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Englische Schuluniformen : Geschlechterwahl

In Uniform: Schüler der Londoner Harrow School bei der Feier zum Ende des Schuljahres im Juni 1932 Bild: Picture-Alliance

Um nicht in das Muster „altmodischer Vorstellungen“ zu fallen: Immer mehr britische Schulen überlassen den Kindern die Entscheidung, ob sie Schuluniformen für Jungen oder für Mädchen tragen wollen.

          Wer eine britische Schule mit Uniformpflicht besucht hat, ist von früh auf mit der Spannung zwischen „wir“ und „ich“ vertraut, die unserem ganzen Gemeinwesen zugrunde liegt. Die Uniform soll ein Gefühl der Gleichheit und Zugehörigkeit vermitteln. Dagegen regt sich das Bedürfnis nach Selbstbehauptung. Schüler suchen nach individuellen Ausdrucksformen oder nach kleinen Gesten des Protests gegen Konformität und Autorität. Die Schulleitung begegnet dem regelmäßig mit Ermahnungen, die Vorschriften zu Schmuck, Nagellack, gefärbtem Haar, ausgefallenen Schuhen, Krawatten, Rocklängen und anderen Reibungspunkten zu beachten.

          In den letzten Jahren sind in Sachen einheitlicher Schulkleidung zwei neue Herausforderungen dazugekommen: die Zulässigkeit von religiöser Kleidung und, neuerdings, die Berücksichtigung von Schülern, die sich der binären Geschlechtsklassifikation nicht fügen wollen. Anfang des Jahres machte die Londoner St Paul’s Girls School, eine der besten Privatschulen des Landes, mit der Ankündigung eines neuen „Genderprotokolls“ Schlagzeilen. Dieses spiegelt die wachsende Besorgnis um das psychische Wohl von Schülern ebenso wie die soziale Akzeptanz von Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie. Die sich ihrer liberalen Traditionen rühmende Eliteschule, die sich schon seit Jahrzehnten vom Uniformzwang verabschiedet hat, erlaubt Schülerinnen jetzt, sich wie Jungen zu kleiden und mit einem Jungennamen angesprochen zu werden.

          „Wir bewegen uns auf einen Punkt zu, an dem das Geschlecht eine Frage der Wahl ist“, erklärt die Schulleiterin. Angesichts der steil wachsenden Zahl von Kindern und Jugendlichen, die sich als transgender bezeichnen, lassen immer mehr Schulen im staatlichen Sektor, Grundschulen eingeschlossen, eine sogenannte geschlechtsneutrale Uniform zu. Der Begriff geschlechtsneutral ist allerdings etwas verwirrend, denn um Schülern die Wahrung ihrer „emotionalen Geschlechtsidentität“ auch im Klassenzimmer zu ermöglichen, lässt man ihnen die Wahl zwischen Mädchen- oder Jungenuniform. Das gilt demnächst auch für Highgate, eine gemischte Privatschule in Nordlondon, wobei dort auch von der Bezeichnung Mädchen- oder Jungenuniform Abstand genommen werden soll, um nicht in das Muster „altmodischer Vorstellungen“ von männlich und weiblich zu fallen.

          Außerhalb des Schulwesens werden ähnliche Schritte unternommen. Mit wechselndem Erfolg: Ein Experiment des Londoner Barbican Centre, das mit geschlechtsneutralen Toiletten Inklusivität demonstrieren wollte, erregte unlängst Zorn und Spott, als es seine Sanitärräume in „genderneutrale Toiletten mit Pissoir“ und umgewidmete Frauentoiletten ohne Pissoir aufteilte. Da Letztere auch von Männern genutzt wurden, während Frauen die Örtlichkeiten mit Pissoir scheuten, mussten die Frauen mit noch längeren Schlangen als üblich kämpfen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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