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Geist und Gehirn (4) : Vor dem Richterstuhl der Vernunft

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Blick ins Gehirn zur Klärung der Beweislasten: An Hirnforscher wie Wissenschaftstheoretiker sind einige Fragen zu stellen. Bild: picture-alliance/ ZB

Der Hirnforscher unterstellt seinem Kontrahenten eine abwegige These. Der Wissenschaftstheoretiker antwortet darauf mit grundsätzlicher Kritik. Fragen müssen sich beide Seiten stellen lassen. Der Rechtsphilosoph Michael Pawlik zu dem Streit zwischen Wolf Singer und Peter Janich.

          Kant bedient sich zur Erläuterung erkenntnistheoretischer Fragen gern eines juridischen Vokabulars. Der „Gerichtshof der Vernunft“ soll über Wahrheit oder Unwahrheit einer Theorie entscheiden. Auch Wolf Singer greift in seinem Offenen Brief an Peter Janich auf einen Begriff aus der Rechtssprache zurück. Die Beweislast, so lässt er seinen Kritiker wissen, liege bei diesem.

          Der Begriff der Beweislast stammt aus dem Verfahrensrecht. Dort beantwortet er die Frage, welche der Prozessparteien eine streitige Tatsachenbehauptung beweisen muss. Vermag die beweispflichtige Partei den geforderten Nachweis nicht zu führen, verliert sie den Prozess. Freilich sind die Kontrahenten darauf beschränkt, dem Gericht die ihnen geeignet erscheinenden Beweismittel zu präsentieren. Deren Würdigung obliegt allein dem Richter.

          Prozessparteien und Richteramt

          Wenn Singer sich des terminus technicus Beweislast bedient, dann deshalb, weil er seinem Gegner eine Tatsachenbehauptung, nämlich die einigermaßen abwegige These unterstellt, es gebe einen immateriellen Agenten, dessen Gedanken und Entscheidungen neuronale Prozesse im Gehirn anstießen. Janich wiederum kann diese Lesart der Kontroverse als unangemessen zurückweisen, weil er sich weniger als Prozesspartei denn als Richter sieht und darauf besteht, dass die eigentlichen Probleme im Bereich der Beweiswürdigung, bei der Frage der richtigen Beschreibung von Singers Experimenten lägen.

          Ein bloßes Aneinander-Vorbeireden also? Ja, aber eines, das symptomatisch ist für die gegenwärtige Diskussion über die Ergebnisse der Hirnforschung. Während Singer allein auf die vermeintliche Evidenz seiner Ergebnisse setzt, erschöpfen sich Janichs wissenschaftstheoretische Überlegungen in einem „So jedenfalls nicht“. Der eine ignoriert die Wissenschaftstheorie, der andere benutzt sie ausschließlich als Instrument der Kritik.

          Grundlegende Fragen

          Aber wie radikal ist diese Kritik eigentlich gemeint? Will Janich etwa mangels hinreichend zuverlässiger technischer Reproduzierbarkeit den Wert von Experimenten im Bereich der Hirnforschung generell in Abrede stellen? Einige Bemerkungen in seinem Brief deuten in diese Richtung. Das aber hieße, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die Wissenschaftstheorie würde auf diese Weise zu einer marginalen Nörglerexistenz und damit zu praktischer Bedeutungslosigkeit verdammt werden.

          Die Kontroverse zwischen Singer und Janich lehrt, dass es höchste Zeit für ein ernsthaftes Gespräch über den wissenschaftstheoretischen Status der experimentellen Hirnforschung ist. Im Banne der großen Themen Freiheit, Schuld und Strafe stehend, hat die öffentliche Diskussion diese weitaus weniger spektakuläre, aber für alles Weitere grundlegende Frage bislang schmählich vernachlässigt. Gut möglich, dass dabei alle Beteiligten Abstriche machen müssen.

          Beide Seiten könnten zu lernen haben

          Die Wissenschaftstheoretiker müssen sich die Frage stellen lassen, ob die von Janich gegen Singer ins Feld geführten hohen Maßstäbe, die sie an physikalische oder chemische Experimente zu stellen pflegen, nicht eher Ausdruck von Konventionen als von apriorischen Wahrheiten sind. Vor allem müssen sie sich der Einsicht öffnen, dass auch solche experimentellen Befunde, die jenen strengen Kriterien nicht genügen, deshalb nicht von vornherein ohne Aussagekraft sind. Umgekehrt müssen die Hirnforscher sich endlich dazu bereit finden, ihre häufig überzogenen Erklärungsansprüche zu reduzieren.

          Die „Fakten“, auf die sie sich stützen, sind jedenfalls weitaus weniger gut gesichert, als man dies von den klassischen Naturwissenschaften her gewohnt ist. Ob Singers Aufforderung an Janich, sich selbst als Versuchsperson zur Verfügung zu stellen, sonderlich geschmackvoll ist, mag man bezweifeln. In einem aber hat Singer recht. Die das Richteramt für sich beanspruchenden Philosophenkönige sollten endlich einmal klarstellen, wie die Befunde auszusehen hätten, mit denen die Hirnforscher vor dem Gerichtshof der wissenschaftstheoretischen Vernunft bestehen könnten.

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