende Mittel. Und etwas zum Schleimabhusten, weil ich so schlecht Luft kriege. Und eine Einschlafhilfe. Und etwas gegen den Reflux. Irgendwann kotze ich eine ganze Pharmaindustrie heraus.
Überhaupt, das Oxycodon will ich nicht. Als ich vor Jahren in den Vereinigten Staaten mein Bein mehrfach brach, wurde ich mit Oxycodon wochenlang stillgelegt. Hillybilly Heroin heißt es dort. Weil sich arme Weiße auf dem Land Oxycodon spritzen, vierzig Dollar kostet eine Tablette auf dem Schwarzmarkt. Wunderbar euphorisierendes Zeug, nur macht es blitzfix süchtig. Ich verfiel in Depression, als ich es absetzte.
Darum gibt es gegen die Schmerzen dann am Mittwoch ein weiteres ... Schläuchlein, diesmal im Rücken. Auch bei dieser Therapie muss ich unterschreiben, dass ich korrekt aufgeklärt wurde, das Krankenhaus auf keinen Fall verantwortlich ist für Komplikationen und jeder Murks meine eigene Schuld ist, nur etwas vornehmer formuliert. Jetzt also eine Peridualanästhesie. Der Katheter ist mit einer Pumpe verbunden, die Opioide freisetzt, und so kann ich mir selbst die Schmerzspitzen nehmen. Aber wieder gehöre ich zur fünf-Prozent-Minderheit der „Komplikationen“: Zuerst streikt die Pumpe, dann bekomme ich Juckreiz im Rücken, rote Hautflecken. Wieder ein Schmerzmittel, das ich nicht vertrage und das abgeändert werden muss. Versuch und Irrtum. Mein Leib ist angewandte Empirie.
Gebeutelt und geschlaucht
Auf einer Skala von eins bis zehn: wie stark sind Ihre Schmerzen? Im Zimmer liegt ein Merkblatt aus, Schmerzen müssen nicht sein. Offenbar für das Qualitätsmanagement gedacht. Dazu gehört ein Benchmarkfragebogen. Sind Sie durch die Schmerzen in Ihrer Stimmung beeinträchtigt? Hätten Sie gewünscht, mehr Mittel gegen Schmerzen zu bekommen? Sind Sie durch die Schmerzen beim Husten beeinträchtigt? Kann sein, dass die Daten irgendwo abgelegt werden. Kann sein, dass irgendjemand sie irgendwann liest. Die Intensität wird angeblich mit einem Lineal (darauf eine visuelle Analogskala sowie numerische Analogskala) ablesbar für das Personal. Zahlenschnickschnack, um Standardisierung möglich zu machen. Doch weder zwei bis drei noch fünf bis sechs beschreiben mein Körpergefühl annähernd getreu.
Das Bouquet von Schläuchen bewirkt, dass ich mich kaum rühren kann, irgendetwas zerrt immer. Oder ich habe Angst, dass meine Körperflüssigkeiten sich über das Bett verteilen. Gebeutelt und geschlaucht. Aufstehen und waschen ist ohne Hilfe nicht möglich, und meine Haare verfilzen so wie meine Seele. Nein, es kann einem nicht gut gehen. Ein Krankenhaus ist eben nicht der lichte Ort, wo Menschen behütet, geheilt, getröstet werden. Ist auch nicht Wellness-Angebot. Aber muss es einem in unserem Jahrhundert, in einer abgesicherten, fortschrittlichen Wohlstandsgesellschaft mit einem milliardenteuren Gesundheitssystem so lächerlich schlecht gehen? Umfragen zu Patientenzufriedenheit ergeben immer wieder dasselbe: man beklagt sich an erster Stelle über das Essen, an zweiter über die Hygiene.
Das Zimmer ist karg: ein Bett, Kommode, Besuchertisch und -stühle, Fernseher, eine kleine Dusche. Geputzt wird in atemberaubender Geschwindigkeit. Fünf bis sieben Minuten, dann sind Boden und Flächen oberflächlich gewischt, der Mülleimer geleert, die Reinigungsfrau verschwunden. Husch-husch hätte meine Mutter die eingetaktete Methode geschimpft.
