09.11.2008 · Wer sind wir? Woher kommen wir? Während Amerika sich in Barack Obama erkennt, sucht das deutsche Fernsehen mit Guido Knopp das deutsche Wesen in den germanischen Urwäldern. Was für ein Missverständnis.
Von Claudius SeidlEs hat, die Alten werden sich erinnern, mal eine Zeit gegeben, da lernten amerikanische Kinder in amerikanischen Schulen, dass jene Leute, aus denen dann die Amerikaner wurden, Puritaner und Pilgerväter gewesen seien, englische Menschen mit großen Hüten und langen Bärten, welche, nur zum Beispiel, mit der „Mayflower“ am Plymouth Rock gelandet seien, im Osten des Kontinents dreizehn stolze Staaten gegründet, die Herrschaft Englands abgeschüttelt und sich dann an die Eroberung des Westens gemacht hätten. Und wenn so ein Schüler aber von seinen Eltern erfahren musste, dass das Transportmittel seiner Vorfahren ein Sklavenschiff war (oder dass womöglich seine Vorfahren schon 10.000 Jahre früher in Amerika eingewandert waren), dann wusste er gleich, dass offenbar nicht jeder Bewohner der Vereinigten Staaten ein vollwertiger Amerikaner war.
Es gab die Zeit, da mussten die französischen Kinder laut und deutlich nachsprechen, dass ihre Vorfahren die Gallier gewesen seien, welche, kaum zweitausend Jahre war es her, bei Gergovia dem Tyrannen Caesar und der römischen Übermacht widerstanden hätten. Und wenn so ein Schüler eine dunkle Hautfarbe hatte und einen arabischen oder afrikanischen Namen, dann war das nur ein Beleg dafür, dass die französische Republik mit Absicht farbenblind war und wahres Jakobinertum aus jedem Franzosen einen Gallier im Geiste machte.
Ihre eigene Geschichte
Die Araber und Afrikaner in Frankreich haben sich aber trotzdem gegen die Enteignung ihrer eigenen Erzählungen gewehrt; die Amerikaner, die nicht weiß und auch nicht von europäischer Herkunft sind, haben längst angefangen, ihre eigene Geschichte zu erzählen – und wer sich davon überzeugen will, dass die alten Geschichten ihre Gültigkeit, zumindest aber ihre Verbindlichkeit verloren haben, der braucht dafür keine Lehrpläne zu studieren. Es reicht ein Blick in jene politische Wirklichkeit, in welcher der Sohn eines ungarischen Journalisten (und ehemaligen Fremdenlegionärs) und einer griechischen Juristin im Élysée-Palast zusammen mit einer italienischen Industriellentochter lebt. Es reicht, nur einen Funken jener Begeisterung aufzufangen, welche die kenianische Großmutter des künftigen amerikanischen Präsidenten versprüht, Sarah Obama vom Stamm der Luo, die aus Freude über den Wahlsieg einen Ochsen geschlachtet hat und jetzt plant, zum ersten Mal in ihrem Leben nach Amerika zu reisen.
Die Sarkozys sind vielleicht nicht die beliebtesten aller Franzosen; aber dass sie sehr französisch sind, bestreitet kein Franzose. Und die Amerikaner haben in diesen Tagen große Freude daran, auf die Frage, wer sie denn eigentlich seien, die Antwort zu geben: Wir sind die Leute, unter denen einer wie Barack Hussein Obama groß und Präsident werden konnte.
Wir leisten Widerstand
Sind also die Geschichten, die wir einander erzählen, um uns darin zu finden und zu erfinden, bessere geworden, offener, welt- und zukunftshaltiger? Kommt darauf an. Ein mittelgroßes Land in der Mitte Europas leistet Widerstand. „Wer sind wir? Woher kommen wir?“ So fragt es zurzeit, jeden Sonntag, jeden Dienstag, aus den deutschen Fernsehapparaten – und vier bis sechs Millionen Menschen haben in den ersten Wochen dabei zugesehen, wie die Antwort in den germanischen Urwäldern gesucht wurde, unter zauseligen Halbbarbaren, sächsischen, fränkischen, schwäbischen Stammeshäuptlingen, welche sich erst mit ihren sächsischen, fränkischen, schwäbischen Vettern herumstreiten, um dann über die Alpen zu ziehen, wo es neuen Streit gibt, mit den langobardischen Vettern, dem Papst oder den verwahrlosten Nachkommen jener Leute, die man einst die Römer nannte.
