http://www.faz.net/-gqz-7wj5r
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 19.11.2014, 17:05 Uhr

Vatikan Des Papstes neue Kleider

Greift Joseph Ratzinger mit Korrekturen seiner frühen Schriften in aktuelle kirchenpolitische Debatten ein? Wie sich das Missverständnis einer Doppelherrschaft an der Spitze der katholischen Kirche vermeiden ließe.

von Hubert Wolf
© dpa Abschied von Papst Benedikt XVI: Der emeritierte Pontifex trägt aus praktischen Gründen immer noch Weiß.

In dem dieser Tage erscheinenden vierten Band seiner Gesammelten Werke hat Joseph Ratzinger entscheidende Passagen in einem Text zu wiederverheirateten Geschiedenen verändert, der ursprünglich aus dem Jahr 1972 stammt. Damit positioniert er sich eindeutig in der aktuellen Debatte, was eigentlich nicht dem Anspruch entspricht, sich aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Doch schon wiederholt hat sich gezeigt, wie schwer es für Benedikt XVI. ist, keine kirchenpolitischen Signale zu senden.

Seit längerem stehen Befürchtungen im Raum, um Franziskus und Benedikt XVI. könnten zwei konkurrierende Machtzentren an der Kurie entstehen, mit Papst und Gegenpapst an ihrer Spitze. Benedikt XVI. sieht sich selbst im Status eines Mönchs, der seine Klausur nur auf persönliche Einladung des Papstes verlässt. Als sich während der Bischofssynode im Oktober konservative Kardinäle hilfesuchend an ihn wandten, wies er sie zurück. Doch die Traditionalisten jubelten schon, als er in einem Grußwort an eine Versammlung von Anhängern des umstrittenen außerordentlichen lateinischen Messritus schrieb: „Ich bin sehr glücklich, dass der usus antiquus jetzt in vollem Frieden mit der Kirche lebt, auch bei Jugendlichen, und dass er von großen Kardinälen unterstützt und gefeiert wird.“ Gemeint war unter anderen Kurienkardinal Raymond Burke, der Benedikt XVI. eingeladen und zuvor Papst Franziskus mehrfach öffentlich kritisiert hatte. Am 8. November berief ihn Franziskus zum Kardinalpatron des Malteserordens - und entfernte ihn damit von seinem einflussreicheren Posten an der Kurie als Präfekt des obersten Gerichtshofs des Vatikans.

Der erste „römische emeritierte Pontifex“

Konservative Kreise sehen sich in der Defensive. Sogar Verschwörungstheorien sind im Umlauf: Auf Benedikt XVI. sei massiv Druck ausgeübt worden, sein Rücktritt deswegen ungültig. Joseph Ratzinger sah sich im Februar 2014 gezwungen, in einem offenen Brief allen Gerüchten entgegenzutreten. „Es gibt nicht den geringsten Zweifel an der Stichhaltigkeit meines Rücktritts“, führte er aus. „Die einzige Voraussetzung für die Stichhaltigkeit ist die volle Freiheit meiner Handlung. Spekulationen hinsichtlich der Ungültigkeit des Rücktritts sind einfach absurd.“ Von einer „Doppelherrschaft“ an der Spitze der katholischen Kirche könne deshalb keine Rede sein.

Zu entsprechenden Missverständnissen dürfte Benedikt XVI. allerdings selbst beigetragen haben. Er ist nicht nur nach fast sechs Jahrhunderten der erste Papst, der auf sein Amt als „Bischof von Rom, Stellvertreter Jesu Christi, Nachfolger des Apostelfürsten, Oberster Pontifex der universalen Kirche, Primas von Italien, Erzbischof und Metropolit der römischen Kirchenprovinz und Souverän des Staates der Vatikanstadt“ verzichtet. Er ist auch der erste zurückgetretene Papst überhaupt, der sich den Titel „emeritierter Papst“ beziehungsweise „Römischer emeritierter Pontifex“ zugelegt hat, weiterhin auf der Anrede „Eure Heiligkeit“ besteht und an seinem Papstnamen festhält. Ferner trägt er weiterhin die eigentlich nur dem Papst vorbehaltene weiße Soutane.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Bartspalterei

Von Paul Ingendaay

Noch kann Pilar Abel Martínez nicht beweisen, dass sie die uneheliche Tochter von Salvador Dalí ist. Die Exhumierung seines Leichnams soll Klarheit bringen. Die Sache hat mehrere Pointen. Mehr 2 1

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“