Das Ende der Männer, aus der Sicht von Timothy Schuster betrachtet, einem Krankenpfleger und Hausmann in dem kalifornischen Städtchen Clovis, kündigte sich damit an, dass seine Frau ihn als Schwuchtel beschimpfte, als impotenten Versager, der nicht einmal in der Lage sei, es einem Hund zu besorgen. Die beiden trennten sich, aber eines Abends im Sommer 2003 schaute Larissa Schuster mal wieder bei Timothy vorbei. Sie hatte ihren Kollegen James Fagone mitgebracht, außerdem einen Elektroschocker und genügend Chloroform, um einem erwachsenen Mann sämtliche Lichter auszuschalten.
Sie lockten Timothy aus dem Haus, sie betäubten ihn, und ob er noch lebte, als sie seinen Körper zersägten, konnte, als man seine Reste fand, keiner mehr sagen. Denn die Leiche stopften sie in ein Fass, und in das Fass kippten sie Salzsäure, und als die Polizei das Fass fand, brauchte es einen guten Chemiker, um Timothy Schusters Reste zu identifizieren.
So viel zum Ende dieses Mannes, von dem man, erstens, schon deshalb so ausführlich berichten muss, weil das Kapitel über weibliche Mörder, Schläger und andere Verbrecher in diesem Buch, welches „Das Ende der Männer“ heißt, nicht nur das mit den meisten Toten, sondern auch das mit dem meisten Leben ist. Und es ist das Kapitel, welches das Versprechen des Titels am genauesten einlöst. Hier treten nicht bloß soziale Trends und Arbeitshypothesen auf, welche dann in den Körper irgendeiner Bethenny oder Samantha schlüpfen. Hier tun böse Frauen böse Dinge, was auch für den männlichen Leser eine Wohltat ist.
Männer verwahrlosen, Frauen passen sich an
Und andererseits muss hier von den Verbrecherinnen auch deshalb die Rede sein, weil niemand sonst so gut die Methode der Autorin anschaulich machen kann. Vor ein paar Jahren hat Hanna Rosin, für das kluge Magazin „The Atlantic“, einen Artikel geschrieben, der „The End of Men“ hieß und Wirbel machte. Die Männer, darauf lief der Text hinaus, haben abgewirtschaftet. Die Frauen sind flexibler, pragmatischer, fleißiger und wissbegieriger, weshalb ihnen die Macht, wenn sie diese nicht schon haben, zwangsläufig in den Schoß fallen wird: spätestens dann, wenn die Mädchen, die heute an Schulen und Universitäten die Jungen überflügeln, erwachsen geworden sind.
Jetzt hat Hanna Rosin ihre Beobachtungen und Erkenntnisse zu einem Buch erweitert - und weil sie anscheinend von der Kraft, der Evidenz, der Unumstößlichkeit ihrer These überzeugt ist, sortiert sie alles, was sie finden kann, in Zeitungen und Statistiken, in Büchern, Fernsehserien und im eigenen Bekanntenkreis, da ein: auch wenn es überhaupt nicht passt.
Wenn es also tatsächlich heute mehr weibliche Gewalt, mehr Morde und mehr Totschlag gibt, dann bedeutet das ganz zweifellos das Ende des einen oder anderen Mannes. Aber es steht doch in kategorischem Widerspruch zu einem Befund, den Hanna Rosin an anderer Stelle sehr viel besser belegen kann: dass nämlich der weißen Mittelschicht Amerikas solche Verhältnisse drohen, wie man sie bislang nur aus der schwarzen Unterschicht kannte. Die Männer, die mit ihrem Arbeitsplatz auch den Stolz und das Selbstbewusstsein verloren haben, drohen abzusacken in Verwahrlosung, Gewalt, Kriminalität. Während die Frauen sich den neuen Verhältnissen anpassen, ihre Kinder allein erziehen und insgesamt die ganze Gesellschaft zusammenhalten.
Widersprüche, die einem egal sein können
Und wenn das Buch auf die Zustände an der Wall Street zu sprechen kommt (wo, selbstverständlich, die Kurswerte der Männlichkeit fallen), ordnet es Patrick Bateman, den irren Serienkiller aus Bret Easton Ellis’ „American Psycho“, der Gruppe jener Broker und Banker zu, mit denen Hanna Rosin gesprochen hat - so als ob dieser Bateman, diese monströse Gestalt aus Sprache und Fiktion, einfach noch so ein Börsenheini wäre, mit dem man sich in einer Bar verabreden kann.
