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Montag, 13. Februar 2012
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Gerhard Schröder Aufputscher

20.09.2005 ·  Das Publikum der „Berliner Runde“ sah einen Kanzler, der Medien und Demoskopie beschimpfte, um sein „Dennoch“ herauszustoßen. Eine fassungslose Nation spürte, wie es sein könnte, wenn einer kurzerhand die demokratischen Regeln außer Kraft setzen will.

Von Frank Schirrmacher
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Der kalte Grusel, den der Bundeskanzler bei seinem Fernsehauftritt am Sonntag abend in der „Berliner Runde“ bei uns auslöste, hatte wirklich mit Gespenstern zu tun. Diese Gespenster sahen wir.

Angeblich, sagen die, die es wissen müssen, handele es sich nicht um Gespenster, sondern um Endorphine. Mit den Endorphinen nämlich sei es folgendermaßen bestellt: daß sie in ihrer Wirkung dem Opium verwandt seien, man sie auch die Drogen des Körpers nenne, die beispielsweise der Grund dafür seien, warum manche schwerverletzte Menschen zunächst keine Schmerzen verspürten, vielmehr in Euphorie verfielen.

Übermäßiger Schmerz?

Die Endorphinausschüttung bei Schröder müsse bereits bei der Rede im Willy-Brandt-Haus auf Hochtouren gelaufen sein. Der Streß der nachfolgenden Fernsehsendung habe dann die bekannten Verhaltensauffälligkeiten hervorgerufen.

Die SPD steht nach Angaben von Bundeskanzler Gerhard Schröder nicht für von einer Kanzlerkandidatin Angela Merkel geführte Gespräche mit der Union über eine große Koalition zur Verfügung. „Niemand außer mir ist in der Lage eine stabile Regierung zu stellen“, sagte Schröder.

Merkwürdig an der Sache ist ja nicht, daß Gerhard Schröder einen Sieg genießt. Merkwürdig ist, daß er ein historisch beispiellos jämmerliches Wahlergebnis in dieser Weise genießt. Die Antwort müßte, zumindest was die Endorphine angeht, lauten: Schröder ist so euphorisch, weil der Schmerz übermäßig ist.

Der Autosuggestion erlegen

Das Publikum sah einen Kanzler, der Presse, Rundfunk, Fernsehen und Demoskopie beschimpfte, um sein „Dennoch“ herauszustoßen. Er hat gegen eine Welt von Feinden gesiegt, dennoch trotz alledem kein einziges Wort über die Gegner gesagt, um die es doch eigentlich ging, jene, von denen er einst behauptet hatte, sie hätten die Neuwahlen erzwungen, weil sie innerparteilich seinen Kurs nicht mittragen wollten.

Im Kern handelte es sich um das Gefühl, daß Schröder seiner eigenen Autosuggestion restlos erlegen ist. Doch der „postelektorale Größenwahn“, von dem Roland Koch später sprach, hat nichts Komisches mehr wie womöglich seinerzeit noch bei Franz Josef Strauß.

Charismatischer Herrscher

Eine fassungslose Nation spürte zum ersten Mal, wie es sein könnte, wenn einer kurzerhand die demokratischen Regeln außer Kraft setzen will. Wir kannten das aus der Literatur, vorzugsweise der südamerikanischen, wo immer irgendein General, der jedes Spielchen, aber niemals die Wirklichkeit gewann, irgendwann, berauscht von seiner eigenen Größe, vor aller Augen die Contenance verliert.

Natürlich ist Schröder kein südamerikanischer Patriarch und Lichtjahre entfernt auch von einem „lupenreinen Demokraten“ Putin; aber er hat vorgestern abend bewußt oder endorphingesättigt für einige Momente die Rolle des charismatischen Herrschers gespielt, der auf eine Zustimmung bauen kann, die gleichsam noch höher, noch substantieller als das Wahlergebnis selber ist.

Die „formalen Gründe“

Diese autoritäre Überhöhung der eigenen Rolle und Mission - zum imaginierten Selbstbild gehört auch, daß er sich selber ausdrücklich für seinen eigenen Mut lobte - bedient sich jener demoskopischen und intuitiven Verfahren, die er am Journalismus gerade geißelt. „Gucken Sie sich doch einmal an“, rief Schröder, „was den Aufholprozeß in dieser Gesellschaft im Wahlkampf wirklich verursacht hat, das war doch neben dem inhaltlichen Vergleich auch ein Vergleich der handelnden Personen, und deswegen kann es doch hier nicht darum gehen, irgendwelche Machtansprüche aus formalen Gründen zu erheben, so sehr sie Ihnen auch nahe sein mögen. Das wird nicht akzeptiert werden.“

Das waren die entscheidenden Sätze des Abends, denn jeder mußte sich die Frage vorlegen, was Schröder eigentlich mit den „formalen Gründen“ meinte? Nach Lage der Dinge doch wohl das Wahlergebnis.

Brutale Größenphantasie

Vielleicht haben wir Anlaß, aufgrund dieses Vorgangs die Weisheit der Verfassungsväter und Verfassungsmütter zu preisen. Sie wußten viel mehr über die Grenzen und Verführungen des Menschen als wir Heutigen, und daß sie hohe Hürden vor der Selbstauflösung des Parlaments errichteten, hatte nicht nur historische und politische Gründe, sondern auch psychologische.

Die rabiate, geradezu brutale Größenphantasie, mit der Schröder am Sonntag nicht nur die Moderatoren, sondern auch die deutsche Öffentlichkeit geradezu anfiel, ist ohne das Allmachtsgefühl nicht zu verstehen, das wohl das Instrument der Auflösung des Bundestags und der Neuwahl in ihm ausgelöst hat.

Lauteste Stunde des Jahres

Monatelang stand die deutsche Öffentlichkeit, stand das Land im Bann dieses Einfalls: Die Journalisten, die der Kanzler frech beschimpfte, haben in einer ununterbrochenen Folge von Fernseh- und Zeitungsberichten versucht, das, was Schröder ins Werk setzte, zu einem demokratisch legitimierten Vorgang zu machen. Selbst als klar wurde, daß es Schröder nicht, wie viele ursprünglich annahmen, um eine wirkliche Klärung im Lande ging, als klar wurde, daß er nun gleichsam gegen sich selber Wahlkampf machte, hat die große Mehrheit der Medien auch diese Volten noch beschrieben, bezeichnet und diskutiert.

Schröder hätte nicht nur die Chance, er hätte auch die Pflicht gehabt, an diesem Abend etwas dazu zu sagen, ob es sich gelohnt hat, das Land in einen Selbstfindungsprozeß zu stürzen; er hätte, da er es zur Essenz seiner Regierungserklärung machte, etwas über die künftige Vermittelbarkeit der Reformen äußern müssen. Er tat es nicht. Es war die lauteste Stunde des Jahres, und nur jenem Nikolaus Brender, der die Würde des Amtes des Bundeskanzlers gegen Herrn Schröder verteidigte, ist es zu verdanken, daß sie nicht zur beschämendsten wurde.

Quelle: F.A.Z., 20.09.2005, Nr. 219 / Seite 41
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