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Sonntag, 12. Februar 2012
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Geist & Gehirn: ein Resümee der Debatte Es geht nicht um die Lösung von Welträtseln

22.09.2008 ·  An der brieflichen Auseinandersetzung zwischen dem Hirnforscher Wolf Singer und dem Philosophen Peter Janich entzündete sich auf den Seiten von FAZ.NET eine rege Debatte. Peter Janich nimmt zu den Beiträgen und Kommentaren Stellung.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (4)

„Die Freiheit des Geistes beweisen“ wirkt auf Viele wie ein ferner Fixpunkt, der sie die Stolpersteine vor den eigenen Füßen übersehen lässt. Bevor man „Schlussfolgerungen aus neurobiologischen Erkenntnissen“ (Wolf Singer) ziehen kann, muss man diese erst einmal haben. Und man hat diese nicht schon durch die Behauptung, man habe sie - zumal diese Behauptung selbst keine über Hirne ist, sondern über die Wissenschaft vom Hirn. Sie ist also eine wissenschaftstheoretische, keine naturwissenschaftliche Behauptung. Wissenschaftstheorie besteht unter anderem darin, die Neurobiologie nach ihren Zielen und Mitteln zu fragen, nach Voraussetzungen, Methoden und Begriffen, denn daran entscheidet sich, was „Erkenntnisse“ sind.

Es muss wohl für Fachwissenschaftler wie für Laien zum Schwierigsten (und Provozierendsten) gehören: Wo der Neurobiologe vom Hirn redet, spricht der Philosoph vom Neurobiologen, seinen Äußerungen, Handlungen und Ansprüchen. Das sind zwei grundverschiedene Gegenstände, zwei Ebenen, zwei Sprachen, zwei Wissenswelten. Aber dass es zwischen ihnen keine sinnvolle Verbindung geben könnte, ist selbst unbegründet.

In den rund 200 bis Ende August eingegangenen, äußerst heterogenen Internetbeiträgen, in Leserbriefen und zahlreichen Stellungnahmen, die mich privat erreichten, tauchen ein paar besonders kontraproduktive Simplifizierungen auf:

(1) Es gehe um einen Konflikt zwischen Natur- gegen Geisteswissenschaften

Wer den ganzen Rest außerhalb der Natur- (und eventuell Technik-) Wissenschaften als „Geisteswissenschaft“ bezeichnet, wirft Fächer wie Mathematik und Informatik, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in einen Topf mit text- und handlungsverstehenden Disziplinen (wie Sprach-, Literatur- und Geschichtswissenschaften) - als ob alle diese dieselben Methoden, dieselbe Begriffs- und Theoriebildung, denselben Typ Geltung und Wissenschaftlichkeit, dieselben Selbstverständnisse und Anwendungen hätten! Das hat Folgen für die (meist falsche) Einordnung der Neurowissenschaften.

(2) Es gehe um einen Konflikt zwischen Philosophie und Naturwissenschaften

Philosophische Kritik (im Sinne des Wortes ein Unterscheiden und Beurteilen) muss selbstverständlich gegenüber allen Wissenschaften dieselbe kritische Distanz wahren, also auch die „Geisteswissenschaften“ (in welchem Sinne auch immer) prüfen, ob sie denn ihren Teil beitragen können zum Thema, welches das Publikum an der Hirnforschung so brennend interessiert; ob sie etwa (für die Hirnforschung brauchbare) Bestimmungen von Wille, Bewusstsein, Erkenntnisfähigkeit und anderen anzubieten haben, damit für Erklärungsansprüche von Hirnforschern nicht nur bildungsbürgerliches Geschwafel, sondern wissenschaftsfähige Unterscheidungen verfügbar sind. Internetbeiträge, die ihren Schwall von Meinungen über „die Geisteswissenschaftler“ über mich ausgießen, übersehen, dass ein Wissenschaftsphilosoph zwischen den Stühlen der Fächerkulturen sitzt, und irren in meinem Fall, was die unterstellte Ferne zu Experimentalwissenschaften und Technik angeht.

