28.07.2005 · Wie groß ist die Furcht der deutschen Kommunalpolitik vor den Türken? Gedenksteine in Kreuzesform, die von Armeniern errichtet und von Türken zerkratzt werden, sind nicht jedem Bürgermeister willkommen.
Von Andreas RosenfelderKönnen es die Türken nicht einfach machen wie die Deutschen? Wir haben doch auch unsere Lektion gelernt. Anerkennung des Völkermords an den Armeniern gegen Beitritt zur Europäischen Union: Auf den Vorschlag eines solchen Handels laufen die Signale hinaus, die jüngst zwischen Ankara und Berlin hin und her gingen.
Die deutsche Gedenkstättenlandschaft hält für türkische Besucher eine tröstliche Botschaft bereit: Auf ein schlechtes Gewissen kann man mächtig stolz sein. Da steht zum Beispiel in einem Park am Bremer Hauptbahnhof ein Elefant aus Backstein. Errichtet wurde das gewaltige Denkmal 1932 zur Erinnerung an die in Afrika gefallenen deutschen Kolonialkrieger. Als Namibia 1990 seine Unabhängigkeit erlangte, widmete man das Monument zum Antikolonialdenkmal um. Die Bremer Kaufleute hatten einst vom Kolonialismus gelebt, also übernahmen ihre weltoffenen Nachfahren die Verantwortung. Zur Zeit plant die Stadt ein Mahnmal zur Erinnerung an den Herero-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika. Dafür sollen Steine aus jener namibischen Wüste geholt werden, in welche die kaiserliche Schutztruppe die Aufständischen 1904 trieb, so daß sie an Hunger und Durst verendeten. Ob das Wort „Völkermord“ zum Kontext des Denkmals gehören soll, steht noch nicht fest.
Das Wort „Lüge“ eingekratzt
Nur hundert Meter vom Steinelefanten entfernt, steht an einem sandigen Weg seit dem 24. April ein armenisches Steinkreuz. Neben dem mannshohen Quader mit dem fein gemeißelten Halbrelief liegen verdorrte Blumen und ein ausgebranntes Teelicht. Eine kleine Tafel trägt die Inschrift: „Zum 90. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich gedenken wir der 1.500.000 ermordeten Armenier.“ Auf die Metallplatte hat jemand das Wort „Lüge“ gekratzt, in eckigen Großbuchstaben und nur aus schrägem Blickwinkel zu erkennen.
Mehmet Güven, in der Türkei geboren und 1972 zum Studium nach Bremen gekommen, betrachtet das Denkmal nachdenklich. Hat er etwa Verständnis für die Beschädigung der Plakette? Der Endvierziger im hellen Sommeranzug nickt: „Ja, das ist schon verständlich. Das Wort Völkermord ist eine Provokation für die Türken.“ Schon als das Denkmal in Anwesenheit von Bürgermeister Henning Scherf aufgestellt wurde, ging die türkische Bevölkerung auf die Barrikaden. Die „Stiftung Armenisches Kulturerbe“, die den Stein gestiftet hat, will die Fluchtwege der Exilarmenier mit einer Reihe von Denkmälern zurückverfolgen. Der letzte Stein, so erklärt die Stiftungsvorsitzende Elize Bisanz, soll zum hundertsten Jahrestag aufgerichtet werden, wenn möglich in der Türkei. Nach den Worten von Frau Bisanz nehmen die Steine jene Anerkennung vorweg, welche die deutsche Politik noch nicht vollzogen hat - womit sie auch Prüfsteine seien, wie die Bevölkerung reagiere.
