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Antideutsche Ressentiments : Was erlaubt sich Allemagne!

Nicht immer stehen Frankreich und Deutschland so friedlich nebeneinander, wie bei der Frauenfußball-WM. Über den Nachbarn werden auch schlechte Worte laut. Bild: dpa

In Frankreich blühen zur Griechen-Krise die tollsten antideutschen Ressentiments. Gemäßigte Kreise loben zwar Merkel, radikale empfehlen aber einen „Germexit“.

          Als Klassenkampf der deutschen Rentner gegen die griechische Jugend wird in Frankreich der Streit um einen vorübergehenden Grexit interpretiert. Ihn hatte der frühere Staatspräsident Giscard d’Estaing allerdings schon vor Wolfgang Schäuble gefordert. Von einem Kulturkampf der tugendhaften Protestanten gegen die Katholiken, denen Schulden und Sünden keine Gewissensbisse bereiten, ist die Rede, von deutschem Massentourismus und der griechischen Einwanderung. Oder nach altem Rechts-links-Schema: Mit dem „Diktat“ (Dominique Strauss-Kahn) der deutschen Politik triumphiere die Konterrevolution. Prominente Genossen, darunter auch Strauss-Kahn, schreiben „Briefe an meinen deutschen Freund“ – wie Albert Camus nach dem Zweiten Weltkrieg. Und Historiker erklären den ganzen Schlamassel mit der Geschichte von dreitausend Jahren.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          „Unsere geliebte Europa, wir sollten es nicht vergessen, ist eine von Zeus entführte syrische Prinzessin“, mahnt Vincent Azoulay, und „das zeitgenössische Europa ohne Griechenland eine Amputierte“. Die Anfänge eines europäischen Bewusstseins datiert er mit dem griechischen Befreiungskampf in den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts: „als Freiwillige aus ganz Europa – unter ihnen der berühmte Lord Byron – nach Griechenland zogen, um für seine Unabhängigkeit zu kämpfen“. Schon der britische Poet Shelley habe gespürt: „Wir sind alle Griechen.“

          Wie viel Griechisches steckt in Deutschland?

          Die Aversion der Griechen gegen jegliche Form von Steuern verortet der Historiker im Kern ihrer Identität: „Die Europäer dürfen nicht vergessen, dass sich diese Nation über die Verweigerung der Steuer, wie sie einst vom Ottomanischen Reich gefordert wurde, konstruierte und auf jegliche Einmischung von außen ganz besonders empfindlich reagiert.“ Auf die Besteuerung der Oligarchen habe Tsipras nur verzichtet, weil der Kampf gegen die Steuerhinterziehung ohne europäische Schützenhilfe aussichtslos sei. Und nicht nur Deutschland, ganz „Europa hat eine Schuld gegenüber Griechenland“: Neben den Italienern und den Deutschen seien auch die Engländer im Zweiten Weltkrieg mit den Griechen übel umgegangen. Sogar für den späteren Bürgerkrieg mit 150.000 Toten, dessen Ausbruch Azoulay mit den Beschlüssen der Konferenz von Jalta begründet, macht er Europa irgendwie verantwortlich.

          Ruht die deutsche Nation auf griechischen Säulen?
          Ruht die deutsche Nation auf griechischen Säulen? : Bild: dpa

          „Bis zum Zweiten Weltkrieg hatte es die griechische Kultur Deutschland ermöglicht, eine moderne Nation zu werden“, stellt Johann Chapoutot fest: Es sei um die Vereinigung „einer großen Zahl unabhängiger Städte mit gleicher Sprache, gleicher Kultur“ gegangen. Bismarck und Kaiser Wilhelm hätten sich an Alexander dem Großen und Philipp von Makedonien orientiert. Der Sorbonne-Historiker zitiert auch Hitler: „Unsere Vergangenheit sind die Griechen.“ Für die Franzosen dagegen seien die Römer Vorbild: „Als während der Renaissance und im neunzehnten Jahrhundert das sentiment national Gestalt annahm, orientierte sich Frankreich an Rom. Sein Modell ist die römische Antike, seine Sprache Latein. Der Katholizismus ist in gewisser Hinsicht die Verlängerung des Römischen Reichs. Luther und die Protestanten bekämpften das katholische und das imperiale Rom. Als Pompeji entdeckt wurde, war Rom überall groß in Mode. Nicht aber in Deutschland, wo sich Johann Winckelmann mit den griechischen Skulpturen beschäftigt und sie zum absoluten ästhetischen Ideal hochstilisierte.“ Die deutsche Klassik habe von der griechischen Antike geschwärmt: „Goethe und Schiller bezeichneten Griechenland als ihre Heimat.“ Noch direkter sei der Bezug in der Philosophie: „Für Heidegger kann man nur auf Griechisch oder Deutsch denken.“

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