(3) Die Thesen der Hirnforschung

Das simple Natur/Geisteswissenschafts-Modell hat katastrophale Folgen für die Einschätzung der Hirnforschung: Es unterstellt, dass Aussagen von Hirnforschern prinzipiell und generell naturwissenschaftlich sind. Wer Vorsicht vor Pauschalurteilen gelernt hat, kommt aus dem Staunen nicht heraus, wie sicher hier mancher die Rede von „den Geisteswissenschaftlern“ führt und „die Naturwissenschaft“ in Anspruch nimmt. Auch W. Singer scheut nicht die Formel von „den Philosophen“, obwohl doch Vertreter einer Analytischen Philosophie des Geistes ganz Anderes behandeln als Wissenschaftstheoretiker, und diese wieder mindestens in Naturalisten und Antinaturalisten, oder in Wissenschaftsbestätiger und Wissenschaftskritiker zerfallen und ein geradezu gegenläufiges Verständnis der Hirnforschung entwickeln.

Naturwissenschaftlich sind z.B. neuroanatomische und neurophysiologische Aussagen. Aber um sie geht kein Streit, keine Publikumsaufregung. Doch täusche man sich nicht: wenn physiologisch etwa das menschliche Sehen erforscht wird, muss der Physiologe schon vorher - aus seiner lebensweltlichen Lerngeschichte - wissen, was „Sehen“ ist; sonst hätte seine Disziplin keinen Gegenstand (und übrigens auch keine Methoden, denn selbst die schönste Experimentierkunst verlangt von ihren Urhebern letztlich Einigkeit in Sachen des vom Experimentator Gesehenen). Das heißt, auch hochgeschätzte, völlig unkontroverse naturwissenschaftliche Teildisziplinen wie die Sinnesphysiologie (inklusive neuronaler Teile) sind auf außerwissenschaftliche Unterscheidungen und sprachliche Mittel zwingend angewiesen. Oder sie hätten kein Explanandum, hätten nichts kausal zu erklären.

Die Neurowissenschaften verlassen jedenfalls das Terrain der Naturwissenschaften (mit den Begriffen, die sie methodisch beherrscht) in Grenzüberschreitungen zu Psychologie und Philosophie, wo z. B. über die Kognitionsfähigkeiten des Menschen gesprochen wird. Denn da müssen die der Kognition, also dem Erkennen „zugrunde liegenden“ von anderen Stoffwechselprozessen unterschieden werden. Wegen der hier gebotenen Kürze ganz grob: Hirn und Leber unterscheiden sich unter anderem darin, dass zur Beschreibung der kognitiven Hirnleistungen die wahr-falsch-Unterscheidung unverzichtbar ist, bei der Leber nicht. Die Wörter „wahr“ und „falsch“ („Erkenntnis“ und „Irrtum“, oder irgendein anderes Paar einschlägiger Unterscheidungen) sind aber sicher keine Fachtermini der Naturwissenschaften, sondern der Philosophie (und übrigens wichtige Wörter des täglichen Lebens). Der Neurowissenschaftler kommt also ohne Philosophie nicht zu seinem Gegenstand.

Um so gravierender überschreiten die Neurowissenschaften den naturwissenschaftlichen Bereich, je anspruchsvoller die zu erklärenden Phänomene werden: neben den kognitiven wie Wahrnehmen, Verstehen, Denken, Sprechen die emotiven wie Aggressivität, Religiosität oder Selbstbeherrschung, oder gar die persönlichkeitsbestimmenden Phänomene wie Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Entscheidungsfreiheit und manch andere, zu denen heute modisch ein neuronaler Bezug hergestellt werden soll, bis zur Neuro-Ökonomie, Neuro-Theologie usw. Aber nicht nur das.

(4) Eine Konkurrenz von Sprache und Erfahrung?

Keine Wissenschaft kommt ohne Sprache aus. Sie hätte keine Resultate, es sei denn in Sprachform. Ihr die angemessene Aufmerksamkeit zu zollen (statt zu reden wie zu stolpern) heißt natürlich nicht, dass sich Wissenschaft in Sprache auflöst (wie mir manche Kritiker anlasten): Empirische Fragen müssen selbstverständlich empirisch beantwortet werden. Definitionen oder Argumente ersetzen keine Experimente. Aber ob eine Behauptung empirisch ist (oder etwa durch logisches Schließen, Rechnen, Definieren oder Postulieren begründet werden kann/muss), ist nicht selbst eine empirische Frage. Es gibt auch kein Experiment, das entscheiden könnte, ob eine Laborprozedur ein Experiment ist, d.h. (empirische) Ergebnisse liefert.