Und so könnte man endlos weiterschimpfen, über die gedanklichen und methodischen Mängel dieses Buchs, über seine nachrichtenmagazintitelgeschichtenhafte Aufgekratztheit und Großspurigkeit, über die absolute Abwesenheit jeder politischen und historischen Reflexion. Am Anfang schreibt Hanna Rosin einfach mal hin, dass hier und heute die Herrschaft der Männer zu Ende gehe, jenes patriarchalische Zeitalter, welches 200000 Jahre gedauert habe. Am Schluss vermutet sie, dieselbe Ära habe nur 80000 Jahre gewährt.
Und zwischendrin erfährt man, warum einem das ganz egal sein kann: Denn als Bericht aus der Gegenwart, als Reportage über amerikanische Verhältnisse, welche den hiesigen nicht ganz gleichen und uns trotzdem interessieren sollten, ist Hanna Rosins Buch sehr lesenswert - auch wenn es vermutlich weder für Männer noch für Frauen eine erbauliche Lektüre ist.
Ein Freund würde nur stören
Es fängt damit an, dass die Autorin eine kleine Stadt an der Küste besucht - und entdeckt, dass die Männer aus der Öffentlichkeit verschwunden sind. Die Industrie, das alte, produzierende Gewerbe, ist ausgewandert in irgendein Schwellenland, es gibt kaum Jobs mehr für die Männer, die so gekränkt und verletzt sind, dass sie sich in ihren Häusern verkriechen. Sichtbar sind die Frauen, die wesentlich besser durch die Krise gekommen sind. Sie haben nicht gejammert, sondern sich fortgebildet, neue Jobs gesucht, erziehen die Kinder allein, und das Erstaunlichste ist: Sie wollen keinen Mann. Jene Bethenny, die hier stellvertretend für einen neuen Frauentypus auftritt, erlaubt ihrem Freund vielleicht mal, dass er sie besuchen kommt. Heiraten will sie ihn nicht, sie müsste ihn ja ernähren.
Im nächsten Kapitel macht das Buch einen Besuch in den Colleges, deren Abschlepp- und Aufriss-Sitten früher der Schrecken jedes anständigen Mädchens war. Die Jungs wollten Sex, die Mädchen einen Freund; wer nicht mitmachte, war prüde, wer sich abschleppen ließ, war eine Schlampe. Heute, schreibt Hanna Rosin, sind die Mädchen mit diesen Sitten einverstanden. Sie suchen keinen Freund mehr, sie wollen, manchmal, Sex. Vor allem wollen sie in Ruhe lernen, wobei ein Freund nur stören würde.
Frauen sind einfach besser
Und das sind auch schon die zwei wichtigsten Punkte dieses Buchs: Das Ende der Männer, darauf laufen alle Recherchen von Hanna Rosin hinaus, ist eine Folge des wirtschaftlichen Wandels. Männer, das haben die Männer der Autorin erzählt, wollen etwas bauen, etwas produzieren, sie wollen Dinge zusammenschweißen, und wenn es, weil die Produktion ausgelagert wird und die amerikanische Wirtschaft zur Dienstleistungsökonomie wird, nichts mehr zum Zusammenschrauben gibt, werden sie traurig, passiv und arbeitslos und gehen lieber angeln, als dass sie sich zu Krankenpflegern oder Apothekenhelfern umschulen ließen. Dass dieser wirtschaftliche Wandel schon seit ein paar Jahrzehnten im Gang ist, das muss nicht unbedingt ein Widerspruch sein. Er dauert ja an, und Hanna Rosin vermutet in ihrem Buch, dass irgendwann im vergangenen Jahrzehnt der sogenannte tipping point erreicht worden sei, der Moment, da eine Quantität sich in eine neue Qualität verwandelt.