„Die Deutschen“ heißt die Serie des Zweiten Deutschen Fernsehens, die, in zehn Porträts großer Männer, vom ersten Otto bis zum letzten Wilhelm, die Frage, wer wir seien, zu beantworten versucht. Und vermutlich ist es ja humorlos, verstockt und politisch überkorrekt, wenn man sich fragt, wer alles, weil erst später eingemeindet, nicht zu diesem „wir“ gehört: von den Sorben und Wenden Ostelbiens über Hugenotten und Juden bis zu den Anatoliern, welche heute deutsche Pässe besitzen.
Altsächsisch mit Untertiteln
Dass es nicht Blutsbande sind, dass es vielmehr geistige Herkunft sei, was im Medium der Geschichte die Lebenden mit den Toten verbindet: das wäre das absolut richtige Gegenargument – wenn nur ein wenig klarer würde, was genau der Kaiser Barbarossa uns Heutigen und seinen Nachfolgern im Berlin des 21. Jahrhunderts mitzuteilen hätte. Dass Blutsbande nicht notwendig sind, damit Obama das Erbe Abraham Lincolns antreten kann; dass es da eine alte Freiheitsgeschichte gibt, deren neueste Kapitel der nächste Präsident schreiben will, das ist jedenfalls viel plausibler.
Der Kaiser Otto darf eine Szene lang altsächsisch sprechen, mit Untertiteln, wie im richtigen Film; der Kaiser Friedrich Rotbart tut kaum einen Schritt, ohne dass eine bewährte Fachkraft der Geschichtswissenschaft bestätigt, dass es so (oder fast so) gewesen sei. Das ZDF hat sich so große Mühe gegeben, dass man eigentlich niemanden tadeln mag. Und wenn man auf das, was einem da der Fernseher erzählt, trotzdem dauernd antworten möchte: wie falsch, wie dumm, wie ungenau! – dann hat das weniger mit dem ZDF zu tun. Und mehr mit den vielen Missverständnissen, welche fast immer im Spiel sind, wenn „wir“ uns unsere eigene Geschichte zu erzählen versuchen.
Was Guido Knopp nicht begreifen wird
Das fängt schon damit an, dass wir die Fakten, ja die Wahrheit, in den Büchern und nur dort vermuten. Dass auch die Kamera ein Instrument der Geschichtsschreibung sein kann; dass die exakte Rekonstruktion von Schauplätzen und materiellen Bedingungen, die Fetischierung von Stoffen und Gegenständen, dass diese Art des Inszenierens ganz eigene Erkenntnisse hervorbringen könnte, Erkenntnisse, die zwischen zwei Buchdeckeln eher nicht zu finden sind: Das gehört wohl zu den Dingen, die der Professor Guido Knopp so schnell nicht begreifen wird. Luchino Visconti, als er, in seinem Film „Der Leopard“, die große Feier in Donnafugata inszenierte, bestand darauf, dass sogar der Wein, der auf den Tischen stand, vom richtigen Jahrgang war. Und noch der letzte Statist kam aus jenem alten sizilianischen Adel, dessen Denken der Film porträtiert. Was zum Vorschein käme, wenn man, zum Beispiel, Friedrich Barbarossa auf diese Weise inszenierte, das wäre vermutlich die ungeheure Distanz der 818 Jahre, die uns von ihm trennen – und genau das wäre es ja auch, was uns anginge und wovon der Kaiser uns erzählen könnte: von seiner Verschiedenheit.
Damit, dass der Kaiser den Habitus eines hessischen Gebrauchtwagenhändlers und die Sprache einer mittleren Actionfigur hat, ist jedenfalls genauso wenig gewonnen wie mit dem Umstand, dass die Kommentare und der Plot dauernd suggerieren, dass Otto oder Friedrich letztlich so handelten, als hätten sie schon im Blick gehabt, dass aus diesem Reich, dieser zerbrechlichen Föderation von Stammesherzogtümern, eines Tages jenes Land werden würde, in welchem es die AOK und die CDU, VW und BASF geben wird.