Würde man sich eine psychologische Deutung der Aggressionen gestatten, wie sie oft von philosophischer Wissenschaftskritik ausgelöst wird, hier sitzt einer der Gründe: die (bewährten) fachwissenschaftlichen Methoden leisten nicht, ihre eigene Bewährtheit zu begründen. Das können nur (sprachliche, disziplinierte) Argumente, also die Hühner aus dem Hof des gehassten philosophischen Nachbarn.

(5) Fächer und Schrebergärten

Ebenso affektiv wie (leider) verbreitet ist die Reaktion, den Gegensatz der Fächer mit einem Nichteinmischungsprinzip zu verbinden - manchmal in Form eines Einmischungsverbots (noch populistischer: will etwa die Philosophie die Naturwissenschaft belehren?), manchmal als Vorwurf der Schrebergarten-Mentalität. Hier jedenfalls soll es nicht um Reservate oder um Eintrittsverbote in einen (z.B. philosophischen) Schrebergarten gehen. Ganz im Gegenteil! Es wäre zu wünschen, dass sich Wissenschaftler in jedem Gebiet, zu dem sie sich äußern, hinreichend kompetent machen. So darf man auch als Neurobiologe wissen, dass „falsifizieren“ ein logisches Verhältnis von Aussagen betrifft, dass es also gerade auf die Sprachform der getesteten Hypothese und des falsifizierenden Befundes ankommt; oder warum es kein experimentum crucis, also kein eine Theorie ein für allemal entscheidendes Experiment geben kann. Deshalb noch einmal:

Die Thesen der Hirnforschung: Nun schon gefeit gegen einige Simplifizierungen fragt sich, ob einige Hirnforscher (wie W. Singer) mit einigen ihrer Thesen fehlgehen.
Sicher ist nun schon, dass es keine neurowissenschaftliche, also auch keine naturwissenschaftliche These ist, für die Neurowissenschaften einen Sonderstatus zu reklamieren, weil Hirne in Forschern wie in Erforschten vorkommen.

Dass der Anatom, der das menschliche Skelett erforscht, selbst eines hat, macht keine seiner Aussagen wahr oder falsch. Dass dagegen der Physiologe, der das Sehen erforscht, selbst schon sehen (und kompetent darüber reden) können muss, verschiebt seine Perspektive vom anatomischen Beobachter zum sehenden Teilnehmer. Dass nun der Hirnforscher selbst ein Hirn hat, ist jedoch weder von der einen noch der anderen Art, sondern verpflichtet zum Nachdenken über (vor allem:) sprachliche Mittel. „Das Hirn erforscht das Hirn“ ist heute nicht einmal mehr als Werbemittel oder Aufreisser zulässig, sondern nur noch ein „mereologischer Fehler“ (von meros, Teil; wenn das Auto fährt, fährt das Autorad noch lange nicht. Es rollt, dreht sich.). Hirnforscher sollten (und einige tun es ja auch) über Zwecke und Mittel, über Ansprüche und ihre Einlösung nachdenken, statt nachträglich Hausmacher-Philosophien zu fabulieren, die ihnen jeder gewitzte Gymnasiast widerlegen kann. Sonst könnte es ihnen widerfahren gefragt zu werden, ob es vielleicht an ihrem Hirn läge, dass ihre Hausmacherphilosophie nicht besser ist.

(6) Experimente und Körper-Geist-Problem

Leider hat sich die Zunft der Philosophen wenig Ruhm verdient, was das Feld der Leib-Seele- und der Körper-Geist-Probleme in Experimentalwissenschaften angeht. Rudimentär hier nur soviel: Experimente in Physik und Chemie unterscheiden sich von solchen mit instruierten Personen prinzipiell: In Physik und Chemie müssen Experimentalanordnung und ihr Start technisch reproduzierbar sein, um zu beobachten, ob sich bei gleichen Bedingungen (immer wieder) der gleiche Ablauf einstellt. Wer die Gleichheit der Bedingungen aus der Gleichheit des beobachteten Verlaufs schließen wollte, hätte keine „Erfahrung“ an seinem Experiment gewonnen.