Das Ende der Männer bedeutet aber auch den Aufstieg der Frauen, und der, sagt Hanna Rosin, hat darin seine Ursache, dass die Frauen einfach besser sind. Sie sind strebsamer und konzentrierter, sie schreiben bessere Noten, studieren mit mehr Erfolg, sie lassen sich von Niederlagen nicht erschüttern und von ihren Träumen weniger verwirren. Es waren amerikanische und englische Rezensentinnen, die darauf hingewiesen haben, dass sich diese Erfolgsgeschichte nicht einfach linear fortschreiben lasse; dass, wenn die Superstudentinnen von heute in fünfzehn Jahren vor den Chefzimmern und den Kommandozentralen stehen werden, das Patriarchat mächtig genug sein werde, die Türen fest verschlossen zu halten. Und es wäre sicher interessant zu fragen, was die mächtigere Triebkraft ist: der Wille der Patriarchen, die eigene Macht zu retten - oder die Nachfrage des Kapitalismus nach den besten Köpfen, egal, ob sie auf einem weiblichen oder einem männlichen Körper sitzen.
Eine widerliche kleine Streberin
Für Hanna Rosin ist die Sache klar, die Frauen werden siegen - und es gibt in ihrer Erzählung einen immer wiederkehrenden Widerspruch, der ihr aber gar nicht aufzufallen scheint. Hinter all den Erfolgen, der Strebsamkeit und Unbeirrbarkeit scheint immer wieder auf, dass der größte Vorteil der Frauen deren Anpassungsfähigkeit ist. Sie funktionieren so gut, weil sie den bestehenden Verhältnissen so wenig Widerstand entgegensetzen. Diese Verhältnisse sind aber im Wesentlichen von Männern geschaffen, so dass das ganze Buch darauf hinausläuft, dass Frauen die besten aller Männer sind (oder jedenfalls die idealen Bewohner der Männerwelt).
Die Überlegenheit ihrer eigenen Tochter beschreibt Hanna Rosin so: „Am Abend, bevor sie zu Bett geht, macht sie sich eine Liste, was sie am nächsten Tag oder im Lauf der Woche tun muss (. . .) Klavier üben, die Blockflöte putzen, Aufsatz in Spanisch schreiben.“ Der Sohn dagegen macht Probleme: „Als wir über die Schule sprachen, schweiften die Jungen schnell ab. Sie kamen auf Actionhelden zu sprechen und begannen, ,Jäger des verlorenen Schatzes’ nachzuspielen (. . .) Man sagt einem Jungen, was er tun soll, und er beginnt bereits, Fluchtpläne zu schmieden.“
Die ganze Passage ist nicht nur deswegen so traurig, weil man Mitleid bekommt mit dem armen Mädchen, das die Mutter anscheinend zu einer widerlichen kleinen Streberin erziehen will, während der Junge schon gemerkt hat, dass es ein Recht auf Widerstand gibt. Es ist auch deswegen so schrecklich, weil sich gerade in diesem kleinen Ausschnitt so deutlich offenbart, dass, was Hanna Rosin für das Neue hält, in Wirklichkeit das uralte Geschlechterverhältnis ist. Während die Mädchen streben, üben sich die Jungen im Widerspruch. Während sich die Frauen anpassen, gehen die Männer angeln und träumen dabei. Während die Frauen die Gebrauchsanweisungen der Gesellschaft auswendig lernen, ignorieren die Jungen sie, was, wie wir gelernt haben, immer die Voraussetzung für das Neue ist. Und genau davon, vom Erfinden, Entdecken, Erschaffen, spricht Hanna Rosin aber nie.
Mädchen, möchte man da rufen: Vergesst Hanna Rosin! Geht angeln, geht spielen, damit fängt es an.
Hanna Rosin hat Recht...
Michael Rakete (CaptainSpaulding)
- 23.01.2013, 17:37 Uhr
Interessant...
Carola Späth (deichgoere)
- 21.01.2013, 13:26 Uhr
Der ganze Gender-Quatsch ist eine Mode die vorübergehen wird - aber
man soll sie tolerieren.
Gerhart Manteuffel (cem_m)
- 20.01.2013, 10:46 Uhr
"Genderextrapolationismus"
Svenja Sirisee (Sirisee)
- 17.01.2013, 22:48 Uhr
Vom Klempner bis zum Feuerwehrmann
Zufferey Marcel (Davos08)
- 17.01.2013, 12:36 Uhr