Home
http://www.faz.net/-gsf-73umx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Geschlechterselektion Nicht ohne eine Tochter

An Retortenbabys hat sich die Gesellschaft gewöhnt. Inzwischen aber gibt es immer mehr Eltern, die das Geschlecht ihres Kindes vorher festlegen wollen. Wohin führt das?

© dpa Vergrößern Am 16. April 1982 hat das erste deutsche Retortenbaby das Licht der Welt erblickt. Die Wünsche der Eltern für ihr Ungeborenes haben seitdem zugenommen

Augustbaby“ ist untröstlich, denn sie erwartet das falsche Kind. Sie hat bereits drei Kinder, allesamt gesund, allesamt Jungs, die sie liebt, obwohl sie sich nie einen Sohn gewünscht hat, sondern immer nur eine Tochter. Eben, schreibt „Augustbaby“ auf ingender.com, habe sie erfahren, dass auch ihr viertes Kind ein Sohn sein werde, der ebenso wie die drei anderen Söhne in Zukunft vor ihr herumtollen und sie stets daran erinnern wird, dass ihr Mädchenwunsch unerfüllt bleibt. Für „Augustbaby“ scheint das eine Tragödie. Ihr Herz, schreibt sie, sei gebrochen.

Melanie Mühl Folgen:  

Mary Johnson wünscht sich wie „Augustbaby“ ein Mädchen, was vor allem daran liegt, dass ihr Mann einige Jahre älter ist als die Neununddreißigjährige und das Paar befürchtet, ein temperamentvoller Junge könnte den Vater physisch und psychisch überfordern. Würden sie darüber nachdenken, sich ein Haustier anzuschaffen, wäre es jedenfalls eher ein Goldfisch als ein Jack Russell. Um absolut sicherzugehen, dass ihr die Hebamme am Ende nicht womöglich doch einen Sohn in die Arme legt, sucht Mary Johnson Hilfe bei Jeffrey Steinberg, einem der renommiertesten amerikanischen Reproduktionsmediziner und Arzt an den Fertility Institutes in Los Angeles und New York. Er garantiert seinen Kunden ein Baby mit dem gewünschten Geschlecht.

Das Verfahren nennt sich „Sex Selection“ und ist in Amerika ein Millionengeschäft. In Deutschland ist es, wie in den meisten anderen Ländern, verboten. Eine der wenigen Ausnahmen ist Israel, wobei dort im Gegensatz zu Amerika die Erlaubnis an bestimmte Bedingungen geknüpft ist, über deren Einhaltung eine Kommission wacht. Zum Beispiel muss eine Familie mit Mädchenwunsch bereits mehrere Söhne großziehen, um einen positiven Bescheid zu erhalten.

Der Assistent Gottes

“Sex Selection“ funktioniert im Grunde nach demselben Prinzip wie die Präimplantationsdiagnostik (PID) - mit dem Unterschied, dass die durch künstliche Befruchtung entstandenen Embryonen, bevor sie in die Gebärmutter eingesetzt werden, nicht nur auf Erbkrankheiten wie Mukoviszidose oder Glasknochenkrankheit, sondern eben auch auf ihre Chromosomenzusammensetzung hin untersucht werden. Unter dem Neonlicht-Mikroskop leuchten die weiblichen Zellen rosarot und die männlichen hellblau. „Für viele Patienten gehört es zum Lifestyle, die Familie geschlechtlich auszubalancieren. Zu mir kommen Frauen, die fünf Söhne haben und sich sehnlichst wünschen, die eigene Tochter modisch einzukleiden - so, wie ihre Mütter sie einst eingekleidet haben“, sagt Jeffrey Steinberg.

Mittlerweile herrscht ein regelrechter PID-Tourismus. Seine Kunden kommen zu sechzig Prozent aus dem Ausland, vor allem aus Asien und Europa, erzählt Steinberg im Gespräch mit dieser Zeitung. „Wir hatten sogar schon Leute vom Nordpol!“ Die Vorlieben unterscheiden sich: Chinesen und Inder wünschen in mehr als neunzig Prozent der Fälle Jungen, Kanadier zu 58 Prozent Mädchen, und bei den deutschen Kunden betrage das Verhältnis fünfzig zu fünfzig. Der Reproduktionsmediziner sorgt im Jahr für etwa 420 Babys mit Wunschgeschlecht.

Dabei scheint Steinberg nicht der Ansicht, dass er Gott spielt; er arbeite, sagt er, nur Hand in Hand mit ihm, gewissermaßen als sein Assistent. Für Menschen wie Mary Johnson umweht Steinberg wohl tatsächlich ein Hauch Göttlichkeit. Vor wenigen Jahren bot er seinen Kunden sogar an, nach Haar- und Lieblingsaugenfarbe auszuwählen. „Wir hatten die Technik so weit entwickelt und hätten mit großer Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Ergebnis - zum Beispiel blonde Haare und braune Augen - vorhersagen können „, sagt Steinberg.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Geschlechtsneutralität in Schulen Guten Morgen, kleine Pinguine!

In den Vereinigten Staaten tobt eine Debatte über die geschlechtsneutrale Anrede von Schulkindern. Ein Bezirk in Nebraska hatte Schulen gebeten, auf Anreden wie Jungs oder Mädchen zu verzichten, um niemanden auszuschließen. Mehr

12.10.2014, 13:57 Uhr | Gesellschaft
Astronaut Gerst sendet Grußbotschaft aus dem All

ESA-Astronaut Alexander Gerst ruft Kinder und Jugendliche zum Engagement für eine bessere Welt auf. In persönlichen Worten ermutigt der er alle Mädchen und Jungen, die Erde zu einem gerechteren Ort zu machen. Mehr

19.09.2014, 10:02 Uhr | Gesellschaft
Mädchenschulen Besser lernen ohne Jungs

Sie gelten als altmodisch und exotisch. Zu Unrecht, klagen Schülerinnen, die sie besuchen. Ein anderes Klischee über Mädchenschulen stimmt allerdings - es hat mit Naturwissenschaften zu tun. Mehr Von Birgitta vom Lehn

22.10.2014, 05:00 Uhr | Beruf-Chance
Retortenbabys im katholischen Polen

Auch in Polen erfüllen sich kinderlose Paare durch die Befruchtung im Reagenzglas ihren Kinderwunsch. Das Besondere: Inzwischen wird die Geburt des Retortenbabys der Mutter sogar vom Staat bezahlt. Mehr

14.07.2014, 11:08 Uhr | Gesellschaft
Gazastreifen Kaum Hoffnung auf Heilung

An diesem Wochenende soll in Kairo über den Wiederaufbau in Gaza beraten werden. Das wird schwierig: Die seelischen Wunden der Menschen sind schlimmer als die Kriegsschäden. Mehr Von Hans-Christian Rößler, Gaza-Stadt

11.10.2014, 10:51 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 25.10.2012, 10:36 Uhr

Eine sichere Bank des Landes

Von Andreas Rossmann

Welche Bedeutung haben die Warhol-Bilder für Nordrhein-Westfalen? Der Kulturausschuss diskutiert die Irrungen und Wirrungen des geplanten Verkaufs an diesem Donnerstag. In einer aktuellen Viertelstunde. Mehr 11