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Ersatz für Antibiotika : Fragen über Phagen

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Hoffnungsschimmer im Reagenzglas: Eine Virologin im Zentrum für Diagnostik des Georgi-Eliava-Institutes für Bakteriophagen, Mikrobiologie und Virologie. Bild: Fabian Weiss

Was hilft, wenn Antibiotika nicht mehr helfen? Kann es sein, dass man in einem fast vergessenen Forschungsinstitut in Tiflis die beste Antwort darauf hat? Eine Reise nach Georgien – und in eine andere Zeit.

          Die Geschichte hat in Georgiens Hauptstadt ein ungleichmäßiges Netz gesponnen, zwischen zwei Kreuzungen kann eine ganze Zeitreise liegen. Maurische Fassaden stehen neben sowjetischem Klassizismus, postmoderne Glasbauten neben unfertigen Hochhäusern. Und irgendwo zwischen sozialistischer Vergangenheit und globalisierter Zukunft, hinter einer Fassade aus schweren Marmorsäulen, liegt das Georgi-Eliava-Institut für Bakteriophagen.

          Die Eingangshalle wirkt kalt und verlassen, das Wandgemälde, von dem Lenin, Stalin, Marx und Engels früher mit strengen Blicken über den Campus wachten, ist irgendwann in den Neunzigern wegrenoviert worden. Auf einer stoffbespannten Holzplatte sind die Plaketten der medizinischen Wirkstoffe angebracht, die hier entwickelt worden sind. Die Beschriftung ist auf Kyrillisch, die Patente stammen aus der Ära, als das Institut noch üppige Gelder aus Moskau bekam. Aber wer den Eindruck hat, dass hier die Zeit stehengeblieben sei, liegt falsch. Denn irgendwo im Herzen dieses Gebäudes gibt es eine gut gekühlte Virenbank, in der fast 100 Jahre Medizingeschichte am Leben gehalten werden.

          Die Mikroorganismen, die im Archiv des Institutes aufbewahrt werden, haben einen Weltkrieg und den Niedergang der Sowjetunion überlebt. Sie haben politische Systeme und Paradigmenwechsel überdauert und wurden mühsam durch die dunklen Jahre der Unabhängigkeit gebracht, in denen der Strom so häufig ausfiel, dass den Kulturen manchmal kein Notstromaggregat mehr helfen konnte. Aber die Mühe von vier Forschergenerationen hat sich gelohnt. Denn wie es aussieht, könnten die Phagen der wichtigste Beitrag des kleinen Landes zur Medizin der Zukunft werden.

          In der institutseigenen Apotheke können Medikamente mit lebenden Phagen gekauft werden.
          In der institutseigenen Apotheke können Medikamente mit lebenden Phagen gekauft werden. : Bild: Fabian Weiss

          Eine Revolution der Mikrobiologie

          Als der Mikrobiologe Georgi Eliava im Jahr 1921 aus Paris in seine Heimatstadt Tiflis zurückkehrte, hatte er Lebensformen im Handgepäck, die so klein waren, dass man sie mit keinem Mikroskop beobachten konnte. Die Bakteriophagen, die Eliava in Paris bei dem britisch-kanadischen Biologen Félix d’Hérelle kennengelernt hatte, waren eine Revolution der Mikrobiologie. Zwanzig Jahre vor der ersten klinischen Anwendung von Penicillin hatten die Georgier damit bereits eine Waffe gegen tödliche Krankheiten wie Lungenentzündungen oder Blutvergiftungen. Phagen sind hochspezialisierte Viren, die sich ausschließlich von Bakterien ernähren. Hat man einmal die passende Phage gefunden, isoliert und dem kranken Organismus eingeimpft, pflanzen die Viren den Bakterien ihre DNA ein und programmieren das Verhalten um: Ein befallenes Bakterium produziert dann selbst nur noch Phagen, bis es platzt und eine Armada hungriger Fressfeinde ausschüttet. Sobald die Phagen ihre Wirtsbakterien vernichtet haben, sterben sie ab. Ein Killer ohne Nebenwirkungen, günstig in der Produktion und anwendbar von der Magen-Darm-Infektion bis zum Milzbrand. Die perfekte Volksmedizin für ein riesiges Land wie die Sowjetunion.

          Heute, knapp hundert Jahre später, könnte die Phagenforschung die Medizin zum zweiten Mal revolutionieren. Denn multiresistente Erreger gelten derzeit als die größte Herausforderung für die moderne Medizin: Weil man sie mit Antibiotika nicht mehr in den Griff bekommt, werden selbst Krankheiten, die lange als besiegt galten, wieder lebensgefährlich. Und so erinnert man sich im Westen plötzlich an die Konzepte der sowjetischen Mediziner.

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