Etwas vereinfacht: Experimente prüfen Wenn-dann-Behauptungen, in denen der Wenn-Teil das technisch reproduzierte Arrangement, der Dann-Teil den beobachteten Verlauf beschreibt. Deshalb sagt man auch, Experimente dienten der Kontrolle von Ursache-Wirkungs-Verhältnissen, weil sie ein (menschliches, technisches) Bewirkungswissen bilden. Sollte ein Physiker oder Chemiker dann - mit den Worten Wolf Singers - formulieren, die Bedingungen des Experiments „liegen dem Verlauf zugrunde“, wäre die Diktion zwar unüblich, aber noch verständlich.

Versuche mit instruierten Personen (wie bei den Libet- und anderen Experimenten) verbinden dagegen zwei Parallel-Beschreibungen: die physiologische (in einem rein naturwissenschaftlichen Vokabular) und eine alltagssprachlich-psychologische Beschreibung (nämlich der gegebenen Instruktionen, und häufig auch der Antworten der Versuchsperson, also in nicht naturwissenschaftlichem Vokabular). In welchem Verhältnis stehen diese zueinander?

Berichtet die Versuchsperson nur, was der Neurologe physiologisch ausdrückt? Also zwei verschiedene Beschreibungen ein und derselben Sache, wie wenn man bei einem Gemälde einmal die chemische Analyse der Ölfarbe, und daneben das vorträgt, was das Gemälde darstellt? Oder wie beim Taschenrechner, den man strukturell und funktionell elektrotechnisch-physikalisch, und daneben in seinen Rechenleistungen mathematisch beschreibt? „Liegt“ die („naturgesetzliche“) Elektrik der Rechenleistung „zugrunde“ - im Sinne Wolf Singers? Sicher, wenn der Rechner ohne Strom ist, „rechnet“ er nicht. Aber will uns der Hirnforscher nur sagen, tote Hirne denken nicht? Wohl kaum. Was will er uns also mit der Vokabel „zugrunde liegen“ sagen? Dass (1.) die („Struktur“ der) Rechenmaschine, oder (2.) das Geschehen in der Rechenmaschine, oder (3.) die das Geschehen abdeckenden Naturgesetze die Ursache sind für die Wirkung „richtiges Rechenergebnis“? Wenn die Wörter „determiniert“ oder „Determinismus“ überhaupt einen Sinn haben sollen, muss eine dieser drei Möglichkeiten gelten. Doch keine kommt für die Kausalerklärung der Rechenleistung infrage.

Wenn nämlich die Rechenmaschine einen Defekt hat, was wir an einem falschen Rechenergebnis erkennen, würde niemand im Umkehrschluss von den falschen Ergebnissen auf die Falschheit der „zugrunde liegenden“ Naturgesetze schließen, sondern sagen: der Rechner ist defekt. Also ist das „zugrunde liegen“ von Architektur und Funktion des Rechners kein ursächliches, sondern ein zweckrationales Verhältnis auf der Hersteller- und Beschreiber-Ebene: Zweck des Rechners/seiner Funktion sich gültige (und nicht irgendwelche) Rechenergebnisse; der Rechner ist von Menschen gerade so konstruiert und gebaut (und wird bei Defekten entsprechend repariert), dass er richtig rechnet.

Das Rechner-Beispiel auf das Hirn übertragen: Wir Menschen irren uns mit demselben Hirn, das wir zum Denken und Erkennen benutzen (wie uns die Hirnforscher versichern - sonst wüssten wir es nicht). Also brauchen wir für das Singersche „Zugrundeliegen“ schon die Unterscheidung von wahr und falsch, von gültig und ungültig auf Seiten der Rechenergebnisse bzw. der kognitiven Leistungen des Menschen - und nur die erbringen diese Leistungen, nicht etwa die Hirne. Da irgendeine Modellierung der Hirntätigkeit angegeben werden muss, braucht der Hirnforscher also schon die Wahr-und-falsch-Unterscheidung für seine Funktionsbeschreibungen. Das „Zugrundeliegen“ ist kein natürlicher und damit kein naturwissenschaftlich zugänglicher Sachverhalt, sondern ein zweckrationales Beschreibungsprogramm des Neurologen.