Die Freundschaft scheint vorbei
In Bremen, wo die Stele nun wie ein miniaturisiertes Holocaust-Mahnmal in einem beschaulichen Park steht, schlug der demoskopische Sensor heftig aus. Rund vierzigtausend Türken leben in der Hansestadt, und lange Zeit sahen sie Scherf als ihren Freund an. „Der hat auf unseren Hochzeiten getanzt und zum Ramadan die Moscheen besucht“, so Güven. Seit das Denkmal steht, scheint es vorbei mit dieser Freundschaft. Bremens Partnerstadt Izmir wollte sogar die Beziehungen abbrechen, beließ es dann aber bei einem Brief mit dem Ausdruck tiefer Betrübnis. Güven, selbst im SPD-Ortsverein Bremen-Nord engagiert, setzte ein Protestschreiben an den Genossen Scherf auf: „Ihr Verhalten verletzt uns tief in unseren Gefühlen. Ich kann die Frage nicht beantworten, wenn mich meine Tochter eines Tages fragt: Papa, warum haben wir die Armenier ermordet? Vielleicht können Sie die Antwort geben.“
Der Informatik-Berater Güven erfüllt keineswegs das Klischee des vom Nationalstolz besessenen Türken. Er kam in den Siebzigern an die politisierte Bremer Universität, sieht sich als Linken und kritisiert den von türkischen Medien angeheizten Nationalismus vieler Deutschtürken. Trotzdem stellt der Völkermordvorwurf für ihn - hier zögert er nur kurz - „eine Frage der Ehre“ dar. Die Deutschen würden den Türken immer sagen: „Was ist an der Anerkennung so schlimm, wir haben auch Völkermord begangen.“ Doch die Sache liege anders: In der Türkei sei das Thema ein Tabu, jahrzehntelang totgeschwiegen. Somit seien weniger die juristischen Dimensionen das Problem als die „gefühlsmäßigen“. Güven war in Istanbul mit Armeniern befreundet und könnte die Vorstellung, daß seine Vorfahren deren Großväter umgebracht haben, nur schwer ertragen: „Die Türken würden sich schämen vor ihren Freunden.“
„In die Ecke gedrängt“
In einer Schamkultur wie der türkischen folgt das Gedenken anderen Regeln als in einer westlichen Schuldkultur. Auf eine tiefgreifende Umwälzung des Geschichtsbildes, so Güven, müsse man sich „eingehend vorbereiten, aber nicht einseitig“. Und in der Situation vor Beginn der Beitrittsverhandlungen fühlten sich die Türken „in die Ecke gedrängt“, denn eine Anerkennung des Genozids, die doch nur Ergebnis eines Verständigungsprozesses sein könne, werde als Bedingung vorausgesetzt. Eine „vorbehaltlose“ Diskussion könne aber nur „ohne Druck von Dritten“ stattfinden.
Hört man sich in der türkischen Bevölkerung von Bremen um, so findet man quer durch die Generationen erhitzte Gemüter. Im Vereinsheim des türkischen Fußballklubs KSV Vatansport, im Arbeiterstadtteil Gröpelingen angesiedelt, steht zwischen Mannschaftsfotos des einstigen Verbandsligameisters eine Atatürk-Büste. Der ehemalige Vereinsvorsitzende Halil Angün organisiert Protestveranstaltungen gegen das Denkmal und erwägt Parolen wie „Türken sind keine Deutschen, Armenier sind keine Juden“. Über dem Tisch ziert ein gerahmter Erlaß des Sultans MehmetII. aus dem Jahr 1453 die Wand, in welchem - so Angün - den griechischen, armenischen, jüdischen und bulgarischen Minderheiten gleiche Rechte eingeräumt werden. Am Ende zeigt Angün eine ausgedruckte Internetseite mit den elf „Google“-Einträgen seines Sohnes, der als Arzt in Berlin lebt.
„Massakrierte Türken“
Im Konsul-Hackfeld-Haus in der Innenstadt haben die türkischen Vereine eine Ausstellung namens „Die andere Seite der Medaille - Hintergründe der Tragödie von 1915 in Kleinasien“ aufgebaut, welche die Schuldzuschreibung schlichtweg umkehrt und zahllose Greuelfotos aneinanderreiht, die laut Bildlegende „Skelette getöteter türkischer Muslime“ und „massakrierte Türken“ zeigen. Die bizarre Schau ist, wie ein Plakat mit dem seltsamen Titel „Von Osmanen bis Heute - Armanischen Terrorismus“ verrät, aus dem Generaldirektorat des Türkischen Staatsarchivs importiert.
