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Gedenken : Wir sollen uns schämen?

  • -Aktualisiert am

Armenischer Kreuzstein in Bremen Bild: F.A.Z. - Holde Schneider

Wie groß ist die Furcht der deutschen Kommunalpolitik vor den Türken? Gedenksteine in Kreuzesform, die von Armeniern errichtet und von Türken zerkratzt werden, sind nicht jedem Bürgermeister willkommen.

          Können es die Türken nicht einfach machen wie die Deutschen? Wir haben doch auch unsere Lektion gelernt. Anerkennung des Völkermords an den Armeniern gegen Beitritt zur Europäischen Union: Auf den Vorschlag eines solchen Handels laufen die Signale hinaus, die jüngst zwischen Ankara und Berlin hin und her gingen.

          Die deutsche Gedenkstättenlandschaft hält für türkische Besucher eine tröstliche Botschaft bereit: Auf ein schlechtes Gewissen kann man mächtig stolz sein. Da steht zum Beispiel in einem Park am Bremer Hauptbahnhof ein Elefant aus Backstein. Errichtet wurde das gewaltige Denkmal 1932 zur Erinnerung an die in Afrika gefallenen deutschen Kolonialkrieger. Als Namibia 1990 seine Unabhängigkeit erlangte, widmete man das Monument zum Antikolonialdenkmal um. Die Bremer Kaufleute hatten einst vom Kolonialismus gelebt, also übernahmen ihre weltoffenen Nachfahren die Verantwortung. Zur Zeit plant die Stadt ein Mahnmal zur Erinnerung an den Herero-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika. Dafür sollen Steine aus jener namibischen Wüste geholt werden, in welche die kaiserliche Schutztruppe die Aufständischen 1904 trieb, so daß sie an Hunger und Durst verendeten. Ob das Wort „Völkermord“ zum Kontext des Denkmals gehören soll, steht noch nicht fest.

          Das Wort „Lüge“ eingekratzt

          Nur hundert Meter vom Steinelefanten entfernt, steht an einem sandigen Weg seit dem 24. April ein armenisches Steinkreuz. Neben dem mannshohen Quader mit dem fein gemeißelten Halbrelief liegen verdorrte Blumen und ein ausgebranntes Teelicht. Eine kleine Tafel trägt die Inschrift: „Zum 90. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich gedenken wir der 1.500.000 ermordeten Armenier.“ Auf die Metallplatte hat jemand das Wort „Lüge“ gekratzt, in eckigen Großbuchstaben und nur aus schrägem Blickwinkel zu erkennen.

          Kirchenasyl: Gedenkkreuz in Braunschweig

          Mehmet Güven, in der Türkei geboren und 1972 zum Studium nach Bremen gekommen, betrachtet das Denkmal nachdenklich. Hat er etwa Verständnis für die Beschädigung der Plakette? Der Endvierziger im hellen Sommeranzug nickt: „Ja, das ist schon verständlich. Das Wort Völkermord ist eine Provokation für die Türken.“ Schon als das Denkmal in Anwesenheit von Bürgermeister Henning Scherf aufgestellt wurde, ging die türkische Bevölkerung auf die Barrikaden. Die „Stiftung Armenisches Kulturerbe“, die den Stein gestiftet hat, will die Fluchtwege der Exilarmenier mit einer Reihe von Denkmälern zurückverfolgen. Der letzte Stein, so erklärt die Stiftungsvorsitzende Elize Bisanz, soll zum hundertsten Jahrestag aufgerichtet werden, wenn möglich in der Türkei. Nach den Worten von Frau Bisanz nehmen die Steine jene Anerkennung vorweg, welche die deutsche Politik noch nicht vollzogen hat - womit sie auch Prüfsteine seien, wie die Bevölkerung reagiere.

          Die Freundschaft scheint vorbei

          In Bremen, wo die Stele nun wie ein miniaturisiertes Holocaust-Mahnmal in einem beschaulichen Park steht, schlug der demoskopische Sensor heftig aus. Rund vierzigtausend Türken leben in der Hansestadt, und lange Zeit sahen sie Scherf als ihren Freund an. „Der hat auf unseren Hochzeiten getanzt und zum Ramadan die Moscheen besucht“, so Güven. Seit das Denkmal steht, scheint es vorbei mit dieser Freundschaft. Bremens Partnerstadt Izmir wollte sogar die Beziehungen abbrechen, beließ es dann aber bei einem Brief mit dem Ausdruck tiefer Betrübnis. Güven, selbst im SPD-Ortsverein Bremen-Nord engagiert, setzte ein Protestschreiben an den Genossen Scherf auf: „Ihr Verhalten verletzt uns tief in unseren Gefühlen. Ich kann die Frage nicht beantworten, wenn mich meine Tochter eines Tages fragt: Papa, warum haben wir die Armenier ermordet? Vielleicht können Sie die Antwort geben.“

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