Konsequenter Gang zu sich selbst
Die Geschichte als beschwerlicher und gefährlicher und insgesamt doch konsequenter Gang der Deutschen zu sich selbst: Wer das erzählen will, muss alles ausblenden, was undeutsch und unverständlich, irritierend oder einfach nur hochkomplex an dieser Geschichte ist, was schon deshalb nicht geht, weil er dann auch schweigen müsste von Preußen und Österreich, von Friedrich II. und Maria-Theresia. Und vom Fürsten Bismarck, dessen Reichsgründung den Begriff „deutsch“ endgültig so engherzig und kleingeistig fasste, dass Haydn, Mozart, Grillparzer schließlich postum zu Ausländern geworden sind.
Aber wenn Luther auf dem Wormser Reichstag deutsch spricht und Karl V. nur französisch antworten kann, dann verzeichnet die Serie das als Anomalie, als bizarres, nicht näher zu erörterndes Detail – wo es doch bloß die Konsequenz war aus der Tatsache, dass das Gewand des Heiligen Reiches die meiste Zeit zwei Nummern zu groß für den deutschen Körper war. Worin ja auch eine der Ursachen liegt dafür, dass die Deutschen so viel Zeit der Frage, was deutsch sei, opferten. Und dass so viele Antworten sich aufs Blut und den Boden bezogen. Und auf eine Kultur, die einen Begriff wie „undeutsch“ hervorbringen konnte.
Verzagtheit und Betulichkeit
Und wenn, in der Folge zur 1848er Revolution, in den Staaten des Deutschen Bundes endlich gewählt werden darf, zählt der Kommentar die deutschen Landschaften ab – und bleibt brav in den Grenzen der Bundesrepublik von 1990. So als wäre der ein Nazi, der sich erinnerte, dass auch in Tirol und Salzburg gewählt wurde. Und dass aber die Tschechen in Böhmen und Mähren sich dieser Wahl verweigerten.
Es ist nicht bloß ein Problem des deutschen Fernsehens: diese Verzagtheit und Betulichkeit, diese Scheu vor allem, was uns fremd und widersprüchlich erscheinen könnte an dieser Geschichte, die doch „unsere“ nur dann wäre, wenn wir ihre Fremdheit zur Kenntnis nehmen und ihre Widersprüche aushalten könnten. Wie das gehen könnte, hat zum Beispiel soeben der Franzose Paul Veyne gezeigt, der in seinem Buch „Wie unsere Welt christlich wurde“ so charmant und anschaulich schildert, dass die Menschen der Spätantike anders träumten, als wir das tun, und ihre Träume anders deuteten. Und dass wir gerade deshalb noch heute mit den Konsequenzen dieser Träume zu tun haben.
Die deutsche Verdruckstheit
Ach, angesichts dieser deutschen Verdruckstheit fängt man an, sich nach Hollywood zu sehnen, dessen historische Erzählungen ja immer auf den selbstbewussten Schluss hinauslaufen, dass die Rechte, welche die Präambel der Unabhängigkeitserklärung definiert, dass also Leben, Freiheit und das Streben nach Glück eine so universale Gültigkeit haben, dass Chronologie allein kein Grund ist, sie den Bewohnern der Antike oder des Mittelalters zu verweigern.
Und angesichts der eher dürftigen Antworten auf die Frage, wer wir sind, welche die Serie in der Vergangenheit ausgräbt, angesichts des Umstands, dass die deutschen Visionen „widerlegt“ sind (wie Thomas Mann das nannte) und die deutschen Rechte aus Frankreich und Amerika importiert, angesichts all dessen wünscht man sich mehr Zukunftsfreude und eine größere politische Phantasie, wie man sie auch aus dem amerikanischen Kino und Fernsehen kennt. Dass Barack Obama zum Präsidenten gewählt wurde, das verbindet ihn, von Abraham Lincoln bis zu Martin Luther King, mit der amerikanischen Geschichte, in deren Konsequenz diese Wahl liegt. Es verbindet ihn aber genauso mit einer Zukunft, die im Fernsehen und im Kino längst vermessen wurde. Dass der Film „Deep Impact“ und die Fernsehserie „24“ einen schwarzen Präsidenten schon imaginierten, ist mehr als bloß eine Pointe. Es führte vor, welche neuen Erzählungen möglich wurden, wenn man sich von den alten verabschiedete.
„Also Friede den teutonischen Urwäldern“ schrieb Karl Marx, der schon wusste, dass man dort unsere Freiheitsgeschichte gewiss nicht finden wird.
Was Guido Knopp nicht begreifen wird??
Matthias Weiss (Weiss13)
- 08.11.2008, 21:39 Uhr
Claudius Seidl Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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