Im Vorraum trinken ein paar junge Türken Tee. „Wir werden in eine zweite Klasse eingestuft“, empört sich ein Endzwanziger mit offenem Hemd und hanseatischem Akzent, „und man gibt uns noch nicht mal die Möglichkeit zu reagieren.“ Für die gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte wählt er eine Pokermetapher: „Man soll sich an einen Tisch setzen und die Karten auf den Tisch legen: Was habe ich, was hast du?“ Ein achtundzwanzigjähriger Wirtschaftswissenschaftler betrachtet die Sache nüchterner. Er habe versucht, sich einzulesen - und zwar „nicht aus einseitiger Perspektive“, was schwer gewesen sei. Leugnungen wie „Es hat niemals Morde gegeben“ erklärt er sich damit, daß es auch auf türkischer Seite an handfesten Informationen mangele. Trotzdem läuft die Debatte für ihn in eine falsche Richtung: „Die Diskussion ist nicht mehr ehrlich, wenn man Ergebnisse präsentiert bekommt, ohne einbezogen worden zu sein.“
Gepfiffen und gebrüllt
Auch in Braunschweig steht seit dem 1. Mai ein armenischer Kreuzstein. Allerdings befindet er sich auf dem Privatgrundstück der evangelisch-lutherischen Brüderkirche am Rande der Fußgängerzone. Anders als der Bremer Senat, der seine schützende Hand über das Denkmal hielt, lehnte die Braunschweiger Verwaltung eine Unterstützung ab. Die offizielle Begründung lautet, der Stein passe nicht zum auf Lokalgeschichte konzentrierten „Gedenkstättenkonzept“.
Doch der CDU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Sehrt gibt eine deutlichere Erklärung: „In einer Kommune kann es nicht in Ordnung sein, daß man hier ein Zeichen setzt, das andere provoziert.“ Letztlich bot Pfarrer Frank-Georg Gozdek dem Gedenkstein Asyl und ließ ihn unter wütenden Protesten der Braunschweiger Türken am Chor seiner Kirche aufbauen. Wenn der rauschebärtige Gottesmann, in seiner bärenhaften Gestalt fast ein Wiedergänger Luthers, an die Einweihungsfeier zurückdenkt, packt ihn heiliger Zorn: „Wir haben ein deutsches Osterlied gesungen, und die haben gepfiffen und gebrüllt!“
Wieder vor Wien
In Gozdeks museal anmutender Pfarrstube biegen sich die Regalbretter unter stockfleckigen Folianten. In der Brüderkirche, so Gozdek, halte er den Gottesdienst „authentisch wie zu Luthers Zeiten“, also ohne schwarzen Talar, mit dem Gesicht zum Altar und mit viel Weihrauch: „Dadurch steht die Gemeinde der Ostkirche sehr nahe.“ Offensichtlich gilt in diesem Pfarramt kein Bilderverbot: An der Wand hängt neben zahlreichen Christusbildern auch Dürers „Melancholia“. Unter dem Stich sitzt der armenische Chirurg Kevork Kalatas, der die Aufstellung des Denkmals in Braunschweig vorangetrieben hat und sich noch lebhaft an die auf der Protestkundgebung spielenden Mehter-Kapellen erinnert, die einst an den Spitzen der osmanischen Heere marschierten. Fast erweckt die Beschreibung der Szene an der Braunschweiger Kirche den Eindruck, als stünden die Türken wieder vor Wien und nicht etwa vor dem Beitritt in die Europäische Union.
Für Kalatas, der viele türkische Patienten hat, ist die ablehnende Haltung der Türken keineswegs einheitlich: Von den ebenfalls vom türkischen Nationalismus traumatisierten Kurden und Aleviten, aber auch von ausgewanderten Sozialisten und Kommunisten gebe es Zuspruch. Kalatas spricht von den „armenischen Leichen im türkischen Keller“ und von der verdrängten Erinnerung. In seinem Heimatdorf sei er einmal von Kindern gefragt worden, ob die wenigen dort noch lebenden Armenier aus Kanada stammten. „Die Türken bauten ihren Staat auf einer Lüge“, sagt Kalatas, „nämlich der Heroisierung der Jungtürken.“ Deren Anerkennung als „Gauner“ sei für jeden Türken schmerzhaft.
Nach Bremen und Braunschweig will die Stiftung Armenisches Kulturerbe auch in anderen deutschen Städten Kreuzsteine errichten. So entstehe, hier spricht Elize Bisanz als die in Lüneburg lehrende Kulturwissenschaftlerin, beiläufig eine „Landkarte des öffentlichen Raums“. An den ersten Stationen hat sich schon gezeigt, daß die Wegmarken aus armenischem Granit den Raum nicht nur vermessen, sondern auch wie erinnerungspolitische Magnetsteine verändern. Eine durch Einschüchterung erzwungene Kirchhofsruhe wird keinen Bestand haben.