http://www.faz.net/-gqz-83h9t

Ernährungsirrsinn : Tue Buße und trink einen Smoothie

Grüne Smoothies sind der neueste Schrei, helfen aber nicht gegen alles Bild: dpa

Paleo-Diät für Babys und anderer Irrsinn: Immer mehr pseudoreligiöse Health- und Food-Blogger treiben im Internet ihr Unwesen. Die Tipps, die sie geben, sind oft absurd – mitunter sogar hochgefährlich.

          Zum Beispiel Elle Macpherson: Früher, in den achtziger und neunziger Jahren, war die Australierin mit den sehr langen Beinen ein berühmtes Model. Heute ist Elle Macpherson 51 Jahre alt und auf dem gigantischen Lifestyle-Anti-Aging-Markt tätig, wobei sie keine Botox-Spritzen injiziert, sondern wie so viele Stars auf ihrer Website die heilsame Kraft eines gesunden, natürlichen Lebensstils preist. Der Begriff „Balance“ spielt dabei eine wichtige Rolle, die Philosophie des Im-Einklang-Seins mit sich selbst und der Natur. Elle Macphersons Botschaft ist simpel: „Fühle dich gut, nähre deine Zellen, und du wirst gut aussehen.“ Ihr ganz persönliches „super food“ sind weder Goji-Beeren noch Chia-Samen, sondern ein alkalisierendes Nahrungsergänzungsmittel: „The Super Elixir“. Ein grünes Wunderpulver, das sie gemeinsam mit einer sogenannten Ernährungsexpertin entwickelt hat. Das Pulver unterstütze Wohlbefinden und Vitalität, lindere Stress, Müdigkeit und vorzeitige Hautalterung. Kosten: 99 Dollar pro Dose. Dieses Pulver, sagt Elle Macpherson, habe ihre Gesundheit und ihr Leben verändert.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Auch bei Gwyneth Paltrow, die ja mal einen Oscar gewann und sich jetzt als Ernährungs-Guru inszeniert, geht es ums Ganze. Ihre Internetseite „Goop“ ist eine Ansammlung absurder, mit Versprechungen aufgeladener Tipps, wie sie auch in Frauenzeitschriften üblich sind – mit dem entscheidenden Unterschied, dass Gwyneth Paltrows Celebrity-Status ihr eine Autorität und Glaubwürdigkeit verleiht, die sie in die Experten-Kategorie befördert, wohin sie nicht gehört. Sie selbst ist freilich gegenteiliger Ansicht, was ihre vielen Empfehlungen beweisen, wie etwa jene, sich doch einer Vagina-Dampfreinigung zu unterziehen, wodurch die weiblichen Hormone wieder in Einklang kämen. Das ist nicht nur Unsinn, es ist auch gefährlich: Verbrennungsgefahr!

          Grünkohl hat den Beliebtheitszenit bereits überschritten

          Gwyneth Paltrow und Elle Macpherson sind prominente Beispiele einer rasant wachsenden, pseudoreligiösen Gemeinschaft von Health- und Food-Bloggern, die ihre Ernährungs- und sonstigen Optimierungsweisheiten oft in missionarischem Ton erfolgreich im Internet verbreiten. Ihr Einfluss nimmt zu. Alles dreht sich um die Frage, welcher Lebens- und Ernährungsstil gesünder, schöner, energiegeladener, glücklicher und ausgeglichener macht. Lebensmittel sind heute nicht einfach nur Lebensmittel, sie sind, wie beispielsweise It-Bags, gleichzeitig Trendprodukte. Hoch im Kurs stehen derzeit Kokosnussöl, Acai-Beeren (auch Wunderbeeren genannt), Quinoa, Süßkartoffeln und Grünkohl, wobei der Grünkohl in Amerika laut Trendforschern seinen Beliebtheitszenit bereits überschritten hat.