Liest sich ordentlich. Tag für Tag erlebe ich anderes. Die Bettwäsche ist schnell durchgeschwitzt und verzogen, weil die Matratze darunter plastikbeschichtet ist. Die Falten drücken nach einer Weile in die Haut. Das reizt, wenn man sich kaum bewegen kann. Die Schwestern würden wohl öfter wechseln, helfen, pflegen, sind aber zu wenige. Ich traue mich selten den „persönlichen Service“ zu verlangen, das kommt mir verwöhnt und egoistisch vor angesichts der deutlichen Überbelastung. Meine erste Dusche (nach Tagen) muss erkämpft werden, weil so etwas den work flow durcheinanderbringt. Vor Jahrzehnten war ich einmal zu Besuch in einem griechischen Krankenhaus. Dort kauerten oder schliefen weibliche Angehörige der Patienten vor den Krankenbetten. Sie wuschen, fütterten den Kranken rund um die Uhr. Ein Dritte-Welt-Szenario. Aber meine Freundin und mein Mann machen das Gleiche, sie ersetzen fehlendes Personal. Sorgen für selbstgekochte Speisen, für saubere Haut. Muntern mich auf, fragen nach, holen Informationen ein, die nicht freiwillig gegeben werden.
Fehler im System
Wer krank ist, muss selbst für Restkontrolle sorgen. Erklärungen? Mehr als ein paar Minuten und Allgemeinplätze sind nicht drin. Denn das System Krankenhaus macht Arbeitsverdichtung zur Norm. Nachts ist eine einzige Person zuständig für die ganze Station, sie muss rennen, checken, verabreichen, Infusionen wechseln, die Bettpfanne bringen. Sie muss die Medikamente für den folgenden Tag zusammenstellen. Aber vor allem endloses Papier ausfüllen. Jede Handreichung, jeder Befund wird dokumentiert. Für die Versicherung? Für den Buchhalter? Den Anwalt? Liest das irgendjemand irgendwann? Und wenn ein paar Zimmer weiter der verwirrte Neuro-Patient verbotenerweise raucht, weil er es immer wieder schafft Zigaretten und Feuer ins Zimmer zu schmuggeln, dann ist die einsame Schwester die halbe Nacht nur damit beschäftigt, die Station vor einem Brand zu bewahren. Und wenn doch einer unter ständiger Beobachtung sein müsste? Dann schiebt man das Krankenbett auf den Gang vor dem Glasfenster der Stationsschwester, anders geht es nicht. Springer, die kurzfristig helfen könnten - da gibt es nur zwei fürs ganze Haus.
Eine junge Ärztin erzählt von goldenen Zeiten, als Medizinstudenten noch Geld verdienen konnten als nächtliche Sitzwachen für besonders auffällige oder notleidende Patienten. Vorbei, kein Budget mehr. Überhaupt: warum muss eine ausgebildete Krankenschwester Bettwäsche wechseln? Das Essen bringen? Mein hochpreisliches Recht auf Wahlverpflegung erlaubt mir zum Beispiel ein extra Croissant am Morgen. Oder eine Cola. Es erlaubt mir aber nicht, zwei Portionen der schmackhaften Brühe zu bestellen, die ich mehr mag als die Hauptgerichte. Zweimal dasselbe kann ich nicht ins System eingeben - so die Schwester.
Das System hat gut klingende Namen für Mahlzeiten, deren Substanz ratlos machen. Da ist eine weißliche Scheibe, die von einer rosa Sosse ertränkt wird, in der Aussparung daneben gestanzte Möhrenstücke und beiger Matsch, der Kartoffelpüree imitiert. Alles, alles schmeckt nach feuchter Pappe in verschiedenen Stadien der Zersetzung. An einem anderen Tag gerate ich mit meinem Mann in Streit, ob das Stück feuchte Pappe (in Panade) nun Fisch oder Fleisch sei. Einfach nicht zu schmecken. Erst der Bestellzettel deklariert die Pappe zu Truthahn. Großküchen können nicht Hochgenuss produzieren. Aber fast alles, was ich in den nächsten Wochen ausprobiere, ist trostlos schlecht.
