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Geist und Gehirn (5) Konflikt der Kulturen

28.07.2008 ·  Wolf Singer hat sich durch sprachliche Ungenauigkeiten eine ganze Reihe von Problemen eingehandelt. Aber muss jede davon problematisch sein? Michael Pauen plädiert zum Abschluss unserer Gehirn-Serie für eine bessere Zusammenarbeit von Neurowissenschaften und Philosophie.

Von Michael Pauen
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Es gibt Auseinandersetzungen, die wirbeln soviel Staub auf, dass ihr Gegenstand kaum noch zu erkennen ist. Die jüngste Debatte zwischen Wolf Singer und Peter Janich zählt dazu. Sie stellt das grandiose Beispiel eines „Konfliktes der Kulturen“ dar, der zwar Aufsehen erregen mag, in der Sache jedoch nicht weiterführt. In der Tat: Man dachte, wir hätten etwas mehr gelernt - insbesondere in dem seit Jahren mit großer Intensität und auch mit einigen Erfolgen geführten Dialog von Neurowissenschaften und Philosophie.

Sicher - Singers Dialog mit Matthieu Ricard ist ein Versuch. Dabei bleibt es nicht aus, dass die Dialogpartner mal aneinander vorbeireden - was sonst sollte man auch von einem Treffen zwischen einem Neurowissenschaftler und einem buddhistischen Mönch erwarten? Doch heißt das schon, dass der Versuch gescheitert ist? Janich hat dennoch Recht mit seinem Vorwurf, dass Singer sich mit sprachlichen Ungenauigkeiten eine ganze Reihe von Problemen einhandelt. Solche Ungenauigkeiten kann und muss man kritisieren. Aber nicht jede Ungenauigkeit ist problematisch, vor allem aber sollte sich der Beitrag der Philosophie zur Diskussion mit den Neurowissenschaften nicht auf die begriffspolizeiliche Protokollierung solcher Ungenauigkeiten beschränken. Abgesehen davon: Die meisten Philosophen sind davon überzeugt, dass auch die meisten Ihrer Kollegen sich ganz ähnliche Fehler zuschulden kommen lassen.

Eine EEG-Haube ist keine Narrenkappe

Unglücklich ist es andererseits aber auch, wenn Singer sich dem „fruchtlosen Austausch von Argumenten“ entzieht und seinen Kritiker statt dessen ins Labor bittet. Natürlich kann das Leib-Seele Problem nicht durch ein Experiment gelöst werden - auch dann nicht, wenn man einen Philosophen zur Versuchsperson macht. Doch was ist verwerflich an der Einladung zum Experiment? Welches Spiel mit Assoziationen wird da betrieben? Und geht es wirklich gegen die Ehre des Philosophen, wenn er sich für ein Experiment zur Verfügung stellt - eine EEG-Haube ist schließlich keine Narrenkappe.

Der Streit ist um so bedauerlicher, als beide Autoren der Sache nach nicht so sehr weit voneinander entfernt sind. Anders als von Singer unterstellt, ist Janich kein Dualist - auf der anderen Seite hat auch Singer nie die Eigenständigkeit und Legitimität der normativer und historischer Ansätze bestritten. Warum auch sollte er sich auf einen Dialog mit einem buddhistischen Mönch einlassen, wenn er dessen Perspektive von vornherein für abwegig hielte?

In der Sache selbst

Die Schwierigkeiten und Missverständnisse haben ihren Grund zu einem Gutteil in der Sache selbst - und hierüber würde sich der Streit nun allerdings lohnen. Offenbar stoßen wir mit der Hirnforschung nicht nur an Grenzen unseres Vorstellungsvermögens, sondern auch an die unserer Sprache. Wenn es um das Verhältnis von Geist und Gehirn geht, bleiben nur Metaphern, ganz egal ob man davon spricht, dass biologische Prozesse den geistigen „zugrunde liegen“, durch sie „realisiert“ werden, oder auf ihnen „beruhen“.

Ungenauigkeiten und Missverständnisse sind hier kaum zu vermeiden. Schon die - unverzichtbare - Unterscheidung von geistigen und neuronalen Prozessen weckt den Anschein des Rückfalls in einen Leib-Seele Dualismus. Und wenn man die Wirksamkeit von Gedanken und Gefühlen nicht aufgeben will - fällt man dann nicht doch in einen interaktionistischen Leib-Seele Dualismus zurück und verstößt damit gegen fundamentale Prinzipien der Naturwissenschaften? Andererseits: Wenn man alle geistigen Aktivitäten auf Prozesse im Gehirn zurückführt - welcher Raum bleibt da noch für Normen und wie kann man erklären, dass wir uns manchmal von Gründen leiten lassen?

Neurowissenschaften definieren keine Normen

Ein genaueres Verständnis der Rolle der Neurowissenschaften zeigt, dass einige dieser Konflikte gegenstandslos sind: Die Neurowissenschaften definieren keine Normen und sie widerlegen auch nicht unser Selbstverständnis. Vielmehr liefern sie biologische Erklärungen für menschliche Fähigkeiten, so wie ein Elektroingenieur erklären mag, wie der Zentralprozessor eines Computers funktioniert. Gelingt sein Vorhaben, dann wird damit verständlich, warum der Computer bestimmte Programmroutinen abarbeiten kann, die in einer ganz anderen Sprache beschrieben werden. Ähnlich können die Neurowissenschaften zusammen mit der Psychologie und der Evolutionsbiologie unser Verständnis für bestimmte menschliche Fähigkeiten erweitern: Unser Ich, unsere Freiheit oder unsere Fähigkeit, nach Gründen zu handeln, geraten nicht in Gefahr, wenn wir ihre natürliche Grundlage verstehen.

Heute stehen wir jedoch allenfalls am Anfang eines solchen Unternehmens. Notwendig ist dazu eine halbwegs funktionierende Zusammenarbeit zwischen Neurowissenschaften und Philosophie. Dabei können die Neurowissenschaften von philosophischen Klarstellungen ebenso profitieren wie die Philosophen von den neurowissenschaftlichen Erkenntnissen. Und ein gemeinsames Experiment? Warum nicht - auch wenn es sicher nicht die zentralen Probleme lösen wird.

Michael Pauen ist Professor für Philosophie und an der „Berlin School for Mind and Brain“ der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu seinen letzten Buchveröffentlichungen zählen u.a. „Illusion Freiheit. Mögliche und unmögliche Konsequenzen der Hirnforschung“ und „Was ist der Mensch? Die Entdeckung der Natur des Geistes“. Im September erscheint sein Buch (gemeinsam mit Gerhard Roth) „Freiheit, Schuld und Verantwortung. Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willensfreiheit“.

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