          Der Bioladen wird zum Tempel der Essensüberhöher.
          Der Bioladen wird zum Tempel der Essensüberhöher. : Bild: Frank Röth

          Zu einem „Healthy Lifestyle“ gehören Rituale, wie etwa jeden Morgen eine Schüssel glutenfreier Haferflocken („Overnight Oats“, auch Bircher-Müsli genannt) mit Bio-Beeren oder einen grünen Smoothie zum Frühstück zu genießen. Eines der magischen Wörter lautet Detox (also Heilfasten), eine Art Peeling für das vermeintlich dauerverschmutzte Körperinnere des modernen Menschen. Überall – auch bei Elle Macpherson und Gwyneth Paltrow („Pre-Holiday Cleanse“, „The Best Juice Cleanses“) – ist von der Notwendigkeit der Körperreinigung die Rede. Der Mensch sündigt, er isst Süßes und Weizen, trinkt Kaffee und Alkohol, stopft Burger in sich rein, mag Kekse und übersäuert durch seine miserablen Gewohnheiten den Körper. Detox als Buße. Es ist die denkbar beste Werbung, und sie beschert der Industrie ein Milliardengeschäft. Die Wahrheit ist: Ein gesunder Körper muss nicht entgiftet werden, da er über ein fast perfekt arbeitendes organisches Reinigungssystem verfügt, welches seinen Dienst praktischerweise Tag und Nacht erledigt. Sollte der Körper tatsächlich vergiftet sein, hilft ein grüner Smoothie garantiert nicht weiter.

          Der moderne Tempel der Essensüberhöher

          Beliebte Ernährungsstile, ob nun vegan, Paleo, Low-carb, glutenfrei oder Rohkost, haben alle eines gemeinsam: die Regelbesessenheit ihrer Verfechter, die kategorisch zwischen guten (natürlichen) und schlechten (industriell verarbeiteten) Lebensmitteln unterscheiden, zwischen gesunder und gefährlicher Nahrung. Was für den einen essentiell ist (etwa Fleisch), stuft der andere als Teufelszeug ein. Aus der Überzeugung, auf der Seite der Guten zu stehen, die den Durchblick haben, wird gerne ein moralisches Überlegenheitsgefühl abgeleitet. Der moderne Tempel der Essensüberhöher ist der Bio-Laden. In Amerika heißen diese Tempel „Whole Foods Market“, eine Kette, die Michael Schulson, Autor des Buchs „The Gluten Lie“, in einem Artikel für „The Daily Beast“ als den „größten Schrein der Pseudowissenschaft“ bezeichnet. Das Pseudoreligiöse als Teil des Vermarktungskonzepts sei evident. Schulson führt unter anderem das „Ezekiel 4:9 bread“ an, „Dr. Bronners’s Magic Soups“ sowie „Vitamineral Earth’s Sacred Healing Food“. „Whole Foods“ verkauft neben Lebensmitteln vor allem das Gefühl, moralisch vorbildhaft zu handeln. Die Werbeslogans, die dieses Gefühl verstärken, lauten so: „Eat like an idealist“, „Healthy food does good“, „Treat your body like it belongs to someone you love“.

          Eine der erfolgreichsten Food-Bloggerinnen ist die junge, gutaussehende Britin Ella Woodward, bei der 2011 eine seltene Krankheit namens Posturales Tachykardiesyndrom diagnostiziert wurde. Auf ihrer Website „Deliciously Ella“ („Love Your Life, Love Your Food, Love Your Self“) beschreibt die Bestseller-Autorin ihre einstigen Qualen. Sie konnte kaum die Straße entlanglaufen, schlief sechzehn Stunden am Tag, litt unter Magenbeschwerden, chronischen Schmerzen, Kopfweh. Sechs Monate suchte sie Hilfe bei der Schulmedizin, doch ihr gesundheitlicher Zustand blieb katastrophal. Dann änderte sie ihr Leben, sprich ihre Ernährung, radikal und stellte über Nacht auf eine „Vollwertkost auf pflanzlicher Basis“ um. Das bedeutete: kein Fleisch mehr, keine Milch, kein Zucker, kein Gluten und was nicht alles. „Auf diese Weise zu essen hat mir die Kontrolle über meine Krankheit gegeben. Die ständigen Schmerzen hörten auf, meine Energie wurde wiederhergestellt, ich bekam mein Leben zurück. Es hat mich wirklich geheilt.“