Its the economy, stupid. Bei einer Grossklinik mit mehr als tausend Betten lohnt es sich pro Essen zwanzig, dreißig Cent zu sparen, das ist echte Kostensenkung. Bei einem kleinen Krankenhaus mit zweihunder bis dreihundert Betten rechnen sich Qualitätsabstriche nicht so dramatisch. Darum gilt das Essen dort auch als viel besser. An manchen Tagen träume ich von einer Revolte. Da würden alle Patienten das weisse oder rosa Zeug zum Fenster hinauswerfen. Wie Schleim würde das schlechte Essen die Fassade hinunter kriechen, ein gutes Bild für Nachrichtensendungen und Schlagzeilen. Verkrumpelte, durchgeschwitzte Laken? Aus dem Fenster damit! Stattdessen bekomme ich mein Tablett hingestellt, es ist überschwemmt mit Brühe, eine fettig-feuchte Sauerei. Die Suppentasse war ausgelaufen. Wurde so angeliefert, kann ich auch nix für, meint der Praktikant und geht.
Die Blutwerte (Leukozyten, CRP) bleiben schlecht. Eine neue Diagnose: in meinem rechten Nierenbecken hindert irgendetwas den Urin abzufließen, und die Gallenblase sieht auch entzündlich aus. Da muss - konsiliarisch - ein Urologe her. Und diese Begegnung ist surreal: Die Schwestern fahren mich in meinem Krankenbett zum Nachbargebäude, unterirdisch durch einen langen Gang verbunden. Fahlgelbes Licht, ab und zu eine Tür, durch die ich Entsorgungsvorgänge, geheimnisvolle Apparate sehe. Ich werde am urologischen Arbeitsplatz in einem Souterrain-Raum abgestellt, es erscheint Dr. D. (Name geändert).
Immer die Nieren
Vielleicht hat ihn die Einsamkeit des Souterrains gesprächig gemacht, jedenfalls folgt eine Brandrede gegen die Diagnose-Fähigkeiten anderer Fachabteilungen: Nierenbeckenerweiterung? Soso. ICH bin der Uro. Ich kann beurteilen, was da bei Ihnen vorliegt. Die Zeiten sind vorbei, dass die Chirurgen sagen, wo es langgeht. Die haben so eine Folie, wonach sie denken und handeln und glauben immer Recht zu haben. Aber ICH bin der Uro und weiß, was mit Nieren ist und ich sage Ihnen, ob da ein Abflusshindernis oder sonst etwas ist.... Folie? Uro? Ich, die Patientin, denke an Dr.Jekyll und Mr.Hyde und möchte fliehen.
Die Chirurgen können bei einer Bauchoperation nämlich die Urether verletzen, alles schon passiert. Und wie oft schicken die Leute runter, denen ICH dann sagen muss, dass sie Krebs haben. Ich fange an zu weinen, meine Nerven liegen blank. Eine weitere Sonografie, er erzählt noch etwas von Folien und Denkweisen und ich bin entlassen und nicht klüger als vorher, aber verschreckter. Am 22. Juni werde ich zum Partnerkrankenhaus gefahren, um dort eine Harnleiterschiene, ein Doppel-J, zwischen Niere und Blase eingesetzt zu bekommen. Um den Stau im Nierenbecken loszuwerden, sei das nötig. Es kann sonst zu einem Funktionsausfall der Niere kommen. Muss nicht, kann aber. Sie wollen doch nicht die Niere verlieren.
Menschlichkeit kann man nicht abrechnen
Überdiagnostiziert, übertherapiert. Irgendwann gebe ich auf, mir fällt kein Gegenargument mehr ein. Irgendwann weine ich nur noch gegen das System. Ein gut meinender Assistenzarzt schlägt vor, einen Psychiater vorbeizuschicken: Sie sind wohl traumatisiert....Natürlich bin ich traumatisiert, was auch sonst? Aber einen Psychiater brauche ich nicht. Beim Einsetzen der Harnleiterschiene - ein Augenblick der Menschlichkeit. Da ist ein Anästhesist, der mich nicht vor Lähmungen, Krebs, Depressionen warnt sondern mich in den Dämmer hinein singt. Oh Danny Boy, the Pipes are calling. Das schöne, irische Liebeslied. Ich staune und schlafe ein. Die Tage und Nächte vergehen mit Blutabnahmen, Chefvisiten, Fernsehen. Wenn ich zufällig eine Arztserie sehe, wovon es viel zu viele gibt, ersticke ich fast an der heilen und sterilen Welt, die da vorgelogen wird. Die To-Do-Liste eines Krankenhausarztes ist streng auf Diagnose-Therapie ausgerichtet. Was ich als Versuch und Irrtum - verstörend - erlebe, ist klassische Ausschlußdiagnostik. Aufwendig, teuer, frustrierend, zäh. Menschen schrumpfen zusammen auf Krankheit und körperliche Defizite. Jeder Arzt weiss ein bisschen, jeder legt ein weiteres Papier in die Akte. Ein „Adlerblick“ auf den individuellen, kranken Menschen ist nicht vorgesehen.