(7) Verantwortung und Widerspruch

Manchem mögen diese Nachfragen schon zu fein gestrickt sein. Reflexionen, ja Sprachgegenstände insgesamt gelten Vielen als suspekt. Da habe der Empiriker seine Realität, die ihm in der Erfahrung das nötige Korrektiv bietet (bei einem besonders naiven Internet-Beiträger gar einen „absoluten Bezug“). Aber: kein Empirist kann ignorieren, wenn zwei „Erfahrungen“ sich gegenseitig ausschließen, sich widersprechen - und das ist wieder nur an deren sprachlicher Beschreibung zu erkennen.

Jedenfalls kann nicht zugleich der Fall sein, - so meine Kritik an den Thesen W. Singers - dass „die neuronalen Prozesse den mentalen vorgängig“ sind und doch als Explanans und Explanandum „zusammenfallen“, „verschmelzen“, „eins sind“. Außerdem bleibt nebulös, ob „vorgängig“ zeitlich früher (die berühmten 0,3 Sekunden), kausal vorgängig, nämlich ursächlich, oder methodisch vorgängig heißen soll, nämlich als Bedingung der Feststellbarkeit des mentalen Phänomens gemeint ist (nur wenn der Experimentator festgestellt hat, was sich im Hirn tut, kann er die zugehörigen mentalen Phänomene suchen; aber das kann bis heute nicht ein einziger Hirnforscher!). In keiner der drei Lesarten fallen Explanans und Explanandum zusammen, sind „eins“. Die wissenschaftstheoretische Selbstdarstellung W. Singers ist widersprüchlich. Da sollen nun die Erfahrungsfanatiker sagen, wie sie damit umgehen, wie sie diese Widersprüche empirisch kompensieren wollen.

Hier aber zeigt sich auch ein Hoffnungsschimmer unter den Stellungnahmen zur Singer-Janich-Debatte, nicht zuletzt in den publizierten Leserbriefen. Dort ist die Umwendung des Blicks vom Menschen als Untersuchungsobjekt auf den Menschen als Forscher (oder als Versuchsperson) anzutreffen. Wenn es denn vor allem um die (unterbestimmte) Freiheit des Geistes gehen sollte: Wer sie bestreitet (aus welchen Gründen auch immer), steht im performativen Selbstwiderspruch. Er dementiert, was er sagt, indem er es sagt. Und Versuchspersonen müssen wahrhaftige Auskünfte geben; hier genügt als Argument, dass sie anders könnten. Die Fiktion, diese unverzichtbare Bedingung für das Gewinnen experimenteller Daten sei selbst wieder physiologisch kontrollierbar, führt sich (via infinitem Regress) selbst ad absurdum. Es bleibt nur, manchen Hirnforscher an seine Verantwortung als Wissenschaftler zu erinnern: er muss, wenn er nicht auf Fragen oder Einwände reagieren möchte (oder kann), dies konsequent seinen „zugrunde liegenden“ neuronalen Prozessen zuschreiben und sich selbst damit eines wissenschaftlichen Wahrheitsanspruchs begeben.

(8) Die Emotionalisierung der Hirnforscher

Manch einer liebt eben auch - und das mag immerhin als Katalysator befeuernde Wirkung haben - die Emotionen, die sich in Dienst nehmen lassen: Herr Singer hat (in deutscher Sprache vor allem neben Gerhard Roth) gerade die Emotionalisierung der Neurowissenschaften immer wieder vorangetrieben, indem er sich an den Freudschen Selbstvermarktungseinfall von den drei großen Kränkungen, der kopernikanischen (Erde nicht im Zentrum des Weltalls), der darwinschen (Mensch nicht Krone der Schöpfung) und der freudschen (Mensch nicht Herr im Haus seiner Triebe) angeschlossen hat, um nun die neuronale Kränkung zu diagnostizieren.