          Toxische Babynahrung

          Es sind Happy-End-Geschichten wie diese, nach denen sich viele Menschen sehen. Das Heilungsnarrativ ist ein Erfolgsgarant, unbeeindruckt von wissenschaftlichen Tatsachen. Ästhetisch an Hochglanzmagazine erinnernd und erzählerisch geschickt verpackt, reüssieren selbst die zweifelhaftesten Geschichten. Der Glauben jener, die sich in irgendeine Ernährungsideologie verrannt haben, scheint unerschütterlich. Nur so lässt sich erklären, dass es der jungen Australierin Belle Gibson gelungen ist, der Welt im Internet erfolgreich vorzugaukeln, sie habe einen Hirntumor im Endstadium besiegt – durch alternative Heilmethoden und gesunde Ernährung (F.A.Z. vom 24. April). Selbst Apple kaufte Belle Gibson diese Geschichte ab, und man fragt sich, wie viele Verantwortliche ihren gesunden Menschenverstand des lukrativen Geschäfts wegen wohl ausschalten mussten.

          Apropos gesunder Menschenverstand: Starkoch Pete Evans – ein Landsmann von Belle Gibson – hat gemeinsam mit Charlotte Carr (Bloggerin) und Helen Padarin (Heilpraktikerin) ein Paleo-Kochbuch für Babys und Kleinkinder verfasst („Bubba Yum Yum. The Paleo Way“), dessen fürs Frühjahr geplante Markteinführung der Verlag kurzfristig stoppen musste. Die Belegexemplare an Kritiker waren bereits versandt, da liefen Experten gegen die Veröffentlichung Sturm. Die „Public Health Association of Australia“ hatte davor gewarnt, dass Babys sterben könnten, käme dieses Buch in die Verkaufsregale. Ein Rezept für Babymilchnahrung aus Leber- und Knochenbrühe stellte sich als toxisch heraus: Es überschritt die maximal sichere Vitamin-A-Aufnahmemenge um das Zehnfache. Die Fontanellen des Neugeborenen könnten drastisch anschwellen. Selbst das vom Autorenteam überarbeitete und mit Vitamin C sowie Kalzium angereicherte Rezept stufte der australische Dachverband für Ernährungsfragen als Gefahr für Babys ein: „Das ist ein weiteres Beispiel dafür, wie gefährlich es sein kann, den Gesundheitsratschlägen unqualifizierter Leute zu folgen.“

          Der Skandal läutete trotzdem nicht das Ende von „Bubba Yum Yum. The Paleo Way“ ein, im Gegenteil. Charlotte Carr schreibt freudig auf ihrer Homepage: „Ich kann es nicht erwarten, bald das Veröffentlichungsdatum meines Buchs mit euch zu teilen.“ Auch dieser Unfug wird seine Käufer finden.

          Mehr zum Thema finden Sie im Internet unter http://blogs.faz.net/foodaffair/

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Offensive gegen Kurden : Verstößt die Türkei gegen das Völkerrecht?

          Anne Peters ist Direktorin am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg. Im FAZ.NET-Interview erklärt sie, wie der türkische Militäreinsatz in Nordsyrien aus völkerrechtlicher Perspektive zu bewerten ist.

          Weltwirtschaftsforum : Warum eigentlich gerade in Davos?

          Alljährlich treffen sich führende Politiker und Top-Manager in Davos. Wie entstand das Weltwirtschaftsforum, wer darf teilnehmen – und was ist überhaupt der „Davos Man“? FAZ.NET beantwortet die grundlegenden Fragen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.