Menschlichkeit ist im System ein Faktor, der sich nicht beziffern und abrechnen lässt. Nice to have, aber kein Menschenrecht. Drei Minuten bei der Visite - Na, wie geht es?/Sie sehen ja schon besser aus/heute gefallen Sie mir/ es geht aufwärts/da müssen wir noch ran/jaja, ich verstehe Ihren Frust. Banalitäten, die Zuversicht ausstrahlen sollen und das Herz nie erreichen. Wie auch? Für aufrichtige Empathie ist keine Zeit, ist kein Personal da. Ich bezweifele auch, dass Einfühlungsvermögen an den Unis gelehrt wird. Vielleicht gibt man den Studenten eine Checkliste mit Satzbausteinen. Richtig wäre es, Rollentausch zu üben, direkt im ersten Semester. Noch besser, wenn jeder Krankenhausangestellter selbst mal als Patient in der eigenen Klinik gelegen hätte.
Endlich beginnt der Countdown zur Freiheit. Bis auf den Stomabeutel werde ich entkabelt und entschlaucht. Dreizehn Kilo habe ich abgenommen, die Muskeln sind verschwunden, ich gehe wie eine Greisin. Beim Entfernen der PDA erlebe ich noch einmal, wie miserabel Kommunikation zwischen Arzt und Patient im Krankenhaus verläuft: Wir entfernen jetzt die PDA, das tut gar nicht weh, wie Pflaster entfernen. So ist es dann auch. Wenn Sie aber am Rücken irgendeine Veränderung spüren oder Ihre Beine sich merkwürdig anfühlen: sofort melden. Das kann eine Querschnittslähmung bedeuten.
Ich raste aus. Nach der gefährlichen Bauchfellentzündung, nach dem Krebs-Szenario des seltsamen Uro im Souterrain, nach der Warnung vor dem potentiellen Absterben einer Niere nun zum Schluss die mögliche Querschnittslähmung. Wissen Sie, WAS Sie gerade WIE gesagt haben? Lernen Sie im Studium überhaupt mit Patienten zu reden? Richtige Worte zu finden? Die Ärztin ist beleidigt, sie hat nur die Vorschriften befolgt und die mögliche Nebenwirkung benannt. Die Entlassung ist am 20. August, mein Bauch gehört wieder mir. Nehme ich an.
Sonia Seymour Mikich leitet die Programmgruppe Inland des WDR und wird als politische Journalistin und Moderatorin von „Monitor“ wegen ihres Scharfsinns, Engagements und der Fähigkeit zur treffenden Formulierung bewundert. Sie kann durchaus für sich und für andere sprechen und einstehen, sich wehren – als Patientin aber musste sie erleben, wie schnell man vom Subjekt zum reinen Objekt der medizinischen Abläufe wird, die von bloßer Konfusion, Berechnung und wahnsinnigen Vorschriften bestimmt werden.
in den USA, GB ist alles besser
klaus keller (klkeller)
- 24.05.2012, 22:18 Uhr
Privatisierung der Krankenhäuser
Veronika Soey (VeronikaSoey)
- 24.05.2012, 18:15 Uhr
Leider noch harmlos
Dr. Andreas Frick (Hephaistos)
- 24.05.2012, 16:16 Uhr
Alltag in jeder Klinik
Rosemarie Steinhauer (wetterstone)
- 24.05.2012, 15:27 Uhr
Empathieverlust ist kein krankenhausspezifisches Phänomen
Andreas Burchert (a.burchert)
- 24.05.2012, 13:21 Uhr