Er beklagt die Enttäuschung, die unser Selbstverständnis durch die Hirnforschung hinnehmen muss, und sieht die Gleichheit der Neurone von Mensch und Nacktschnecke als unerträgliche Herausforderung. (Auch im Internet wird meine Kritik fälschlicher Weise mit dem Widerstand gegen Darwins Evolutionstheorie verglichen.) Wer aber soll denn da enttäuscht sein? Sind es nicht eher die Menschenbilder von Religionen oder Kirchen (die in vielen ihrer Vertreter heute übrigens längst eine andere Haltung einnehmen), auf welche die von Freud behaupteten Kränkungen zutreffen?

Von der Sache her ist diese Emotionalisierung eine intellektuelle Zumutung. Die Beispiele W. Singers sind von der Art, dass man sich aufraffen müsste, gekränkt zu sein, weil naturwissenschaftliche Verfahren, nämlich einfache physikalische Messungen, zeigen, dass der Mensch Gewicht und Temperatur hat, nicht anders als jeder Stein. Warum sollte - angeblich eine vergleichbare Kränkung durch naturwissenschaftliche Genetik - der minimale prozentuale Unterschied zwischen den Genomen von Mensch und Affe mehr beunruhigen als der minimale Unterschied des spezifischen Gewichts von Mensch und Esel? Die Kränkungsrhetorik kann den Aufklärungsanspruch der Neurowissenschaften nicht begründen.

Adler und Spatzen

Der moralische Anspruch, Naturwissenschaft (und jetzt eben Hirnforschung) als Aufklärung gegen Mythen, gegen Dummheit, und gegen die Kurzschlüsse von Tradition und Kulturgeschichte zu betreiben, (und uns in diesem moralischen Ton eine bessere, menschlichere Welt zu versprechen) ist nicht nur nicht überzeugend. Aufklärung der dummen Anderen setzt Selbstaufklärung voraus: Kritik (im Sinne aufklärerischer Vernunftkritik) kann nur selbst wieder vernünftig-kritisch, nicht aber in einem dogmatischen Verständnis der Naturwissenschaften stattfinden.

Die Debatte könnte folgendermaßen einer Klärung näher gebracht werden: Man sollte nicht mit philosophischen Streubomben auf naturwissenschaftliche Spatzen schießen. Die Streubomben: „Die Freiheit des Geistes beweisen (oder widerlegen)“; oder auch, wie ein „Philosoph des Geistes“ an die FAZ schreibt, mit der Hirnforschung könnten „wir an die Grenzen unserer Sprache stoßen“: Aber wenigstens dieser Satz selbst sollte doch nicht an die Grenzen menschliche Sprache stoßen! Wie kann man eine solche Behauptung sinnvoll begründen? Und was sind die (gern zum Adler hochstilisierten) naturwissenschaftlichen Spatzen? Bildgebende Verfahren zur Darstellung erhöhten Stoffwechsels in Hirnkompartimenten; elektrophysiologische Ableitungen; invasive Tierexperimente zur Detektion von synchron getakteten Erregungsmustern. Kritische Hirnforscher klären darüber auf, wie dramatisch wenig wir über das Hirn wissen, allen jüngsten Fortschritten zum Trotz.

Statt der Streubomben für Spatzen sollte öffentlich gesagt, erklärt und begründet werden, was die Ziele und Mittel der Hirnforschung sind. Es geht um Wissenschaft, um ihr Ansehen, um ihre Finanzierung, und nicht zuletzt um Hoffnungen von Menschen auf Prophylaxe und Therapie von Alzheimer, Altersdemenz und anderen, schrecklichen Krankheiten des Zentralnervensystems. Es geht aber nicht um eine Lösung so genannter Welträtsel unseres Menschenbildes, das sich nur in einer Pseudowissenschaft von der Wissenschaft äußert. Wer die Wissenschaftlichkeit der Hirnforschung will, muss metasprachlich wieder zu Mitteln der Wissenschaft greifen, das heißt, sie nicht nur wissenschaftlich betreiben, sondern auch wissenschaftlich (statt naiv oder dogmatisch) über sie reden.

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Von Martin Otto

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